Windenergie Gefährliche Flaute bei Enercon

In der ostfriesischen Kreisstadt Aurich macht das Werksgelände des Windradherstellers Enercon und seiner bisherigen Zulieferer fast einen eigenen Stadtteil aus. Nach vielen Jahren des Booms kämpft das Unternehmen seit Monaten mit massiven Problemen
In der ostfriesischen Kreisstadt Aurich macht das Werksgelände des Windradherstellers Enercon und seiner bisherigen Zulieferer fast einen eigenen Stadtteil aus. Nach vielen Jahren des Booms kämpft das Unternehmen seit Monaten mit massiven Problemen
© Tomas Engel
Das Aushängeschild der deutschen Ökostrombranche steckt in einer schweren Krise. Das Management des Auricher Windradherstellers Enercon sagt: Politiker sind schuld. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Die Misere geht auch auf das eigene Konto

Am letzten Tag vor dem geplanten Ende wirkt das riesige Fabrikgelände im Norden von Aurich schon, als hätte jemand den Schalter ausgeknipst. Vor dem Werk der Firma KTA, einem Zulieferer für den Windanlagenbauer Enercon, stapeln sich Ende Februar die Rotorblätter wie gigantische Mikadostäbe. Die Fenster des Werks sind dunkel, kein Mensch ist zu sehen. Nur wenn man ein wenig zu lange vor dem Zaun steht, fährt ein Mann in einem weißen Auto vor: der Sicherheitsdienst von Enercon.

Was in dem Gebäude, in dem in guten Zeiten mehr als 1000 Mitarbeiter Rotorblätter für die Windräder von Enercon bauten, noch passiert und wie es dort weiter geht, weiß außerhalb des ostfriesischen Unternehmens niemand. Auch nicht die Mitarbeiter des Energie-Infozentrums EEZ der Stadt Aurich direkt neben dem Fabrikgelände. „Enercon sagt uns nichts“, sagen sie dort. Da ergehe es ihnen auch nicht anders als den Beschäftigten von Enercon selbst: „Auch die wissen nur das, was in der Zeitung steht.“

Zumindest die alten Reflexe funktionieren noch bei Enercon, einem der verschlossensten Großunternehmen der Republik. Noch heute tickt der Konzern wie sein Gründer Aloys Wobben, ein genialer Ingenieur und Tüftler, aber autokratischer Firmenchef. Doch sonst war bei dem Unternehmen, das die Energiewende über die Jahre zu einem Koloss mit 5,6 Mrd. Euro Jahresumsatz aufpäppelte, schon vor dem Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr viel, wie es in den guten Zeiten einmal war. Dass die Windenergie in Deutschland in einer schweren Krise steckt, trifft kein Unternehmen härter als den wichtigsten Windradbauer des Landes – und mit ihm auch eine ganze Region.

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Seit 2017, dem letzten Boomjahr, ist der Umsatz von Enercon um weit mehr als 1 Mrd. Euro abgestürzt. Erstmals in ihrer Geschichte machte die Ikone der deutschen Ökostrombranche Verluste, 2019 nach eigenen Angaben einen „hohen dreistelligen Millionenbetrag“. Im vergangenen Herbst drohte Enercon zwischenzeitlich sogar die Liquidität auszugehen. Auch 2020 wird es einen Verlust geben. Zuletzt kündigte die Enercon-Führung Anfang Juni an, ihre Pläne für einen weitreichenden Konzernumbau noch einmal zu verschärfen – inklusive einem Verkauf von Unternehmensteilen.

In der Öffentlichkeit schiebt Konzernchef Hans-Dieter Kettwig die Schuld an der Misere gerne auf die Politik. Tatsächlich speckte die Bundesregierung 2017 die üppigen Vergütungen für Grünstrom ab und stellte die Förderung auf ein Auktionsmodell um, bei dem es in der Umsetzung anfangs hakte. Dazu verhindern fehlende Genehmigungen und Klagen den Bau neuer Windparks an Land. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland deshalb insgesamt nur noch 282 neue Turbinen in Betrieb genommen – davon 91 von Enercon, die an ihren von Sir Norman Foster designten eiförmigen Gondeln schon von Weitem erkennbar sind. Im Rekordjahr 2017 hatte noch allein das Auricher Unternehmen 711 neue Anlagen aufgestellt. Ein historischer Einbruch.

Doch der Absturz des heimischen Windmarktes ist nur zum Teil die Ursache für Enercons Schieflage. In Wahrheit liegen die Wurzeln der Krise auch in einer sektenartigen Firmenkultur: eine autoritäre Führung, die alles selbst entscheiden will, ein undurchschaubares, schwer zu steuerndes Konzerngeflecht, Cliquenwirtschaft, fehlende Kontrolle von außen und ein Umgang mit Mitarbeitern, den sich eigentlich kein Arbeitgeber mehr leisten kann. In einem internen Memo, das Capital vorliegt, räumte Kettwig im vergangenen Herbst ein: Die Krise sei „zum Teil hausgemacht“.

Die Folgen dieses Managementversagens, das in die Anfangszeiten unter Wobben zurückgeht, ziehen Enercon nun in der Flaute noch stärker herunter: eine ungesunde Abhängigkeit vom Heimatmarkt, falsche Produkte, viel zu hohe Kosten, eine gestörte Kommunikation mit der Politik. Hinzu kommen massive Qualitätsmängel bei einigen Anlagen. Dabei genossen die von Wobben entwickelten getriebelosen und daher wartungsarmen Turbinen über viele Jahre weltweit den Ruf als „Mercedes unter den Windrädern“ – weshalb viele Kunden auch bereit waren, die höheren Preise zu bezahlen. Um auf Dauer als eigenständiger Hersteller überleben zu können, muss der Konzern jetzt nicht nur seine Strukturen ändern, sondern auch seine Kultur.

„Die Messe ist gelesen“

Anfang November 2019, Staatskanzlei Hannover. Seit einigen Tagen ist bekannt, wie die Enercon-Führung das Schlimmste verhindern will: bis zu 3.000 der konzernweit rund 18.000 Jobs sollen gestrichen, mehrere exklusive Zulieferer wie die Auricher Firma KTA komplett geschlossen werden. Die Fertigung der Rotorblätter, die Enercon bislang wie fast alle großen Bauteile praktisch in Eigenregie produziert hat, soll ins Ausland verlagert werden, wo die Lohnkosten viel günstiger sind und die Ostfriesen neue Märkte für ihre Anlagen erschließen wollen. Ein Schock für Niedersachsen.

Nun muss Kettwig zum Rapport zu Ministerpräsident Stephan Weil – einer der Termine, die der Unternehmenschef gar nicht mag. Noch nie hat man sich bei Enercon reinreden lassen, schon gar nicht von Politikern. Nach dem Krisengespräch steht Kettwig mit finsterer Miene neben Regierungschef Weil und klagt über die Politik: „Man hat uns den Stecker gezogen.“ Alle Versuche, Einfluss zu nehmen, kämen zu spät, an dem Stellenabbau lasse sich nichts mehr ändern. Dann folgt ein Satz, kalt wie Eis: „Die Messe ist gelesen.“

Immerhin ist Kettwig, der seit 1991 als Multi-Geschäftsführer in Wobbens Reich dient, überhaupt erschienen – keine Selbstverständlichkeit bei Enercon. Noch im Sommer 2018, als bei direkten Zulieferern des Unternehmens eine erste Entlassungsrunde anlief, verweigerte sich die Firmenspitze sämtlichen Gesprächen mit Spitzenpolitikern. Sogar den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ließ Kettwig damals sitzen – eine bemerkenswerte Strategie in einer Branche, die wie kaum eine zweite am Tropf der Politik und staatlicher Förderungen hängt. Das Unternehmen beschädige sich selbst, wenn es sich so verhalte, sagt Niedersachsens Energieminister Olaf Lies.

Als die Empörung hochschlug, erklärte Kettwig im Intranet, man habe nicht den Eindruck erwecken wollen, dass es Verhandlungsspielraum gebe, „wo in Wahrheit keiner ist“. Zudem behauptete der Konzern, bei den betroffenen Zulieferern handele es sich um eigenständige Unternehmen – obwohl viele von ihnen exklusiv für Enercon arbeiteten und Eigentümern gehörten, die über komplizierte Firmenkonstruktionen mithilfe von Steueroasen und Stiftungen ins Umfeld von Konzerngründer Wobben führen. Im Fall des Rotorblattfertiger Aero Ems im emsländischen Haren etwa war die Enercon-Spitze erst zu Gesprächen über den Jobabbau bereit, als Bürgermeister Markus Honnigfort damit drohte, öffentlich zu machen, wer die Verträge für das Werksgelände unterschrieben hat: Wobben und Kettwig. „So geht man mit Mitarbeitern nicht um“, sagt Honnigfort.

Ein Enercon-Windrad in der Nähe von Aurich – eines von 17000 in Deutschland. Seit den Anfängen der Windenergie waren die Ostfriesen Marktführer in ihrem Heimatmarkt. Im Jahr 2019 verloren sie die Position an den Konkurrenten Vestas
Ein Enercon-Windrad in der Nähe von Aurich – eines von 17.000 in Deutschland. Seit den Anfängen der Windenergie waren die Ostfriesen Marktführer in ihrem Heimatmarkt. Im Jahr 2019 verloren sie die Position an Vestas (Foto: Tomas Engel)

Bereits unter Wobben sei das politische Auftreten von Enercon „eine Katastrophe“ gewesen, sagt ein langjähriger Wegbegleiter des Gründers. Wobben, ein kauziger Ingenieur aus dem Emsland, hatte bereits in den 70er-Jahren begonnen, mit Windrädern zu experimentieren. 1984 gründete er das Unternehmen – besessen von der Idee, die Welt mit sauberem Strom zu versorgen. In Aurich sah man Wobben häufig auf dem Fahrrad oder in einem alten Audi, den er schon früh auf Batteriebetrieb umrüsten ließ. Auch als mehrfacher Milliardär lebte der Enercon-Gründer in einem gelben Klinkerbau am Rande der Stadt, auf dessen Briefkasten bis heute „Fam. Wobben“ steht. Die große Politik habe Wobben stets gemieden, weil er sie für „böse“ gehalten habe, erzählt der Wegbegleiter. Lieber fachsimpelte er über die technischen Details seiner Windräder oder sein eigenes Klimamodell und hielt Vorträge, denen kaum jemand folgen konnte.

Unter Wobbens Führung stieg die Firma aus der niedersächsischen Provinz zu einem Weltunternehmen auf. 2012 folgte ein tiefer Einschnitt: Der Gründer zog sich wegen seiner fortschreitende Demenzerkrankung aus der Führung zurück. Intern sei aber schon lange vorher erkennbar gewesen, dass der Chef nicht mehr auf der Höhe sei, erzählen Insider. Dennoch galt das Wort des Patriarchen weiterhin für alle als Gesetz.

Es gehört zu den Eigenheiten von Enercon, wie sich die Verhältnisse an der Unternehmensspitze bereits in der Zeit von Wobbens Krankheit neu sortierten. Die Kontrolle übernahmen immer stärker zwei Frauen aus Wobbens engstem Umfeld: seine Sekretärin Nicole Fritsch-Nehring und eine Abteilungsleiterin, die als Physikerin sein Vertrauen genoss. „An den beiden kam keiner mehr vorbei“, sagt einer von Enercons Großkunden, der die Machtverhältnisse in Aurich seit Langem kennt.

Das erste Serienmodell von Enercon, die E15, steht heute im Auricher EEZ. In den Zeiten von Firmengründer Aloys Wobben war Enercon der Konkurrenz technologisch lange Zeit voraus
Das erste Serienmodell von Enercon steht heute im Auricher Energie-Erlebniszentrum EEZ. In den Zeiten von Firmengründer Aloys Wobben war Enercon der Konkurrenz technologisch lange Zeit voraus

2012 rückte Fritsch-Nehring dann aus dem Vorzimmer des Chefbüros direkt in die Geschäftsführung neben Kettwig auf. Zugleich übernahm sie noch einen weiteren Vorstandsposten: in der Aloys-Wobben-Stiftung, in die der Gründer Ende 2012 einen großen Teil seines Konzerns einbrachte, um sein Lebenswerk zu sichern und zu verhindern, dass es im Erbfall zerschlagen werden könnte. Im Vorstand der mächtigen Privatstiftung saßen alsbald dieselben Leute wie an der Konzernspitze: Kettwig, Fritsch-Nehring, später auch Wobbens Neffe Simon, der schon bald nach seinem Studium an die Enercon-Spitze rückte. Die Führungsclique beaufsichtigte sich also jahrelang selbst. Daher störte sich etwa auch niemand daran, dass Kettwig und weitere Topmanager nebenbei auch noch zahlreiche private Firmenbeteiligungen unterhielten – unter anderem bei Windparks in der Region, die ihre Anlagen wiederum üblicherweise bei Enercon kauften.

Während Enercon zu einem Weltkonzern heranwuchs, wurde die verschachtelte Unternehmensgruppe mit ihren Dutzenden Tochterfirmen und Beteiligungen immer noch geführt wie in der Anfangszeit. Ähnlich wie Wobben, der ständig um die Unabhängigkeit seiner Firma fürchtete, legt auch Kettwig einen ungeahnten Kontrollwahn an den Tag. Jahrelang unterschrieb er praktisch jeden Liefervertrag für Windräder selbst – nur das Lesen der Verträge überließ er seinen Mitarbeitern. Selbst Vorgänge mit lächerlichen Summen wanderten bis zuletzt über seinen Schreibtisch. Mitarbeiter aus dem Vertrieb und von ausländischen Töchtern klagen, dass sie ohne Zustimmung aus Aurich kaum etwas entscheiden können. Auch als es 2016 zu einem Machtkampf zwischen Kettwig und Fritsch-Nehring kam, wurde das Problem auf eine Weise gelöst, die typisch für Enercon ist: Fritsch-Nehring ging in den Urlaub – und kam nicht mehr zurück.

Traumhafte Gewinne und Luxusprojekte

Trotz dieser Firmenkultur hatte Enercon gigantischen Erfolg, solange der deutsche Markt brummte. Jahrelang machte der Windradbauer traumhafte Gewinne, nach Steuern waren es 400 Mio. Euro oder sogar mehr. In Aurich ist heute unübersehbar, wie groß und reich das Unternehmen geworden ist – nicht nur im Gewerbepark Aurich-Nord, der einst mithilfe von EU-Fördermitteln entstand und längst fast ein eigener Enercon-Stadtteil ist. Noch vor 25 Jahren gab es hier in der Gegend nicht viel mehr als plattes Land.

In den Zeiten, in denen es Enercon gut ging, habe Aurich natürlich enorm profitiert, sagt Horst Feddermann, der Bürgermeister der Kreisstadt mit 40.000 Einwohnern. Steuern, Arbeitsplätze, Zulieferer. Allein im besten Jahr 2013 habe man 166 Mio. Euro an Gewerbesteuer eingenommen, sagt Feddermann – bei einem gesamten Haushaltsvolumen von rund 90 Mio. Euro. „Das war natürlich der Hammer.“ Wie viel genau davon auf das Konto von Enercon ging, sagt Feddermann selbstverständlich nicht. Steuergeheimnis. Aber klar ist: Es war der mit weitem Abstand größte Teil.

Aurichs neuer Bürgermeister Horst Feddermann spürt die massiven Folgen der Enercon-Krise in seinem Haushalt. Viele Prestigeprojekte aus den fetten Jahren rächen sich jetzt (Foto: Tomas Engel)
Aurichs neuer Bürgermeister Horst Feddermann spürt die massiven Folgen der Enercon-Krise in seinem Haushalt. Viele Prestigeprojekte aus den fetten Jahren rächen sich jetzt (Foto: Tomas Engel)
© Tomas Engel

Um zu zeigen, wo das Geld gelandet ist, blättert Feddermann durch eine Broschüre des Tourismusamtes. Aurich habe sich in den vergangenen Jahren „einiges leisten können“, sagt der parteilose Bürgermeister, der im Herbst 2019 ins Amt kam: komplett kostenfreie Kitas schon seit vielen Jahren, neue Gebäude und Geräte für die Feuerwehr für fast 20 Mio. Euro, ein „Wohlfühlbad“ für fast 20 Mio. Euro, das Energie-Informationszentrum EEZ neben dem Rotorenwerk für fast 30 Mio. Euro, ein neues Familienzentrum, ein neues Stadtwerk, für das sich die Kommune mit Enercon zusammentat. „Natürlich haben wir uns einiges gegönnt, was sich eine Stadt unter normalen Bedingungen nicht gönnen würde“, sagt Feddermann. Viele Nachbarn blickten lange mit Neid nach Aurich.

Längst aber hat die Krise bei Enercon aber auch den Haushalt der Stadt erreicht. Schon 2017 schmierten die Einnahmen auf 43 Mio. ab, 2018 waren sie sogar leicht negativ. Manch eines der Luxusprojekte entpuppt sich nun als Bürde, etwa das EEZ und das Bad. Nicht nur die Führung von Enercon, auch die Stadt scheint sich darauf verlassen haben, dass es mit dem Unternehmen immer nur aufwärts geht. „Man hätte etwas enthaltsamer sein sollen“, sagt Feddermann. „Ist man aber nicht gewesen.“ Der neue Bürgermeister war gerade einmal vier Tage im Amt, als ihn Enercon-Chef Kettwig anrief – mit der Nachricht, dass er in Aurich mehr als 1000 Leute entlassen will.

Doch offene Kritik an der Firmenspitze hört man in Aurich kaum. Auch der ruppige Umgang mit Mitarbeitern und Gewerkschaften, für den schon Gründer Wobben berüchtigt war, sowie dubiose Firmenkonstruktionen über Steueroasen wurden hingenommen – solange Enercon nur viele Jobs in der strukturschwachen Region schuf. „Viele haben in Enercon in erster Linie eine Geldquelle gesehen“, sagt Thomas Gelder, der bei der IG Metall Leer-Papenburg für Enercon zuständig ist. „Die Politik hat beide Augen zugedrückt, unabhängig von Parteien.“ Die Folge: Betriebsräte werden bei Enercon vor allem geduldet, wenn sie die Interessen der Konzernführung vertreten. Die IG Metall dagegen gilt bis heute als Todfeind – nicht nur an der Spitze, sondern auch in weiten Teilen der Belegschaft.

Selbst von den Beschäftigten, die in den vergangenen Monaten ihren Job verloren haben, hat sich bis heute kein einziger an die Gewerkschaft gewandt. Bei dem SPD-Bundestagsabgeordneten Johann Saathoff, zu dessen Wahlkreis Aurich gehört, meldeten sich einige Betroffene sogar nur, um sich zu beschweren: darüber, dass Saathoff die IG Metall bei den Verhandlungen über die Sozialpläne einbinden wollte – weil sich dadurch angeblich die Konditionen verschlechtern würden. Am Ende handelten die Betriebsräte vor Ort die Sozialpläne ohne die Gewerkschaft aus – im Eiltempo.

In einer solchen Angstklima konnte die Konzernführung ohne Gegengewicht herrschen. Auch das ist eine Ursache für die Managementfehler und strategischen Fehlentscheidungen in den Boomjahren, deren Auswirkungen jetzt die Misere verschärfen. Eine davon: die veräumte Expansion in wichtige internationale Märkte.

April 2015, Hannover-Messe, Halle 27. Die Industriemesse ist einer der ganz wenigen Termine, bei denen Enercon zumindest ein bisschen von sich preisgibt. Traditionell hält Konzernchef Kettwig hier ein Update über das Unternehmen und seine neuen Produkte. Es heißt, dass die Lokalzeitung aus Aurich stets einen Praktikanten nach Hannover schickt, damit der jede Folie von Kettwigs Präsentation abfotografiert.

Man habe ja lesen können, sagt Kettwig gleich zu Beginn, Enercon sei verschlossen und könne „nicht so gut mit seinen Mitarbeitern“. Das will er natürlich nicht so stehen lassen. Also bedankt er sich im jovialen ostfriesischen Ton bei den „tollen Kollegen“, den „lieben Banken“, den „lieben Investoren“. Und auch für die „geschätzten Kunden“ hat Kettwig eine Botschaft: „Seid uns nicht böse, Enercon ist ein bisschen teurer.“

Dann geht es durch den Vortrag: Installierte Megawatt, Mitarbeiter, Technologie, Eigenkapital, Auslandsmärkte. „Wir suchen uns Märkte aus, wo wir gerne hingehen“, sagt Kettwig. „Wo wir nicht so gerne hingehen, die lassen wir ein bisschen außen vor.“ Kettwigs nächste Folie: Installationen von Enercon im Jahr 2000. „Indien, unser Lieblingsland, war damals auch noch dabei“, sagt er. Eine Folie weiter, „Installationen heute“, ist Indien durchgestrichen. Nun wolle man mit einem indischen Partner den Dialog wieder aufnehmen, sagt er, damit Enercon sich dort wieder „wohlfühlt“.

Ein Enercon-Windradmodell im Auricher Energie-Erlebniszentrum EEZ: Das Unternehmen will seine Turbinen nun stärker auf die Anforderungen des Weltmarktes ausrichten – und günstiger produzieren (Foto: Tomas Engel)
Ein Enercon-Windradmodell im Auricher Energie-Erlebniszentrum EEZ: Das Unternehmen will seine Turbinen nun stärker auf die Anforderungen des Weltmarktes ausrichten – und günstiger produzieren (Foto: Tomas Engel)

Nicht nur aus Indien, auch aus einem anderen heutigen Boommarkt sind die Ostfriesen früh geflüchtet, weil sich Wobben dort die Finger verbrannte: die USA. In Indien gab es Krach mit dem Joint-Venture-Partner, der sich bis heute hinzieht. In den USA wurde der Konzern von einem Rivalen vor Gericht gezerrt, der Enercon angeblich mithilfe der NSA ausspioniert haben soll. Mit den USA wollte Wobben nichts mehr zu tun haben.

Doch auch nach dem Rückzug des Patriarchen aus der Konzernführung mieden seine Manager wichtige Auslandsmärkte. Enercon ist heute außerhalb der EU zwar in Ländern wie der Türkei, Brasilien und Kanada aktiv – aber eben nicht in den USA und Asien, wo die Windenergie besonders boomt. Noch im Jahr 2016 stoppte Kettwig unterschriftsreife Verträge für einen Wiedereinstieg in den USA. Auch das Geschäft mit Anlagen für Windparks auf See, das Wobben wegen der höheren technischen Risiken nicht geheuer war, ließ das Unternehmen weiter links liegen – obwohl viele Experten die Zukunft der Windenergie nicht nur in Deutschland vor allem Offshore sehen, weil die Anlagen weit draußen vor den Küsten weniger Konflikte auslösen als an Land.

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Die versäumte Internationalisierung will Enercon nun eilig nachholen. Acht bis zehn Länder hat die Konzernführung dafür identifiziert – darunter die USA, Indien und Südamerika. Doch in allen diesen Märkten tummeln sich nicht nur größere, kapitalstarke Wettbewerber wie Vestas, GE und Siemens. Enercons Anlagen gingen zuletzt auch an den Bedürfnissen vieler Kunden vorbei – gerade auf dem Weltmarkt, wo durch das Abschmelzen staatlicher Förderregime ein extrem harter Preiswettbewerb herrscht: zu teuer, zu schwer, auch technologisch nicht mehr ganz weit vorne. Man habe zu langsam auf neue Markttrends reagiert, räumte die Konzernspitze Ende 2019 in einem Brandbrief an die Mitarbeiter ein. Daher könne „Enercon seinen Kunden in relevanten Märkten keine wettbewerbsfähigen Produkte zu den geforderten Kosten liefern“. Selbst in ihrer Bastion Deutschland büßten die Ostfriesen im vergangenen Jahr den Platz als Marktführer an Vestas ein – zum ersten Mal, seitdem dazu Statistiken geführt werden.

Ein weiteres Problem sind die Qualitätsmängel, die am Image von Enercon als Technologieführer kratzen. So traten etwa bei Dutzenden bereits ausgelieferten Anlagen vom Typ E-141 Risse an den Betontürmen auf, die auf Enercon-Kosten repariert werden mussten. Inzwischen wird dieses Modell, das auch deutlich teurer war als vergleichbare Anlagen anderer Hersteller, nicht mehr produziert. Eine „fehlgeleitete Entwicklung“ erfordere „kostenintensive Sanierungen von errichteten Anlagen“, heißt es in internen Unterlagen, die Capital vorliegen. In Aurich ist die Rede von Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Enercon wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern.

Neue Struktur, alte Probleme

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Aus der Krise finden will der Konzern nun mit einem harten Sparkurs. Die neuen Anlagen sollen „kompromisslos“ auf die niedrigsten Stromproduktionskosten ausgerichtet werden. Dafür müssen die eigenen Kosten um 20 bis 30 Prozent runter – unter anderem, indem der Hersteller nicht mehr fast alle Komponenten selbst fertigt, sondern günstiger im Ausland einkauft. Um das Sparprogramm durchzuziehen, holte Enercon im vergangenen Jahr erstmals Berater ins Unternehmen. Zudem erweiterten zwei erfahrene Manager der Konkurrenten Siemens Gamesa und Nordex die Geschäftsleitung und verantworten nun die Ressorts Finanzen und Technologieentwicklung – auch um die nervös gewordenen Banken zu beruhigen. Dauerchef Kettwig, um den sich im Herbst intern bereits Putschgerüchte rankten, gilt vielen in der Branche seither als entmachtet.

Darüber hinaus arbeitet die neue Führungsriege an einem radikalen Konzernumbau, mit dem Enercon international wettbewerbsfähiger werden soll. So plant das Unternehmen, das seit vielen Jahren auch einer der größten Windparkbetreiber Deutschlands ist, seine eigenen Windparks in ein neues Joint-Venture mit dem Oldenburger Versorger EWE einzubringen. Mit den Erlösen, die bei dem Deal anfallen, soll unter anderem die kapitalintensive Auslandsexpansion finanziert werden. Das Ziel des Umbaus: Enercon soll sich in Zukunft komplett auf den Turbinenbau konzentrieren.

Für den Turnaround hat sich die Konzernführung Zeit bis 2022 gegeben. Erst dann, so ihre Einschätzung, werde sich auch der Markt in Deutschland erholen. Anfang Juni vermeldete Enercon immerhin eine Entschärfung der schon vor Corona stark angespannten Finanzlage: Man habe bei einem Bankenkonsortium eine neue Finanzierung in Höhe von 1,1 Mrd. Euro gesichert – die Hälfte davon als Verlängerung bestehender Darlehen.

Zudem setzt der Konzern auf die Finanzkraft eines Akteurs, der noch verschlossener ist als er selbst: die Aloys-Wobben-Stiftung. Seit ihrer Gründung im Jahr 2012 kassierte die Eigentümerin des Unternehmens, die als Stiftungszweck unter anderem die Absicherung von Stifter Wobben und seiner Familie verfolgt, nach Angaben aus Enercon-Geschäftsberichten fast 800 Mio. Euro an Ausschüttungen. Ansonsten hielt sie sich bei dem Unternehmen weitgehend heraus. Doch in der schwersten Krise der Konzerngeschichte hat sich die Stiftung eingeschaltet. In der Branche ist die Rede von einer Kapitalerhöhung. Auf Anfrage äußerte sich Enercon dazu nicht.

Aktiv geworden ist auch Aloys Wobbens Ehefrau Thekla, die seit 2017 weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit dem Beirat der milliardenschweren Stiftung vorsitzt. Bei Enercon zog sie bislang allenfalls im Hintergrund bei wichtigen Personalfragen die Strippen – etwa im vergangenen Sommer, als ihr Neffe Simon überraschend das Unternehmen verließ. Nachdem im Herbst die Empörung über den geplanten Stellenabbau hochschlug, reiste Thekla Wobben zu einem diskreten Gespräch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Weil nach Hannover. Ihre Botschaft: Enercon wolle sich ändern – auch im Verhältnis zu den Gewerkschaften und der Politik.

Einige Monate ist das nun her. Doch wirklich getan hat sich seither nicht viel. Eine gemeinsame Task Force mit der Landesregierung zur Zukunft der Arbeitsplätze in der Windindustrie verlief im Sand. Auch das Versprechen, zu einem „fairen Umgang“ mit den Gewerkschaften zu kommen, habe in den Betrieben noch nicht viel geändert, sagt Niedersachsens Energieminister Lies. Politische Signale wie der Besuch von Wobbens Frau in der Staatskanzlei seien allenfalls „Einzelereignisse“, aber keine neue Linie des Unternehmens. Bislang seien die Zusagen nicht mit Leben gefüllt worden, sagt Lies. „Wenn es nichts zu verkünden gibt, wurschteln die weiter vor sich hin.“

Der Beitrag ist zuerst in Capital 4/2020 erschienen. Interesse an Capital ? Hier geht es zum Abo-Shop , wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay

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