FinanzevolutionDie Nachhaltigkeitsevolution in der Finanzbranche

Bankenhochhäuser in Frankfurt
Bankenhochhäuser in Frankfurtlapping from Pixabay

Wir Menschen, das haben Hirnforscher herausgefunden, unterschätzen die negativen Folgen unseres Handelns umso stärker, je weiter die Handlungsfolgen in der Zukunft liegen. Der neurologische Reiz-Reaktionsmechanismus unseres Gehirns ist nicht ausgelegt auf lange Zeithorizonte . Je weiter Belohnungseffekte in Form von Dopaminausschüttungen in der Zukunft liegen, desto geringer sind die eigenen Impulse zu handeln. Vielleicht ist das ein Grund, warum vielen Menschen nachhaltiges Handeln noch so schwerfällt.

Erst in den letzten Jahren gelingt es mit massiver Unterstützung der Wissenschaft die Bedeutung von Klimakrise und Artensterben zu erfassen. Gestützt wird dies unter anderem durch die visuelle Wahrnehmung von Umweltkatastrophen, die sich intensiver einprägen als wissenschaftliche Zahlenkolonnen über die Erderwärmung. In unserem Gehirn tricksen wir den Mangel an Voraussicht aus, denn wenn wir heute sozial anerkannte Dinge tun, schüttet unser Gehirn ebenfalls Belohnungsstoffe aus.

Das Engagement in Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“ erhöht die soziale Anerkennung der Mitglieder in ihren Gruppen. Es sind die gleichen neurobiologischen Wirkungsprinzipien, die soziale Netzwerke zum Glühen bringen und mit denen viele Menschen nach Anerkennung über Likes und Wahrnehmung suchen. Der gesellschaftliche Wandel hat dazu geführt, dass wir uns durch nachhaltiges Verhalten auch kurzfristig selbst belohnen – über den Umweg der sozialen Anerkennung.

Nachhaltigkeit ist im Finanzwesen angekommen

Kein Wunder also, dass sich die Evolution der Nachhaltigkeit ebenfalls im Finanzwesen bemerkbar macht, auch wenn die inflationäre Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs ihn zeitweise zu einer Worthülse und Werbefloskel degeneriert. Vielleicht, weil Finanzmärkte komplizierte Begriffe mögen, verwendet man hier statt Nachhaltigkeit gern den sperrigen Begriff „Environmental Social Governance“, abgekürzt ESG. Laut dem Lexikon der Nachhaltigkeit ist die Bezeichnung in der internationalen Finanzwelt mittlerweile etabliert, „um auszudrücken, ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis sowie bei Firmenanalysen von Finanzdienstleistern ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet beziehungsweise bewertet werden“.

Banken beschäftigen sich bereits seit vielen Jahren mit ESG. Das hat mehrere Gründe, die es für Finanzhäuser auch aus ökonomischer Sicht notwendig machen, das Thema Nachhaltigkeit ernst zu nehmen.

So erfordert die Vermögensverwaltung insbesondere für institutionelle Kunden, dass ökologische, soziale und Governance-Aspekte in den Investitionsprozess einbezogen werden. Nach einer Umfrage der Schweizer Großbank UBS unter 600 Investoren mit einem Gesamtvermögen von über 19 Billionen Euro ziehen bereits 78 Prozent der professionellen Anleger Nachhaltigkeitsfaktoren in ihren Anlageprozess mit ein. Nach einer Darstellung im Handelsblatt betrug der Marktwert „grüner Anleihen“ in der EU 2013 nur 0,7 Mrd. Euro, Ende 2018 sollen es bereits 72,9 Mrd. Euro gewesen sein. Die Bundesbank hält aber in ihrem Monatsbericht für Oktober fest, dass trotz starken Marktwachstums nachhaltige Geldanlagen insgesamt bislang nur eine geringe Rolle spielen. Demnach betrage der Anteil nachhaltiger Geldanlagen am Gesamtmarkt weniger als drei Prozent.