Kolumne Chronik der Lügen und des Erfolgs bei VW

Bernd Ziesemer
Bernd Ziesemer
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Seit fast drei Jahren schwelt die Dieselkrise im VW-Konzern. Bernd Ziesemer zieht Zwischenbilanz für einen der merkwürdigsten Skandale der deutschen Industriegeschichte, der noch lange nicht abgeschlossen ist

Alles begann mit einer vergleichsweise harmlosen Meldung: Am 19. September 2015 fordert die Umweltbehörde in den USA den VW-Konzern auf, 500.000 Autos wegen zu hoher Abgaswerte umgehend in die Werkstätten zurückzurufen. Danach geht es Schlag auf Schlag: Schon am 20. September erfährt die Öffentlichkeit zum ersten Mal, der Konzern habe seine Dieselmotoren in den USA mit einer illegalen Abschalteinrichtung ausgestattet, um die offiziellen Testergebnisse zu frisieren. Einen Tag später ist von Millionen VW-Fahrzeugen weltweit die Rede, die unter Manipulationsverdacht stehen. Am 23. September tritt der Vorstandschef des Konzerns, Martin Winterkorn, zurück. Der Aufsichtsrat stellt seinem Spitzenmanager gleichzeitig einen Persilschein aus: Er trage persönlich keine Verantwortung für das, was geschehen ist.

Das war die erste große Lüge, der viele weitere folgen sollten. Seit fast drei Jahren schwelt nun der Skandal bei VW – und es vergeht kaum eine Woche ohne neue Schreckensmeldungen für den Konzern. Zuletzt war es die Verhaftung von Audi-Chef Rupert Stadler, die für Aufruhr in Wolfsburg sorgte. Ein Ende des Skandals scheint nicht in Sicht. Trotzdem kann man bereits eine Zwischenbilanz wagen – mit fünf Thesen.

  • Erstens: VW verkauft weltweit mehr Autos als vor dem Skandal. Die meisten Kunden halten den Konzernmarken die Treue. Selbst in den USA kann man nicht von einem langfristigen Einbruch sprechen. Der Grund für diese Erfolge ist einfach: VW, Audi und Porsche bauen nach wie vor verdammt gute Autos. Strukturell gibt es nur eine einzige Verschiebung: Immer mehr Kunden entscheiden sich für einen Benzin- und nicht mehr für einen Dieselmotor.
  • Zweitens: Auch finanziell steckt der VW-Konzern die Belastungen erstaunlich gut weg, obwohl der Skandal inzwischen deutlich mehr als 20 Milliarden Euro gekostet hat. Einen Teil davon konnte der Konzern jedoch durch Sparprogramme und eine gestiegene Produktivität vor allem bei der Kernmarke Volkswagen wieder hereinholen. Langfristig werden sich die Folgen des eisernen Sparregimes allerdings schon bemerkbar machen.
  • Drittens: Der VW-Skandal hat die Reputation des Unternehmens nachhaltig beschädigt – und die gesamte deutsche Autoindustrie gleich mit. Ob das langfristig doch noch auf die Verkaufszahlen drückt, bleibt abzuwarten. Die Gefahr besteht auf jeden Fall.
  • Viertens: Die schlimmste Folge des ganzen Skandals wird oft übersehen: die große und bleibende Verunsicherung des Managements. Im gesamten Mittelbau des Konzerns glaubt kaum noch jemand an die Weisheit der Führung. Die Eigentümer aus dem Familienclan der Porsche und Piëchs gelten unter vielen Mitarbeitern inzwischen als eigentliche Urheber der ganzen Misere. Doch der Konzern wird dieses Problem nicht loswerden.
  • Fünftens: Der wohl bemerkenswerteste und merkwürdigste Skandal der ganzen deutschen Industriegeschichte dürfte am Ende, wenn alles vor Gericht geht, ohne größere Folgen für die eigentlich Schuldigen bleiben. Die bürgerliche Existenz vieler Manager aus der zweiten und dritten Reihe aber wird zerstört. Wenn überhaupt, dann wird das den Managern in anderen Unternehmen vielleicht doch eine Lehre sein. Wer immer noch glaubt, sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen zu können, sollte sich vielleicht an den VW-Manager Oliver Schmidt erinnern: Er sitzt nun bereits seit Januar 2017 in den USA in Haft.

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