FinanzevolutionEvolution der Kapitalmarkttheorie

Eine Hand mit einer Kreditkarte
Symbolbild: Internet auf dem Laptop

In dieser Kolumne zur Finanzevolution geht es normalerweise um Trends und Technologien der klassischen Finanzdienstleister und Technologieunternehmen. Bemerkenswerte Entwicklungen sind aber mittlerweile auch im wissenschaftlichen Fundament der Finanzmärkte zu finden, in der Kapitalmarkttheorie. Diese aus einem Bündel von Modellen bestehende Theorie (Interessierte können Details in aktuellen Lehrbüchern oder hier nachlesen) ist für die Aktivitäten an den Finanzmärkten, der Banken und Aufsichtsbehörden eine wichtige Grundlage. Sie hat damit großen Einfluss auf die Steuerung von Banken, das Risikomanagement der Finanzmärkte und deren Regulierung.

Die Tektonik der Kapitalmarkttheorie wiederum basiert auf ökonomischen Modellen, die spätestens seit der Finanzkrise ab 2007 massiv in die Kritik geraten sind. „Das Fundament der neoklassischen Theorie hat sich als morsch erwiesen“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung im vergangenen Jahr. Wenn heute von ökonomischen Erklärungen und rationalen Entscheidungen in der Politik und Wirtschaftspraxis die Rede ist, dann steckt dahinter meist das Mindset der sogenannten neoklassischen Theorie (oder kurz Neoklassik). Die Neoklassik gilt immer noch als „Mainstream“ der Ökonomie .

Ihr Kern mit Verhaltensannahmen der Kunstfigur Homo Oeconomicus gilt als elegant, analytisch stark und ist oft Grundlage für Bewertungsmodelle, Algorithmen für automatische Anlageberater (heute auch Robo-Advisor genannt) und Risikoberechnungen von Finanzmarktteilnehmern. Es kann aber viele Phänomene der Wirtschaftspraxis nicht erklären, wie etwa die Technologieblase um die Jahrtausendwende oder die US-Immobilienblase, die mitverantwortlich für die Finanzkrise 2007 gemacht wird.

Neuer Angriff auf die Kapitalmarkttheorie

Der deutsche Ökonom und Philosoph Birger P. Priddat kritisierte  im Kursbuch 191, dass Ökonomen ihre Wissenschaft häufig wie eine soziale Physik betrachten, weil sie diese für genau, präzise und logisch halten. Die Angriffe auf das neoklassische Modell haben nach der letzten Finanzkrise deutlich zugenommen, wirklich vom Sockel holen konnten aber bisher weder die verhaltenswissenschaftlich arbeitenden Ökonomen (genannt Behavioral Economics) noch andere Fachrichtungen das überholte Paradigma vom Homo Oeconomicus.

Im vergangenen Jahr haben zwei bisher in Deutschland kaum bekannte US-Ökonomen mit ihren jeweiligen Büchern einen neuen Angriff auf die Kapitalmarkttheorie gestartet. Auf Andrew W. Lo, Professor für Finanzen an der MIT Sloan School of Management, und sein bisher nur in englischer Sprache vorliegendes Buch „Adaptive Markets: Financial Evolution at the Speed of Thought“ bin ich bereits in zwei Kolumnen eingegangen (hier und hier). Die  dieses Buch allen Investoren und Regulatoren nahegelegt.

Ebenfalls lesenswert ist das Buch des Publizisten und Risikoexperten Richard Bookstaber „End of Theory: Financial Crises, the Failure of Economics, and the Sweep of Human Interaction“. Während Bookstaber die Realität nicht für modellierbar hält und ein „Ende der Theorie“ sieht, sagt Lo, dass nur eine neue Theorie die alte Theorie ersetzen kann.

Beide greifen die vorherrschende Lehre der Neoklassik elegant und plausibel an und belegen ihre Kritik empirisch in einer Tiefe, die bereits aus der Verhaltensökonomie bekannt ist. Die Verhaltensökonomie (Textsammlung dazu hier) hat in den vergangenen Jahrzehnten in klugen Analysen viele „Verhaltensanomalien“ und „kognitiven Verzerrungen“ bei uns Menschen nachgewiesen. 2017 erhielt der US-Ökonom Richard Thaler, ein prominenter Vertreter der Verhaltensökonomie, den Wirtschaftsnobelpreis für seine Forschung. Die Verhaltensökonomen orientieren sich aber immer noch am ökonomischen Referenzmodell vom rational handelnden Ökonomiemenschen.