WindenergieGefährliche Flaute bei Enercon

In der ostfriesischen Kreisstadt Aurich macht das Werksgelände des Windradherstellers Enercon und seiner bisherigen Zulieferer fast einen eigenen Stadtteil aus. Nach vielen Jahren des Booms kämpft das Unternehmen seit Monaten mit massiven ProblemenTomas Engel

Am letzten Tag vor dem geplanten Ende wirkt das riesige Fabrikgelände im Norden von Aurich schon, als hätte jemand den Schalter ausgeknipst. Vor dem Werk der Firma KTA, einem Zulieferer für den Windanlagenbauer Enercon, stapeln sich Ende Februar die Rotorblätter wie gigantische Mikadostäbe. Die Fenster des Werks sind dunkel, kein Mensch ist zu sehen. Nur wenn man ein wenig zu lange vor dem Zaun steht, fährt ein Mann in einem weißen Auto vor: der Sicherheitsdienst von Enercon.

Was in dem Gebäude, in dem in guten Zeiten mehr als 1000 Mitarbeiter Rotorblätter für die Windräder von Enercon bauten, noch passiert und wie es dort weiter geht, weiß außerhalb des ostfriesischen Unternehmens niemand. Auch nicht die Mitarbeiter des Energie-Infozentrums EEZ der Stadt Aurich direkt neben dem Fabrikgelände. „Enercon sagt uns nichts“, sagen sie dort. Da ergehe es ihnen auch nicht anders als den Beschäftigten von Enercon selbst: „Auch die wissen nur das, was in der Zeitung steht.“

Zumindest die alten Reflexe funktionieren noch bei Enercon, einem der verschlossensten Großunternehmen der Republik. Noch heute tickt der Konzern wie sein Gründer Aloys Wobben, ein genialer Ingenieur und Tüftler, aber autokratischer Firmenchef. Doch sonst war bei dem Unternehmen, das die Energiewende über die Jahre zu einem Koloss mit 5,6 Mrd. Euro Jahresumsatz aufpäppelte, schon vor dem Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr viel, wie es in den guten Zeiten einmal war. Dass die Windenergie in Deutschland in einer schweren Krise steckt, trifft kein Unternehmen härter als den wichtigsten Windradbauer des Landes – und mit ihm auch eine ganze Region.

Seit 2017, dem letzten Boomjahr, ist der Umsatz von Enercon um weit mehr als 1 Mrd. Euro abgestürzt. Erstmals in ihrer Geschichte machte die Ikone der deutschen Ökostrombranche Verluste, 2019 nach eigenen Angaben einen „hohen dreistelligen Millionenbetrag“. Im vergangenen Herbst drohte Enercon zwischenzeitlich sogar die Liquidität auszugehen. Auch 2020 wird es einen Verlust geben. Zuletzt kündigte die Enercon-Führung Anfang Juni an, ihre Pläne für einen weitreichenden Konzernumbau noch einmal zu verschärfen – inklusive einem Verkauf von Unternehmensteilen.

In der Öffentlichkeit schiebt Konzernchef Hans-Dieter Kettwig die Schuld an der Misere gerne auf die Politik. Tatsächlich speckte die Bundesregierung 2017 die üppigen Vergütungen für Grünstrom ab und stellte die Förderung auf ein Auktionsmodell um, bei dem es in der Umsetzung anfangs hakte. Dazu verhindern fehlende Genehmigungen und Klagen den Bau neuer Windparks an Land. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland deshalb insgesamt nur noch 282 neue Turbinen in Betrieb genommen – davon 91 von Enercon, die an ihren von Sir Norman Foster designten eiförmigen Gondeln schon von Weitem erkennbar sind. Im Rekordjahr 2017 hatte noch allein das Auricher Unternehmen 711 neue Anlagen aufgestellt. Ein historischer Einbruch.

Doch der Absturz des heimischen Windmarktes ist nur zum Teil die Ursache für Enercons Schieflage. In Wahrheit liegen die Wurzeln der Krise auch in einer sektenartigen Firmenkultur: eine autoritäre Führung, die alles selbst entscheiden will, ein undurchschaubares, schwer zu steuerndes Konzerngeflecht, Cliquenwirtschaft, fehlende Kontrolle von außen und ein Umgang mit Mitarbeitern, den sich eigentlich kein Arbeitgeber mehr leisten kann. In einem internen Memo, das Capital vorliegt, räumte Kettwig im vergangenen Herbst ein: Die Krise sei „zum Teil hausgemacht“.

Die Folgen dieses Managementversagens, das in die Anfangszeiten unter Wobben zurückgeht, ziehen Enercon nun in der Flaute noch stärker herunter: eine ungesunde Abhängigkeit vom Heimatmarkt, falsche Produkte, viel zu hohe Kosten, eine gestörte Kommunikation mit der Politik. Hinzu kommen massive Qualitätsmängel bei einigen Anlagen. Dabei genossen die von Wobben entwickelten getriebelosen und daher wartungsarmen Turbinen über viele Jahre weltweit den Ruf als „Mercedes unter den Windrädern“ – weshalb viele Kunden auch bereit waren, die höheren Preise zu bezahlen. Um auf Dauer als eigenständiger Hersteller überleben zu können, muss der Konzern jetzt nicht nur seine Strukturen ändern, sondern auch seine Kultur.

„Die Messe ist gelesen“

Anfang November 2019, Staatskanzlei Hannover. Seit einigen Tagen ist bekannt, wie die Enercon-Führung das Schlimmste verhindern will: bis zu 3.000 der konzernweit rund 18.000 Jobs sollen gestrichen, mehrere exklusive Zulieferer wie die Auricher Firma KTA komplett geschlossen werden. Die Fertigung der Rotorblätter, die Enercon bislang wie fast alle großen Bauteile praktisch in Eigenregie produziert hat, soll ins Ausland verlagert werden, wo die Lohnkosten viel günstiger sind und die Ostfriesen neue Märkte für ihre Anlagen erschließen wollen. Ein Schock für Niedersachsen.

Nun muss Kettwig zum Rapport zu Ministerpräsident Stephan Weil – einer der Termine, die der Unternehmenschef gar nicht mag. Noch nie hat man sich bei Enercon reinreden lassen, schon gar nicht von Politikern. Nach dem Krisengespräch steht Kettwig mit finsterer Miene neben Regierungschef Weil und klagt über die Politik: „Man hat uns den Stecker gezogen.“ Alle Versuche, Einfluss zu nehmen, kämen zu spät, an dem Stellenabbau lasse sich nichts mehr ändern. Dann folgt ein Satz, kalt wie Eis: „Die Messe ist gelesen.“

Immerhin ist Kettwig, der seit 1991 als Multi-Geschäftsführer in Wobbens Reich dient, überhaupt erschienen – keine Selbstverständlichkeit bei Enercon. Noch im Sommer 2018, als bei direkten Zulieferern des Unternehmens eine erste Entlassungsrunde anlief, verweigerte sich die Firmenspitze sämtlichen Gesprächen mit Spitzenpolitikern. Sogar den Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ließ Kettwig damals sitzen – eine bemerkenswerte Strategie in einer Branche, die wie kaum eine zweite am Tropf der Politik und staatlicher Förderungen hängt. Das Unternehmen beschädige sich selbst, wenn es sich so verhalte, sagt Niedersachsens Energieminister Olaf Lies.

Als die Empörung hochschlug, erklärte Kettwig im Intranet, man habe nicht den Eindruck erwecken wollen, dass es Verhandlungsspielraum gebe, „wo in Wahrheit keiner ist“. Zudem behauptete der Konzern, bei den betroffenen Zulieferern handele es sich um eigenständige Unternehmen – obwohl viele von ihnen exklusiv für Enercon arbeiteten und Eigentümern gehörten, die über komplizierte Firmenkonstruktionen mithilfe von Steueroasen und Stiftungen ins Umfeld von Konzerngründer Wobben führen. Im Fall des Rotorblattfertiger Aero Ems im emsländischen Haren etwa war die Enercon-Spitze erst zu Gesprächen über den Jobabbau bereit, als Bürgermeister Markus Honnigfort damit drohte, öffentlich zu machen, wer die Verträge für das Werksgelände unterschrieben hat: Wobben und Kettwig. „So geht man mit Mitarbeitern nicht um“, sagt Honnigfort.