Ausblick 2018Die Schwellenländer wachsen schneller

Symbolbild: Wachstum - Baustelle in China
Symbolbild: Wachstum - Baustelle in ChinaGetty Images

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 ist die Weltwirtschaft sehr ungleichmäßig und im Vergleich zu früheren Konjunkturzyklen schwach gewachsen. Statt Zuwachsraten von vier oder fünf Prozent zu erreichen, wuchs die Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren gerade einmal mit gut drei Prozent. Für das geringere Wachstum waren zunächst vor allem die Industrieländer verantwortlich, später kamen dann politische Fehlentwicklungen in einigen Schwellenländern hinzu, die sich wachstumsdämpfend bemerkbar machten. Im Jahr 2015 wurden diese negativen Effekte noch durch den Verfall der Rohstoffpreise verstärkt. Deren Talfahrt erreichte im Frühjahr 2016 ihren Höhepunkt, seitdem haben sich die meisten Preise deutlich erholt. Parallel dazu haben sich auch die wirtschaftlichen Aussichten der Schwellenländer verbessert.

Der Internationale Währungsfonds geht in seiner jüngsten Prognose davon aus, dass sich das Wachstum in den Schwellenländern im nächsten Jahr von 4,6 auf 4,9 Prozent beschleunigt. Allerdings fällt auf, dass der IWF insgesamt sehr vorsichtig mit seinem Ausblick bleibt und auf die vielen verbleibenden Risiken hinweist. Unserer Ansicht nach ist es allerdings aufgrund der derzeit zu beobachtenden starken Konjunkturdynamik in diesen Ländern sehr wahrscheinlich, dass die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung 2018 wie schon in diesem Jahr besser ausfallen wird, als es in diesen Prognosen zum Ausdruck kommt.

Die vorsichtige Haltung vieler Prognostiker ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Wachstumserwartungen in den Jahren nach der Finanzkrise fast immer zu optimistisch waren. Mittlerweile hat man die Prognosefehler aus der Vergangenheit erkannt und daraus „gelernt“, vorsichtigere Einschätzungen abzugeben (Theorie der adaptiven Erwartungen: frühere Prognosen werden mit den tatsächlichen Ergebnissen verglichen und die neuen Erwartungen berücksichtigen den Prognosefehler der Vergangenheit). Doch diese Vorsicht führt für das Jahr 2018 in die Irre. Wir rechnen mit einem Wachstum in den Schwellenländern von über fünf Prozent.

China: solides Wachstum trotz schwächerem Immobilienmarkt

In fast allen Schwellenländern haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den vergangenen Monaten verbessert. Treffen die Prognosen des IWF zu, wird die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr nur in zwölf der 154 als Emerging Markets eingestuften Länder gegenüber dem Vorjahr zurückgehen (unter den betroffenen Ländern ist Venezuela am größten). Für 2018 prognostiziert der Währungsfonds sogar nur noch für fünf dieser Länder eine Rezession. Dies ist die geringste Anzahl seit 1980. Wir halten es für wahrscheinlich, dass sich das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern im nächsten Jahr weiter beschleunigt. 2017 wird ein Wert von knapp fünf Prozent erreicht werden, im Jahr 2018 dürfte die Wachstumsrate oberhalb dieses Wertes liegen.

An dieser Entwicklung hat China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und das mit Abstand größte Schwellenland, einen entscheidenden Anteil. In diesem Jahr wird die chinesische Wirtschaft um 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen und damit sogar etwas stärker als im Vorjahr. Dies ist vor allem auf die anhaltend starke Binnennachfrage zurückzuführen, aber auch auf die Erholung der Exportwirtschaft im Zuge der Belebung der Weltwirtschaft und des Welthandels. Für 2018 zeichnet sich eine etwas geringere Konjunkturdynamik ab, dies ist vor allem auf die Abschwächung des Immobilienmarktes zurückzuführen. Nachdem die Hauspreise im Jahr 2016 in vielen Städten sehr stark angestiegen waren, haben die chinesische Regierung und die Notenbank in diesem Jahr begonnen, den Markt bewusst abzubremsen, indem die Kreditbedingungen verschärft und die Möglichkeiten zum Erwerb einer (Zweit-)Immobilie beschränkt wurden. Allerdings könnten die Zügel nach den jüngsten Preisrückgängen im Verlauf des nächsten Jahres schon wieder etwas gelockert werden, so dass sich das Wirtschaftswachstum nur moderat verlangsamen sollte.

Der IWF prognostiziert für 2018 eine Wachstumsrate von 6,5 Prozent, wobei China in den vergangenen Jahren regelmäßig etwas stärker wuchs, als vom Währungsfonds ursprünglich erwartet wurde. Dies könnte 2018 erneut der Fall sein.

Indien: Reformen sorgen temporär für Unsicherheit

In den anderen drei großen Schwellenländern Indien, Brasilien und Russland dürfte sich das Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr beschleunigen. In Indien wurde das Wachstum in diesem Jahr durch die Ende letzten Jahres von der Regierung beschlossene Bargeldreform sowie von der zur Jahresmitte umgesetzten „großen“ Steuerreform, der Einführung einer neuen und einheitlichen Mehrwertsteuer, gebremst. Die mit diesen Maßnahmen verbundenen Unsicherheiten haben sich in diesem Jahr als Bremsklotz für die Investitionen erwiesen. Die Planungsrisiken für die Ausgaben der Unternehmen sollten jedoch langsam abebben, sodass die indische Wirtschaft 2018 wieder um mehr als sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen wird. Es verbleibt allerdings ein gewisses Risiko, dass die Investitionen auch weiter schwach bleiben, falls das Vertrauen der Firmen in die Wirtschaftspolitik der Regierung Modi nachhaltig beschädigt sein sollte.

Russland und Brasilien: Rohstoffpreise und lockere Geldpolitik beflügeln

Russland und Brasilien als Hauptprofiteure der anhaltenden Erholung der Rohstoffpreise werden ihre wirtschaftliche Aufholjagd nach den schweren Rezessionsjahren 2015 und 2016 im kommenden Jahr fortsetzen. Im Unterschied zum IWF, der für beide Länder eine etwas schwächere wirtschaftliche Dynamik im nächsten Jahr prognostiziert, erwarten wir für beide Länder ein beschleunigtes BIP-Wachstum von jeweils mindestens zwei Prozent. So wachsen im Moment in beiden Ländern die Exporte mit rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die sinkende Arbeitslosigkeit und die gleichzeitig zurückgehenden Inflationsraten erhöhen die Kaufkraft der Konsumenten, sodass 2018 in beiden Ländern von der Binnennachfrage ein stärkerer Wachstumsimpuls ausgehen wird. Zudem stützt die expansivere Geldpolitik der Zentralbanken Russlands und Brasiliens das Wachstum. So hat die russische Notenbank in diesem Jahr die Zinsen um 175 Basispunkte gesenkt und die brasilianische sogar um 625 Basispunkte.

Osteuropa: endlich wieder auf Wachstumskurs

In allen drei großen Schwellenländerregionen, also in Asien, Lateinamerika und Osteuropa, haben sich die Wachstumsperspektiven deutlich verbessert. Für die asiatischen Schwellenländer ist China der wichtigste Handelspartner, sodass diese ein Abbild der aktuellen konjunkturellen Lage im Reich der Mitte darstellen. Ähnlich verhält es sich mit Lateinamerika. Aufgrund der räumlichen Nähe ist dort zwar auch die US-Konjunktur ein wichtiger Einflussfaktor, noch dominanter ist jedoch der Einfluss der Rohstoffpreise auf die Konjunktur. So spielen für Länder wie Brasilien, Chile und Peru die Preise von Eisenerz, Kupfer und Nickel eine entscheidende Rolle für die Frage, ob sich die wirtschaftliche Lage verbessert oder verschlechtert. Bei den wichtigsten Industriemetallen entfällt auf China ein Anteil von mittlerweile mehr als 50 Prozent der globalen Nachfrage, von daher ist der Einfluss Chinas auf viele Volkswirtschaften Lateinamerikas immens.

Anders sieht es dagegen im Falle Osteuropas aus. Für diese Länder ist die enge wirtschaftliche Anbindung an Westeuropa entscheidend für ihren weiteren konjunkturellen Ausblick. Auch wenn die politische Lage in einigen (süd-)osteuropäischen Ländern kritisch zu hinterfragen ist, hat sich die Wirtschaft in den meisten Ländern kräftig erholt. So hat die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) gerade erst die Wachstumsprognosen für die Türkei, Lettland, Slowenien, Estland, Rumänien, Polen allesamt kräftig nach oben revidiert. Sollte sich die chinesische Wirtschaft entgegen unseren Erwartungen schwächer entwickeln, würde dies direkt negative Auswirkungen auf viele Länder Asiens und Lateinamerikas haben. Osteuropa würde dagegen relativ immun sein, solange es nicht zu einer neuen Krise in Westeuropa kommt. Die zunehmenden Exporte in die Eurozone sowie die von höheren Löhnen beflügelte Binnennachfrage kann Osteuropa zumindest für eine gewisse Zeit von den negativen Folgen einer unerwarteten Konjunkturschwäche Chinas abschirmen.

Für den Anleger bedeutet dies, dass sowohl Schwellenländeraktien als auch -anleihen eine interessante Option für das eigene Portfolio sind bzw. bleiben. Angesichts der guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verfügen aber auch die Aktienmärkte in den Industrieländern noch über weiteres Kurspotenzial. Anleihen aus diesen Ländern halten wir aber nur in Ausnahmefällen für attraktiv.