Interview„Die Pleite von Senvion wird nicht die letzte sein“

Yves Rannou
Yves Rannou ist seit mehr als 20 Jahren an führender Stelle im Erneuerbaren-Geschäft tätig – etwa bei GE und Alstom. Anfang 2019 übernahm er den Job als Senvion-Chef. Nach der Insolvenz geht nun ein Teil des einst als Repower groß gewordenen Unternehmens an den Windradhersteller Siemens Gamesa, der Rest wird abgewickeltJean-Pierre Clatot/AFP via Getty Images

Capital: Sie haben im Januar 2019 als Chef bei Senvion angefangen, nur drei Monate später mussten Sie Insolvenz anmelden. Wie war das für Sie?

Rannou: Insolvenz anmelden zu müssen, gehört zu den schlimmsten Dingen, die einem CEO passieren können. Und im Fall von Senvion war die Insolvenz ganz besonders bitter angesichts der Verschwendung von Werten – nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern vor allem auch, was unsere Mitarbeiter und ihre Fähigkeiten angeht. Natürlich habe ich mich auch gefragt, was das Unternehmen anders hätte machen müssen, um weiter zu leben.

Was ist Ihre Antwort?

Senvion hätte sich früher nach einem größeren Partner umschauen müssen. Ich glaube nicht, dass ein mittelgroßer Hersteller wie Senvion auf Dauer in der Lage ist, alleine zu überleben. Die Windindustrie hat einen immer größeren Kapitalbedarf, es kostet Hunderte Millionen Euro, um eine neue Offshore-Plattform zu entwickeln. Wäre Senvion dazu in der Lage gewesen? Nein. Der Markt für Onshore-Anlagen ist extrem eng, mit vielen Herstellern und Modellen. Macht es Sinn, so viele verschiedene Hersteller aus dem Westen zu haben? Nein. Eine Konsolidierung der Windindustrie ist notwendig, daher wäre für Senvion eine andere Strategie vermutlich besser gewesen. Aber ich will das frühere Management nicht verurteilen. Im Nachhinein sind die Dinge immer klarer.

Welchen Anteil hat die Politik daran, dass das Land einen Windkraftpionier verliert – etwa durch die Änderung des Vergütungssystems für die Erneuerbaren Energien oder schleppende Genehmigungen für neue Windparks?

Ich will die Politik mitnichten alleine verantwortlich machen, die Insolvenz hat einen ganzen Cocktail an Ursachen. Aber der negative Effekt durch die veränderten politischen Rahmenbedingungen für die Windbranche in Deutschland ist glasklar. Uns als Unternehmen hat die neue Regulierung letztlich über den Zaun gedrückt. Was wir uns selbst vorwerfen müssen, ist die Tatsache, dass wir nicht rechtzeitig erkannt haben, welche Auswirkungen die Änderungen in der deutschen Energiepolitik haben.

Ein Unternehmen darf sich nicht auf die Politik verlassen

Yves Rannou

Für die deutschen Klimaziele spielt die Windkraft eine zentrale Rolle – das betont auch die Bundesregierung in ihren Strategiekonzepten zur Energiewende. War es naiv, die Politik beim Wort zu nehmen?

Ein Unternehmen darf sich für seine Strategie nicht auf die Politik verlassen. Wir wissen, wie volatil Politiker entscheiden können. Deshalb muss ein Unternehmen immer auf verschiedene Szenarien vorbereitet sein. Die große Abhängigkeit vom deutschen Heimatmarkt mit einem Umsatzanteil von rund 65 Prozent war für Senvion ein großer Fehler. Senvion hat zu spät angefangen, das Geschäft zu internationalisieren. Das lag auch daran, dass die Firmenkultur und die stark auf Deutschland zugeschnittene Struktur des Unternehmens für eine verstärkte internationale Expansion einfach nicht passend waren.

Senvion war unter früheren Namen Repower ein Pionier der deutschen Windbranche. Was sagt uns die Pleite über den Zustand der Industrie?

Die Insolvenz von Senvion ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Wir waren die ersten in unserer Branche, die es erwischt hat. Aber wir werden nicht die letzten sein. Es wird noch eine ganze Menge passieren.

Was befürchten Sie konkret?

Schauen Sie sich an, was in den vergangenen Wochen an Nachrichten aus der deutschen Windbranche kam. Alle leiden derzeit heftig: die großen Konzerne, die mittelgroßen Player, die Zulieferer. Vor allem die mittelgroßen Unternehmen wie Senvion haben in jüngster Zeit zu harten Maßnahmen greifen müssen: von Restrukturierungsplänen über Kapitalerhöhungen bis hin zur Streichung von Jobs in nennenswerter Größenordnung. Das erinnert mich stark an das, was im vergangenen Jahr bei Senvion passiert ist.

Sie reden vom Windradhersteller Enercon, der 3000 Arbeitsplätze streichen will, weil er in Deutschland viel zu wenige Anlagen verkauft.

Allgemein sehen wir bei vielen Unternehmen der Branche typische Symptome einer schweren Krise: Es gibt Kapitalerhöhungen, neue Projekte werden gestreckt und verzögern sich, Sanierungspläne werden aufgelegt, inklusive Stellenabbau. So fing es bei uns auch an. Und am 9. April haben wir Insolvenz beantragt. Natürlich wünsche ich niemandem, dass er unser Schicksal teilt. Aber wir dürfen nicht blind sein. Deshalb sollten sich alle darauf vorbereiten, die Schmerzen der Krise zu begrenzen – für die Mitarbeiter, für die Kunden, für die Geldgeber, für die Zulieferer. Am besten geht das in einer Situation, in der die Unternehmen selbst das Sagen haben, und nicht das Insolvenzgericht.