Kolumne Die limitierte Verantwortung der Betriebsräte

Bernd Ziesemer
Bernd Ziesemer
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Ob Bilfinger, Audi oder früher Siemens: Vorstände riskieren bei Verfehlungen den Verlust der bürgerlichen Existenz. Die Mitmanager aus den Betriebsräten nichts.

Bernd Osterloh, der mächtige Aufsichtsrat und Betriebsratschef des VW-Konzerns, stellte sich vergangene Woche noch einmal mit großer Geste hinter den seit fünf Wochen inhaftierten Vorstandschef der Audi AG, Rupert Stadler. Er gehört zur wachsenden Schar von Managern, die um ihre bürgerliche Existenz bangen müssen. Gefängnis – das ist für Männer aus den Vorstandsetagen der größtmögliche Bruch mit ihrem ganzen bisherigen Leben. Der frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff hat es eindrucksvoll beschrieben.

Zeitgleich kommt die Nachricht, dass die Bilfinger AG endgültig Schadenersatz von früheren Vorständen fordert – es geht um eine dreistellige Millionensumme. Haft droht dem ehemaligen Bilfinger-Chef Roland Koch nicht. Aber setzt sich der Konzern mit seinen Forderungen durch, wird es eng für den früheren CDU-Politiker. Bei Siemens hat man vor Jahren gesehen, wie am Ende mehrere Vorstände hohe Millionenzahlungen leisten mussten bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Ein Fall endete mit einer Tragödie – der Mann nahm sich das Leben.

Die Botschaft an die heutige Generation von Managern lässt an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig: Wer sich krimineller Verfehlungen schuldig macht oder nicht genug tut, um die kriminellen Verfehlungen anderer zu verhindern und aufzuklären, riskiert sehr viel. Was aber riskiert ein Mann wie Osterloh? Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, dass die Betriebsräte für die Machenschaften eines Konzerns büßen mussten. Sie tragen sicherlich Verantwortung – aber es ist eben eine limitierte Verantwortung. Deshalb ist die große Geste Osterlohs wohlfeil zu haben. Der Mann muss nichts fürchten, wenn er sich hinter seinen inhaftierten „Kollegen“ Stadler stellt.

VW-Betriebsräte verhalten sich wie Vorstände

Das ist eigentlich unlogisch: Gerade im VW-Konzern legen die Betriebsräte der IG Metall großen Wert darauf, sich bei jeder passenden Gelegenheit als Mitmanager zu präsentieren. Osterloh ist dafür bekannt, immer wieder Vorschläge zur „besseren“ Organisation der Werke oder zu neuen Modellen vorzulegen – oft Papiere mit mehreren Hundert Seiten Umfang. Auch schreckt der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats nicht davor zurück, unliebsame Vorstände aus dem Weg zu räumen. Das letzte Beispiel dafür war der Fall des Personalvorstands Karlheinz Blessing, der sich mit Osterloh angelegt hatte und gehen musste. Alle diese Beispiele zeigen: Betriebsräte bei VW verhalten sich in der Tat wie Vorstände und greifen tief in die Führung des Unternehmens ein. Mit dieser Begründung kassierte Osterloh ja auch jahrelang Gehälter und Boni nahe an der Grenze eines Vorstandsgehalts.

Eines aber müssen Osterloh und andere Mitmanager bisher eben nicht fürchten: Dass man sie finanziell haftbar macht – oder gar ins Gefängnis wirft wie Stadler. Dabei hat der oberste Betriebsrat bisher genau so wenig zur Aufklärung der VW-Affäre beigetragen wie Stadler auch.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen .

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