FinanzevolutionNeue Technologien ergeben noch keine neuen Banking-Produkte

Symbolbild Blockchain
Symbolbild BlockchainPixabay

„Ständige Veränderungen sind das Mantra des modernen Lebens“, leitet der Evolutionsbiologe David Sloan Wilson den Abschnitt „Adaption to Change“ seines aktuellen Buches „The View of Life“ ein. Wilson plädiert darin für eine evolutionäre Sichtweise auf Veränderungen und bezeichnet das als „evolve“ und „adapt“. Das, so Wilson, gelte heute noch stärker, weil mittlerweile jedes Jahrzehnt transformierend zu sein scheine. Es gelte effektive Veränderungsmethoden zu entwickeln, damit Unternehmen anpassungsfähiger werden und damit länger überleben.

Die Evolution der Innovationen wird in diesen Zeiten durch ständig variierende Technologien angetrieben. Ende August veröffentlichte die US-Analysefirma Gartner eine Übersicht aus ihren bekannten Hype Cycle-Analysen mit 29 aufkommenden Technologien. Gartner unterteilt einen Hype Cycle in fünf Phasen: Nach einem ersten Durchbruch einer neuen Technologie (Phase 1) erreicht eine technische Neuerung den Gipfel überzogener Erwartungen (Phase 2). Derzeit befindet sich dort die 5G-Technologie für die drahtlose Fernkommunikation, die nicht nur den Mobilfunk beschleunigen soll. Teilt man die Einschätzung von Gartner, dann folgt nach den überhöhten Erwartungen das „Tal der Enttäuschung“ (Phase 3). Nach etwas realistischeren Einschätzungen folgt dem wiederum der Pfad der Erleuchtung (Phase 4). Am Ende steht das „Plateau der Produktivität“ (Phase 5), wenn die Vorteile erkannt und adaptiert werden (alle Phasen hier gut erklärt von Magazin 3).

Der im vergangenen Jahr veröffentlichte Hype Cycle for Digital Banking Transformation enthält für viele heute noch exotisch klingende Technologien wie Blockchain, Künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge (= Internet of Things kurz IoT). Allein hinter den Megatrends künstliche Intelligenz und Blockchain verbergen sich mittlerweile so viele Technologien und Mikrotrends, dass Gartner dafür jeweils eigene Hype Cycles veröffentlicht.

Falsche Herangehensweise an neue Technologien

Kein Unternehmen der Welt kann sich gleichzeitig mit allen neuen Technologien beschäftigen. Viele Unternehmen in der Finanzbranche haben aber erkannt, dass die Blockchain-Technologien und verschiedene Segmente der künstlichen Intelligenz von hoher Bedeutung für ihre Geschäfte sein können. Allerdings hadern auch viele, weil das „Plateau der Produktivität“ noch weit entfernt ist. Während sich Banken bisher zaghaft den verschiedenen Ausprägungen der Blockchain-Technologie genähert haben (das wird sich mit der gerade beschlossenen Blockchain-Strategie der Bundesregierung ändern), erfolgt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bereits wesentlich breiter (siehe dazu zum Beispiel diese Übersicht von Katharina Schneider im Handelsblatt).

Folgt man den einschlägigen Empfehlungen von Unternehmensberatungen und Fachpublikationen, dann müsste sich heute die Finanzbranche neben künstlicher Intelligenz und Blockchain mit dem Internet der Dinge, Quantum Computing und vielen weiteren Technologien befassen. Erfahrungen zeigen aber, dass an neue Technologien oft mit falschen Fragestellungen herangegangen wird. Also etwa, wie kann uns die Blockchain-Technologie helfen, unsere bestehenden Finanzprodukte und die im Hintergrund dafür notwendigen Abwicklungsprozesse zu verbessern?

Tatsächlich könnte dies zu kurz gesprungen sein. Unternehmen suchen nämlich dann zu einer neuen Technologie ein Problem oder einen Optimierungsbedarf für die bestehenden Produkte. Geeigneter könnte aber die Fragestellung sein, welche praktischen Themen oder Anforderungen (potenzieller) Kunden sich mit Hilfe welcher Technologie verbessern oder neu entwickeln lassen.