Gastbeitrag Die Metro AG: ein unternehmerischer Offenbarungseid

Metro-Chef Koch spricht auf der Hauptversammlung des Konzerns im Februar
Metro-Chef Koch spricht auf der Hauptversammlung des Konzerns im Februar
© Cord / IMAGO
Für die Aktionäre ist die Metro AG in den letzten Jahren eine einzige Enttäuschung gewesen. Schuld daran sind das Management und seine verfehlte Strategie. Robert Peres erklärt, was schiefgelaufen ist und was sich bessern muss

Übernahmegerüchte und nun der Verkauf der Real-SB-Warenhäuser an den russischen Finanzinvestor SCP, der an diesem Donnerstag vollzogen wird – die Metro AG kommt nicht aus den Schlagzeilen. Leider sind es für die Aktionäre selten gute Nachrichten. Als der Vorstandsvorsitzende Olaf Koch vor knapp vier Jahren seinen Plan zur Aufspaltung der Metro AG verkündete, malte er seinen Aktionären das Bild zweier blühender Unternehmen, die nur darauf gewartet hätten, endlich in die Eigenständigkeit entlassen und damit zu grandiosem Wachstum geführt zu werden. Damals begründeten Koch und Kollegen den radikalen Trennungsschritt damit, dass beide Unternehmen, Metro und Ceconomy, auf sich allein gestellt agiler und handlungsfähiger seien und somit für ihre Aktionäre Mehrwert schaffen würden. Auch ein Konglomeratsabschlag, der sich nach Meinung des Vorstands im Rahmen der Aufspaltung in Luft auflösen würde, wurde als Argument angeführt.

Aktionärsvermögen massiv vernichtet

Es kam anders. Der Abschlag, wie er bei den meisten mehrdivisionalen Konzernen zu beobachten ist, stellte sich im Nachhinein als Konglomeratsaufschlag heraus, der in den letzten Jahren mit einem erdrutschartigen Kursverfall Aktionärsvermögen massiv vernichtete. Und beide Unternehmen funktionierten nicht besser, sondern deutlich schlechter als zuvor. Seit der Teilung des Unternehmens 2017 und lange vor der Corona-Krise hat sich die addierte Marktkapitalisierung von Metro und Ceconomy gegenüber der Kapitalisierung der alten Metro AG um fast 3 Mrd. Euro reduziert.

Allein in den letzten zwölf Monaten hat sich der Aktienkurs der Metro im Vergleich zum MDaxum gut 30 Prozent schlechter entwickelt. Die 150 bis 200 Mio. Euro, die die Umsetzung dieser Transaktion an Kosten für Berater, Banker und Anwälte verschlungen haben soll, erscheinen aus heutiger Sicht noch absurder als vor vier Jahren. Genauso gut hätte man das Geld auf Rollen wickeln und als Klopapier an Bedürftige verteilen können – der gestiftete Nutzen wäre wahrscheinlich höher.


Metro St Aktie


Metro St Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Der Meister des Financial Engineerings auf Irrwegen

Die Gründe der Misere sind vielfältig und fast allesamt hausgemacht. Das beginnt bei der Eigentümerstruktur. Über viele Jahre wurde sie drei Großaktionären Haniel, Schmidt-Ruthenbeck und Beisheim dominiert, die sich über die Strategie des Unternehmens oft uneinig waren. Wie wir heute wissen, nicht unbedingt zum Vorteil der Minderheitsaktionäre. Außerdem hat sich mit Daniel Kretinsky ein mächtiger Gegenspieler positioniert , der mittlerweile 29,9 Prozent der Anteile hält und damit eine satte Sperrminorität besitzt.

Probleme gibt es aber auch im Management: Der CEO mag ein Finanzexperte sein und für manche sogar ein Meister des Financial Engineering. Was die Metro allerdings dringender bräuchte, wäre ein Handelsexperte. Denn die Metro AG befindet sich in wichtigen Märkten wie Deutschland oder Russland, das früher für einen Großteil des Konzernergebnisses stand, seit Jahren nur noch im Rückwärtsgang. Das hat auch mit der wenig visionären und zaudernden Führung zu tun. So mag die Entscheidung, in das Belieferungsgeschäft einzusteigen, richtig gewesen sein. Denn gerade für die Zielgruppe der Hotels, Restaurants und Caterer, ist das ein enorm wichtiger Faktor. Allerdings erfolgte der Einstieg zu spät und krankte an inkonsequenter Umsetzung.

Auch bei der SB-Warenhaus Tochter Real ließ sich fehlende Entschlossenheit über viele Jahre beobachten. Beispielhaft dafür ist das Pilotprojekt „Markthalle“ in Krefeld. Durchaus gelungen, war es leider so realitätsfern teuer, dass ein Rollout nie erfolgte. Mit dem vor einigen Wochen vollzogenen Notverkauf ist Metro Real nun los. Klar ist schon jetzt, dass es weder für die Metro AG und noch für ihre Aktionäre ein gutes Geschäft war.

Die schon etwas zurückliegende Aufspaltung hinterließ zudem eine führungs- und ideenlos taumelnde Elektronikkette, deren dysfunktionale Unternehmensstruktur man sich am Reißbrett nicht besser hätte ausdenken können. An der Spitze eine aufgabenbefreite Holding namens Ceconomy, die mit einer einzigen operativen Einheit, der Media-Saturn-Holding GmbH, ausgestattet wurde. Das musste mit einem Fiasko enden. Seit der Aufspaltung hat die Ceconomy-Aktie rund 85 Prozent ihres Wertes eingebüßt und sich damit noch schlechter entwickelt als die große Schwester Metro.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Trennungsschritt damals vollzogen wurde, um den für die Metro lästigen Media-Saturn-Mitgesellschafter Erich Kellerhals loszuwerden. Aus Sicht der Minderheitsaktionäre kann man zur Unternehmensentwicklung nur sagen, dass der 2017 verstorbene Media-Markt-Gründer mit seiner harten Kritik am Management und der Aufspaltung (gegen die er sogar juristisch vorging), absolut richtig lag.

Verfehlte Ziele, steigende Vorstandsgehälter

Das bei der Aufspaltung ausgegebene Ziel eines flächenbereinigten Umsatzwachstums von drei Prozent wurde bislang weder von der Metro noch von Ceconomy erreicht. Auch das wichtige Weihnachtsgeschäft verlief bei der Metro mit Nullwachstum erneut enttäuschend. Das hat den Aufsichtsrat aber nicht daran gehindert, die Vergütung des Gesamtvorstandes im Geschäftsjahr 2018/19 weiter anzuheben. Im Klartext: Während in den letzten Jahren Ziel um Ziel verfehlt wurde und der Aktienkurs massiv gesunken ist, sind die Vorstandsgehälter im gleichen Zeitraum deutlich gestiegen.

Die Metro AG ist ein mustergültiges Beispiel dafür, warum ein Mitspracherecht der Aktionäre so wichtig ist. Mit einer Say-on-Pay-Regelung könnte dieser Selbstbedienung des Managements ein Riegel vorgeschoben werden. Das gilt im Falle der Metro selbst dann, wenn man die rund 50 Mio. Euro ausblendet, die sich der Vorstand im Zuge der Aufspaltung vorzeitig auszahlen ließ. Das im November 2019 verabschiedete ARUG II kommt hier leider zu spät.

Und so bliebe den geschädigten Anlegern eigentlich nur der Klageweg offen. Es ist aber derzeit höchst fraglich, ob dabei noch auf das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) zurückgegriffen werden kann. Denn bekanntlich gibt es diese Klagemöglichkeit ab Oktober dieses Jahres nicht mehr. Es sei denn, der Gesetzgeber schafft bis dahin eine Verlängerung oder Reform für Anlegerklagen. Aktuell sieht es nicht danach aus.

Was muss sich bei der Metro ändern?

Aus Sicht der Aktionäre sollte sich der Vorstand zuerst auf das Kerngeschäft konzentrieren. Konflikte wie der mit dem tschechischen Investor Kretinsky sind wenig zielführend. Diesen Streit dann für die schlechte Aktienperformance verantwortlich zu machen, um von eigenen Versäumnissen abzulenken, ist eine Nebelkerze. Eine weitere Lehre ist, dass Handelsunternehmen Handelsexpertise benötigen und nicht wie eine Finanzholding geführt werden dürfen. Deswegen funktioniert es auch nicht, hochfliegende gesellschaftsrechtliche Konstruktionen zu basteln, um damit mangelnde Markterfolge zu kaschieren. Leider hat das bisherige Management nachgewiesen, dass es nicht in der Lage ist, das Geschäft zu drehen. Für das Liefergeschäft gilt, dieses nun konsequenter auszubauen und mit digitalen Lösungen zu stärken. In den Vorstand gehört umgehend ein erfahrener Handelsexperte, denn der Turnaround in Deutschland und Russland benötigt dringend einen frischen Blick.

Die Corona-Krise wird auch bei der Metro deutliche Spuren in der Bilanz hinterlassen. Die wichtigste Kundengruppe Hotels und Gastronomie ist seit Wochen ohne Umsätze und in ihrer Existenz bedroht. Einige werden die Krise wohl nicht überstehen. Die Eigentümer der Metro AG, die Aktionäre, sollten dem Management jetzt eindringlich aufzeigen, dass es Zeit ist, zu handeln. Es ist ihnen, vor allem den treuen und leidgeprüften Klein- und Minderheitsaktionären, zu wünschen, dass ihr Unternehmen nicht das gleiche Schicksal ereilt wie viele Gastronomen und Hoteliers im Jahr 2020.

Robert Peresist Rechtsanwalt in Wiesbaden und Vorsitzender des Vorstands der Initiative Minderheitsaktionäre. Die Initiative, die für die Förderung von Aktionärsrechten eintritt, wurde 2016 gegründet und wird von unabhängigen Anlegern getragen.


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