ReportageDie Retterin der Ukraine

Natalie Jaresko in der ukrainischen Botschaft in Washington
Natalie Jeresko in der ukrainischen Botschaft in Washington. Auch in den USA warb die Ministerin für die Ukraine – Foto: Greg Kahn Photography, LLC

Mit leuchtenden Augen serviert Natalie Jaresko, was sie für ihren größten Trumpf hält: „Margaret Thatcher hat gesagt: ,Es gibt keine Alternative!‘“, ruft die Frau mit den schwarzen Haaren und schaut dabei über die Lesebrille ins Publikum. „Und das Gleiche gilt heute für mein Land: Es gibt keine Alternative.“ Die Reaktion der Zuhörer bleibt verhalten. Es ist nicht ganz klar, ob sich mit Thatcher-Zitaten in London heute noch Begeisterung wecken lässt. Vor allem wenn es ums eigene Geld geht.

Jaresko, Finanzministerin der Ukraine, steht im London Capital Club, einem feinen Hinterzimmer-Treffpunkt im Finanzdistrikt der britischen Hauptstadt. Schwere, samtene Vorhänge, holzvertäfelte Wände, Kronleuchter, Ledersessel. Diese Mischung aus alter Gediegenheit und leichter Schlamperei, wie sie nur englische Clubs hinbekommen. Im Publikum sitzen Vertreter von Investmentfonds und Banken, Unicredit, Barclays Wealth Management, Europäische Bank für Wiederaufbau (EBRD). Gläubiger der Ukraine. Die Finanzministerin ist gekommen, um zu erklären, warum viele von ihnen ihr Geld wohl so bald nicht wiedersehen werden. Und warum die Ukraine trotzdem ein vertrauenswürdiger Partner ist. Jaresko ist Amerikanerin ukrainischer Abstammung. Eine Frau, die in ihrem blauen Kleid mit der Perlenkette ein bisschen wirkt wie eine strenge, aber freundliche Schulrektorin. Alleinerziehende Mutter zweier Töchter. Ihre Aufgabe ist es jetzt, ein Land zu retten.

Niemand verliert gern Geld

Die Ukraine ist ein Staat auf der Kippe. Das Land wäre übel genug dran, wenn da nur der Krieg mit Russland wäre, der Verlust der Krim und die politischen Wirren nach der Maidan-Revolution. Doch es kommt noch eine Wirtschaftskrise hinzu, die Griechenland im Vergleich wie eine Insel der Seligen erscheinen lässt. Das ukrainische Bruttoinlandsprodukt dürfte im laufenden Jahr noch einmal um über fünf Prozent einbrechen, nach minus 6,5 Prozent im vergangenen Jahr. Die Notenbank hat den Leitzins mittlerweile auf zerstörerische 30 Prozent angehoben, um irgendwie die rasende Inflation zu bremsen. Und die Landeswährung Hrywnja taumelt.

Eine Summe von 40 Mrd. Dollar soll nun helfen, das Land vor dem Staatsbankrott zu bewahren. 17,5 Mrd. Dollar kommen vom Internationalen Währungsfonds (IWF), 7,5 Mrd. sollen bilaterale Hilfen aus den USA und von einzelnen EU-Staaten bringen. Bleiben noch 15 Mrd., die Jaresko per Umschuldung, Zinskürzung oder sogar Schuldenschnitt den internationalen Gläubigern abringen soll, darunter an erster Stelle der Fondsgesellschaft Franklin Templeton. Bis Mitte Juni muss ein Deal stehen, sonst gerät die nächste Tranche des IWF in Gefahr. „Ob wir alle überzeugen können, wissen wir noch nicht“, sagt einer ihrer Berater. „Es geht darum, dass Leute Geld verlieren, und das tut niemand gern.“

Es gibt Analysten, die glauben, dass sich ein unkontrollierter Zahlungsausfall kaum vermeiden lässt. Um im Gespräch zu bleiben, muss Jaresko immer zwei Geschichten gleichzeitig erzählen: zum einen die von der Ist-Ukraine, die tief in der Tinte sitzt. Zum anderen die von dem blühenden Land, das die neue Regierung mit ihren Reformen aus ihr machen will. Und manchmal wirkt es, als präsentiere die Ministerin die Ukraine als eine Art Gegen-Griechenland, nicht nur wegen ihres Thatcher-Zitats. Energiesubventionen? Werden natürlich gekürzt. Verstaatlichungen? Kommen nicht infrage. Staatsbedienstete? Müssen deutlich weniger werden.

Wenn Jaresko nach ihrer Rede im Hinterzimmer über ihren Job spricht, glaubt man, in der Ferne Geschützfeuer zu hören. „Jeder tut, was er kann“, sagt sie. „Manche gehen an die Front und setzen ihr Leben aufs Spiel. Andere gehen in die Krankenhäuser und pflegen die Verwundeten. Ich wäre an der Front völlig nutzlos. Also mache ich das, was ich kann. Es ist das, was ich für mein Land in dieser Krise leisten kann.“