Kolumne Die Neubewertung des großen China-Risikos

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
George Soros machte den Anfang, andere prominente Finanzinvestoren ziehen nach mit der Warnung vor chinesischen Aktien. Auch die Industrie sollte sich gegenüber China neu positionieren

George Soros lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Wer auf chinesische Aktien setze, werde ein „böses Erwachen“ erleben, prophezeit der legendäre Investor seinen Gefolgsleuten in aller Welt. Andere Finanzexperten reden vorsichtiger, aber kommen zu ähnlichen Schlüssen. So etwa die Fondsmanagerin Cathie Wood, die in ihrer Branche als Star gilt. In der letzten Woche bestätigte die Amerikanerin, sie habe ihre Positionen in China erheblich reduziert , weil sie die staatlichen Eingriffe in den Technologiesektor für äußerst gefährlich und kontraproduktiv halte. Eine Einschätzung, die auch der China-Kenner Stephen Roach teilt, der über 30 Jahre lang für die Investmentbank Morgan Stanley in Asien tätig war.

Kein Zweifel: Die globale Finanzbranche steckt mitten in der Neubewertung ihres großen China-Risikos. Soros bringt das auf den Begriff, das China des heutigen Parteichefs Xi Jinping sei nicht mehr das China, das die Investoren kannten. Das Reich der Mitte sei auf dem Weg zurück zu Mao Zedong, der bis zu seinem Tod 1976 auf eine besonders radikale Variante des Kommunismus setzte.

Einige Beobachter sehen sogar erste Anzeichen für eine Art neuer Kulturrevolution, die China einst ins Chaos stürzte. So mischt sich Xi Jinpings Parteiapparat seit neustem selbst die die Gestaltung von Computerspielen ein und will chinesischen Jugendlichen verbieten, länger als eine Stunde vor ihrer Xbox-Konsole zu verbringen. Für sehr viele Chinesen ist das ein verstörendes Signal. Bisher galt die Devise: Die KP Chinas kontrolliert den öffentlichen Raum, aber hält sich aus der Privatsphäre ihrer Bürger heraus, solange sie sich nicht politisch gegen das Regime betätigen. Unter Xi Jinping gilt das nun nicht mehr.

Deutsche Unternehmen müssen China-Strategie überdenken

Den Finanzinvestoren fällt es leichter als der Industrie, sich neu zu positionieren. Sie können ihre Gelder innerhalb von wenigen Stunden abziehen. Wer Chemiewerke in China errichtet oder Autofabriken, fällt dagegen Entscheidungen für 20 oder 30 Jahre, die sich nur mit hohen Verlusten revidieren lassen. Trotzdem tun auch die Industriekonzerne gut daran, ihre China-Risiken neu zu bewerten . Das gilt vor allem für die deutschen Unternehmen, die sich dort besonders stark engagieren. VW, BMW und Daimler hängen mittlerweile so stark am Tropf des chinesischen Markts, dass jede politische Erschütterung dort ein Erdbeben in ihrer Gewinn- und Verlust-Rechnung auslösen kann. Dass sie eine einseitige Abhängigkeit von einem immer undurchsichtigeren Markt in Kauf nehmen, grenzt an unternehmerisches Versagen.

Fällig ist in vielen deutschen Konzernen das, was man in der Managementlehre mit dem englischen Begriff „Strategic review“ belegt: Sie sollten in einem strukturierten Prozess untersuchen, welche Alternativen es zu ihrer bisherigen China-Politik gibt. Sonst laufen sie sehenden Auges in eine immer stärkere Abhängigkeit hinein und gefährden sogar den Fortbestand ihres Konzerns. Denn nicht nur für Aktienkäufer, sondern auch für Direktinvestoren gilt: Es wird ein böses Erwachen in China geben, wenn Xi Jinping seinen gefährlichen Kurs blind und arrogant fortsetzt wie bisher.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel