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Bernd Ziesemer Die neue Vernetzung der Energieströme

Bernd Ziesemer
Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der russische Krieg in der Ukraine führt zu einem neuen Schub der Globalisierung in der Erdgas- und Ölwirtschaft. Weltweit werden nun Pipelineprojekte vorangetrieben

Schon jetzt überziehen Erdgas- und Erdölpipelines mit einer Gesamtlänge von mehreren Millionen Kilometern die ganze Welt. Wer aber genauer hinschaut, der entdeckt zahlreiche Lücken in dem riesigen Netz. So leistet sich Deutschland bis heute zwei voneinander getrennte Pipelinesysteme – eines auf dem Gebiet der ehemaligen Bundesrepublik und eines auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Nur deshalb war es in den letzten Monaten so schwer, nach der Trennung vom Erdgas aus Russland eine neue Versorgungslinie für die Raffinerie im ostdeutschen Schwedt zu sichern.

In Europa und auf der ganzen Welt gab es bisher viele solche Lücken – kleine und ganz große. So gibt es bisher keine einzige Verbindung zwischen den Pipelinenetzen in West- und Ostsibirien. Deshalb fällt es Wladimir Putin jetzt so schwer, sein Erdgas nach Asien umzuleiten. Zwischen China und Russland funktioniert nur eine einzige Verbindung mit vergleichsweise geringer Kapazität. Der Krieg in der Ukraine und die Sanktionen gegen Russland, auf den ersten Blick ein gewaltiger Schlag gegen die Globalisierung, lösen jetzt einen neuen Schub für die Vernetzung der globalen Energieströme aus. Viele kleine und einige große Lücken schließen sich.

Schon vor dem Krieg waren weltweit 900 Pipeline-Projekte mit der Gesamtlänge von 300.000 Kilometern in der Planung. Diese Zahl stammt von der Herrenknecht AG, die mit ihrer Bohr- und Vortriebstechnik zu den führenden Spezialisten für den Bau dieser Erdöl- und Erdgasnetze gehört. Experten gehen davon aus, dass viele neue Projekte kurzfristig hinzukommen.

Viele Vorhaben, die jahrzehntelang nicht recht vorankamen, gewinnen aus der Not geboren plötzlich wieder an Fahrt. Einen der größten Erfolge kann man in Bulgarien besichtigen, wo eine 182 Kilometer lange Pipeline nach Griechenland im letzten Jahr in Betrieb ging. Zuvor hatte Russland den Bulgaren brutal den Gashahn abgedreht. Nun kommt der wichtige Energierohstoff aus Aserbeidschan. Ein anderes Beispiel: Viele Jahre hatte sich Frankreich gegen eine Pipeline aus Spanien gesperrt, die quer durch das Land bis nach Deutschland reichen soll. In der vergangenen Woche gaben die Franzosen in einem neuen Vertrag mit Spanien nun grünes Licht für das Projekt.

Die größten und weitaus teuersten neuen Netze entstehen zwischen Russland und China. Allein die Lücke zwischen dem ost- und dem westsibirischen Pipelinesystem beträgt weit über 1000 Kilometer. Und der Bau einer neuen zweiten Erdgasröhre nach China („Power of Siberia 2“), die über 2000 Kilometer überwinden muss, kostet einen zweistelligen Milliarden-Betrag. Wer die Investitionen finanziert – ob allein die Russen oder auch die Chinesen – bleibt bisher ungeklärt.

Natürlich geht es weltweit nicht nur um einen Schub für Pipelines. Die Welt braucht auch zusätzliche Tankerflotten, vor allem für Flüssiggas (LNG). Nicht nur in Deutschland entstehen fünf neue Terminals, sondern überall auf der Welt. Allein China plant bis 2030 zusätzliche 34 Terminals. Nach den Erfahrungen mit Wladimir Putin, der sein Erdgas und sein Erdöl brutal als Waffe gegen den Westen einsetzt, will kein Staat mehr von einem einzigen Lieferland abhängig sein. Das ist der wichtigste Treiber für die Vernetzung der Energieströme in den nächsten Jahren. Wir werden aus Schaden dieses Mal wirklich klug.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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