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Horst von Buttlar Die Last-Minute-Moral der Sofahelden

Die One-Love-Binde hat die Fifa verboten: Die deutsche Nationalmannschaft protestierte mit einer Geste und verlor das Spiel gegen Japan
Die One-Love-Binde hat die Fifa verboten: Die deutsche Nationalmannschaft protestierte mit einer Geste und verlor das Spiel gegen Japan
© picture alliance/dpa | Robert Michael
Darf man die WM in Katar schauen? Diese Frage entzweit das Land. Die Kritik an der WM ist an vielen Stellen richtig, aber auch wohlfeil. Zumal das moralische Podest, von dem viele über immer mehr Länder und Konflikte richten, ziemlich wackelig ist

Ach, der Fußball. Es soll Zeiten gegeben haben, da musste das Runde nur ins Eckige. Und am Ende gewann Deutschland.

Schauen Sie die WM? Oder boykottieren Sie? Setzen Sie auch „Zeichen“? Schauen Sie vielleicht heimlich, während Sie auf Linkedin die Empörungen und Erregungen liken und kommentieren: „Danke, Wolfgang, dass Du das geschrieben und ein starkes Zeichen gesetzt hast“?

Ach, die WM 2022 in Katar.

Es ist schon erstaunlich, wie die Frage des Fußballschauens innerhalb weniger Tage eine moralische Tragweite annehmen konnte, die andere, viel komplexere ethische Verwerfungen in den Schatten stellt. Zumal sich die Lager vor allem in den sozialen Medien schon erbittert und unversöhnlich gegenüberstanden, bevor sich die Nationalmannschaft in Katar überhaupt ordentlich blamieren konnte. Manche Unternehmen, die „Office Viewing“ anbieten, ernten sogar Shitstorms und Proteste von Mitarbeitern (der Rest macht „Homeoffice“ und schaut heimlich).

Die Empörung kommt reichlich spät

Was ist die Kernthese der beiden Lager?

Eine WM in einem despotischen Wüstenstaat, der Menschenrechte nicht achtet, darf man nicht schauen, sagen die einen. Welch Doppelmoral, sagen die anderen. Die Empörung kommt reichlich spät. Im Übrigen: Die Hand, in die wir spucken, soll uns doch das Futter liefern, das Putin uns verwehrt.

Ich gehöre zu denen, die die WM schauen, ohne sich zu schämen, aber ohne recht in Stimmung zu sein. Das aber liegt an der Jahreszeit, die nicht gerade zum Public Viewing in Biergärten einlädt. Mein System fährt gerade runter, will Kerzen anzünden und sucht Einkehr und Frieden. Ich möchte Lebkuchen statt Linkedin, wo ohnehin nur noch fantastische Manager:innen zu finden sind, die von Diversity bis Digitalisierung alles richtig machen und sich gegenseitig abfeiern. Die Gesten und Proteste in sozialen Medien finde ich deshalb wohlfeil, weil es inzwischen wenig Mühe macht, auf der richtigen Seite zu stehen – man muss nur der Crowd folgen und die Wirklichkeit auf diesem Erdball ausblenden. Die tägliche Distanzierung von irgendetwas ersetzt längst das, was einst die Frühgymnastik war: So startet man gesund und beweglich in den Tag.

Klar ist, dass vor zwölf Jahren, als die WM vergeben wurde, ein großer Fehler gemacht wurde. Seitdem hat Katar über 200 Mrd. Dollar investiert und für 6,5 Mrd. Dollar acht Stadien in die Wüste gebaut – und verdient zumindest eine Chance als Gastgeber. Wenn wir wirklich ein Problem mit den Umständen und Arbeitsbedingungen haben, in und mit denen solche Staaten Infrastruktur errichten, hätte kein Spieler den klimatisierten Rasen betreten dürfen. Aber auch andere Reisen wären plötzlich tabu. Dass die Kataris vor der Eröffnungsfeier nicht die erste Love-Parade abhalten, war auch keine Überraschung.

Die hochkorrupte Fifa ist das Hauptproblem

Zur Wahrheit gehört auch: Katar-Reportagen, die diese Konflikte benannt haben, haben die vergangenen Monate kaum Leser und Zuschauer hinterm Ofen hervorgelockt. Vermutlich, weil uns eher die Frage interessiert hat, wie diese Öfen künftig beheizt werden – wo LNG aus Katar zwischenzeitlich einmal eine Rolle spielte. (Den großen Deal mit Katar für 27 Jahre hat gerade China eingetütet, das gute Deutschland wird wohl leer ausgehen.)

Einigkeit besteht immerhin darin, dass das Problem im Kern nicht das Wüstenemirat, sondern die hochkorrupte Fifa ist. Womit die moralische Fallhöhe so niedrig ist, dass wiederum meine moralischen Fasern nicht hinterm Ofen hervorgelockt werden. Geld regiert den Fußball? Hört, hört! Die Fifa irrlichtert bei dem Versuch, zumindest etwas Anstand zu zeigen, in einer Art und Weise, die man noch nicht gesehen hat.

Die eigentliche Frage geht für mich über die Fifa-Abgründe, die Last-Minute-Proteste der Sofahelden und Armbindenaufregung hinaus. Zumal ich die Befürchtung habe, dass wir den Fußball, der die Welt vom Geiste her einen sollte, gerade heillos überfordern. Er kann Zeichen setzten, ist aber als soft power oder gar für einen regime change völlig ungeeignet.

Katar ist mit unserer Wirtschaft eng verwoben

Die eigentliche Frage beginnt mit der nüchternen Feststellung, dass das moralische Schwert, dass „der Westen“ immer größer schmiedet und auf immer mehr Schlachtfeldern schwingt, von einer zunehmend wackeligen Hand gehalten wird. Wir waren und sind dabei zudem weder besonders konsequent noch besonders erfolgreich.

Gerade Katar ist seit Jahren mit unserer Wirtschaft eng verwoben. Die Kataris sponsern nicht nur Bayern München und haben Paris Saint-Germain erst groß gemacht. Sie sind nach dem Porsche-Clan und Niedersachsen der größte Aktionär von Volkswagen, besitzen Anteile an Siemens und der Deutschen Bank. Dieser Tage sind die dabei, zum Großaktionär von RWE zu werden, indem sie die Übernahme eines Solarunternehmens mitfinanzieren, die den grünen Umbau des Energieversorgers sicherstellen soll. Da scheint das Geld aus der Wüste wieder recht und billig.

Die Haltung auf dem hohen Wertepodest, die sehr schnell absolut und überheblich ist, glaubt, dass ihr moralisches Reservoir so unerschöpflich ist wie die Gasquellen in der Wüste. Unsere Außenpolitik soll nicht mehr realistisch sein, sondern wertebasiert – der Handel am besten auch. Seit dem Atomausstieg ist unsere Energieversorgung ebenfalls eine Frage von Gut und Böse (bis wir im Februar schmerzlich merken mussten, dass diese Haltung ein Selbstbetrug war und Energie auch sicher und günstig sein sollte).

„Wandel durch Handel“ bleibt eine gute Idee

Deutschland lebt seit Jahrzehnten von einer Welt, die kooperiert und zusammenwächst; nun fällt sie auseinander und überall ziehen Menschen Mauern hoch. Unser Land hat es vermocht, seine Werte zu vertreten, dafür zu kämpfen, ohne sich zu verkämpfen. Ohne den Sinn aus den Augen zu verlieren, was machbar und durchsetzbar ist. Dieser Realismus geht gerade verloren. Die Idee des „Wandel durch Handel“, die viele für tot erklärt haben, bleibt eine gute Idee. So haben wir einen Wohlstand aufgebaut, dessen Verlust viele nun befürchten und beklagen – außer die wachsende Zahl jener, die ohnehin kein mehr Wachstum wollen. Aber die Idee, nur noch mit, sagen wir, lupenreinen Demokratien Geschäfte zu machen (und gegen sie Fußball zu spielen), wird uns schneller ärmer werden lassen, als wir ahnen.

Vor kurzem hat die Reise eines Kanzlers zum chinesischen Staatschef für Kritik gesorgt. Weil Olaf Scholz hier vermeintlich das falsche Zeichen setzte, nach der umstrittenen Wiederwahl von Xi Jingping. Was ist nun die richtige Haltung? Nicht mehr nach China fahren?

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