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Horst von Buttlar Duschen Sie nachts bei zwölf Grad nach dem Stoßlüften!

Bundesregierung wirbt mit Energiespar-Duschkopf
Die Bundesregierung gibt Tippszum Energiesparen, die Volkswirtschaft wird sie damit kaum retten können
© IMAGO / Roland Hartig
Die neue Energiesparverordnung ist ein Dokument der Verzweiflung – und der absurden Regelungswut deutscher Bürokratie. Natürlich wird das helfen – aber mit Standby und Stoßlüften sichern wir nicht die Zukunft unserer Volkswirtschaft

Es gab diese dunklen Tage der deutschen Bürokratie in den Wellen der Pandemie, in denen geregelt wurde, wann man mit wie vielen Personen aus wieviel Haushalten mit und ohne Hund spazieren gehen durfte (zwischen 5 Uhr morgens und 20 Uhr abends war Bewegung an der frischen Luft erlaubt). Die verzweifelte Detailtreue, Lebensfremdheit und Regelungsversessenheit zeigte schon damals, dass die Pandemiebekämpfung an ihre Grenzen gekommen war – zumal sie jede Eigenverantwortung ihrer Bürger ausblendete.

An jenes Regelungsregime musste ich denken, als ich die finalen Punkte der Energieeinsparverordnung las – als Faustformel gilt ja: Je länger der Name, desto schlimmer das Gesetz. Bisher konnte man sich neben zahlreichen Duschtipps allenfalls merken, dass private Pools (inklusive Aufstellbecken) nicht mehr beheizt werden dürfen. Wichtiges Detail: außer das Wasser wird zu Therapiezwecken genutzt.

Seit März ahnen wir ja: Es wird kälter und dunkler in Deutschland. Aber wie genau, das wird genau geregelt. Was nun vorliegt, ist ein Dokument der Verzweiflung.

Öffentliche Gebäude werden künftig nur auf 19 Grad geheizt, aber Achtung: nur wenn die Mitarbeiter vor dem Computer sitzen. Führen die Angestellten mittelschwere Arbeit – vor allem im Stehen und Gehen – aus, sind 16 Grad vorgesehen. Für Räume, in denen schwerer körperliche Arbeit nachgegangen wird, ist die Grenze 12 Grad. Ach ja, wenn möglich, soll nur noch kaltes Wasser zum Händewaschen verwendet werden.

Rettet man so die Volkswirtschaft?

Man fragt sich immer, bei welchen Temperaturen die Menschen sitzen, die sich solche Regeln ausdenken.

Was nicht heißen soll, dass diese Sparregeln allesamt Quatsch sind. Wenn künftig Geschäfte ihre Ladentüren geschlossen halten sollen, damit weniger Wärme entweicht, klingt das auch ganz ohne Gasmangellage und Energiekrise sinnvoll. Und auf manche Leuchtreklame, die künftig nur noch zwischen 16 und 22 Uhr blinken darf (außer sie dienen der Sicherheit, etwa in Unterführungen), kann man schon heute verzichten. Aber viele dieser Regeln sind geradezu albern. Und wäre es nicht so ernst, müsste man einfach nur lachen.

Die neue Staatsräson heißt ja: Jede Kilowattstunde zählt. Aber manche Kilowattstunde quält eben auch. Klar, wenn man im Winter stoßlüftet, statt das Fenster auf Kipp zu stellen (was immer noch erstaunlich viele Menschen tun), ist das allemal sinnvoll. Aber mal ehrlich: Wir wissen auch, dass all das weder ausreicht noch nachhaltig noch der große Hebel ist.

Sichert das die Zukunft von Ludwigshafen, der Stahl- und Glasindustrie? Wollen wir die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt mit Stoßlüften und ohne Standby-Schaltungen in die Zukunft führen? Viele Unternehmen handeln bereits, auf ihre Weise – sie drosseln ihre Produktion, fahren sie herunter. Manche vielleicht für immer.

Natürlich, die Energieeinsparverordnung soll kein Masterplan sein, sie ist dazu da, „eine Notfallsituation in diesem und im nächsten Winter zu vermeiden“, heißt es im Wirtschaftsministerium. Mit dieser und einer weiteren Verordnung ab Oktober (ja, eine geht noch rein) könnte der Gas-Verbrauch nach Schätzungen der Bundesregierung um rund zwei Prozent gesenkt werden. Zwei Prozent. Das ist viel Energie für wenig Energie.

Böses Erwachen

Unser Land bekommt mit diesem Krieg eine völlig neue Quittung für eine Energiewendenpolitik, die fast zwei Jahrzehnte nach einem erweiterten Pippi-Langstrumpf-Prinzip vorging: Wir malten uns die Welt, wie sie uns gefällt. Und viele bildeten sich ein, die Welt tatsächlich zu retten.

Angeblich sind wir seit Kriegsausbruch „in einer neuen Welt aufgewacht“. Aufwachen heißt auch: die Realität erkennen. Neu denken. Bei Ersterem machen wir Fortschritte, beim neuen Denken quälen wir uns noch. Seit März gilt die Regierung zwar als zeitenwendig und pragmatisch. Das ist sie auch, in Teilen. Den handwerklichen Fehler bei der Gasumlage – geschenkt.

Wenn man es nüchtern betrachtet, ist kurz vor dem Herbst der einzige deutliche Erfolg die vorzeitige Füllung der Gasspeicher auf knapp 85 Prozent, was aber viel Geld kostet – rund 15 Mrd. Euro. Deutschland kann aber nicht auf Dauer mit viel Steuergeld wie auf einem Flohmarkt sein Gas auf den Weltmärkten und -meeren zusammenkaufen (und es ärmeren Ländern wegkaufen).

Bisher tut sich der Staat bei den beiden zentralen Aufgaben einigermaßen schwer: Er muss die Energieversorgung diversifizieren. Und er muss Millionen Bürgerinnen und Bürgern über Monate gezielt und unbürokratisch helfen, in ganz neuen Dimensionen. Bei der zweiten Aufgabe ist der erstaunliche Zustand eingetreten, dass es zwar schon drei Entlastungspakete gibt, die mit über 30 Mrd. Euro in ihrer Größe historisch sind, die Ampel-Parteien ihre Maßnahmen aber ständig so zerredet und schlecht gemacht haben, dass keiner zufrieden ist – geschweige denn sich entlastet fühlt. Und die große Rechnung kommt ja erst noch.

Energieversorgung neu denken

Beim Umbau der Energieversorgung muss man fair sein: Das geht nicht über Nacht. Aber es geht eben auch nicht mit Ideen, nachts keine Burgen und Schlösser mehr anzustrahlen. Die Improvisation bei der Diversifizierung – und nichts anderes tun wir – sollte maximal zwei Winter dauern.

Immerhin: Die ersten beiden schwimmenden LNG-Terminals stehen bald bereit. Mit spitzen Fingern und einem Stresstest – der eher für die grünen Gemüter als für das Stromnetz wichtig war – erwägt man zudem, zwei AKW-Meiler weiter laufen zu lassen. Warum nicht drei? Oder sechs? Warum gab es nie eine ernsthafte Fracking-Debatte in diesem Land, unter dem Hunderte Milliarden Kubikmeter Gas liegen, womit man sich über ein Jahrzehnt selbst versorgen könnte? Nein, nicht bei uns! Nicht in Niedersachsen, dort ist ja Landtagswahl. Lieber sollen die Holländer ihre Heimat weiter wie einen Käse durchbohren.

Klar, ein Einstieg ins Fracking würde Jahre dauern. Aber das gilt auch für den Ausbau der Erneuerbaren, das gilt für jede Lösung in diesem schmerzhaften Umbau. Die Lehre aus der Abhängigkeit von Russland ist nicht nur, sich künftig nicht mehr nur von einem Land abhängig zu machen – vor allem wenn es eine Despotie ist. Die Lehre ist auch, dass wir in alle Richtungen die Energieversorgung neu denken müssen – und nicht einfach nur Kohlekraftwerke hochfahren und in Wasserstoffpläne für 2030 noch utopischere Zahlen schreiben.

Sie dürfen gespannt sein, auf welche Temperatur Ihr Arbeitgeber Ihr Büro herunterregelt. Auch eine Art von Feedback.


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