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Dekarbonisierung Die Kohle lockt: Banken kehren dem Netto-Null-Emissionsziel leise den Rücken

Klimaaktivisten fordern von den Banken schon lange, dass sie keine Geschäfte mehr mit Öl, Gas und Kohle finanzieren
Klimaaktivisten fordern von den Banken schon lange, dass sie keine Geschäfte mehr mit Öl, Gas und Kohle finanzieren
© Bloomberg
Im vergangenen Jahr hat sich eine Reihe namhafter Großbanken dem Netto-Null-Emissionsziel verschrieben. Doch der gute Vorsatz hält offenbar nicht lange, wo doch mit Kohle, Öl und Gas wieder lukrative Geschäfte locken

Für einige Banker sind die Netto-Null-Emissionen wie ein Neujahrsvorsatz – mit der entsprechenden Lebensdauer. Auf der UN-Klimakonferenz im vergangenen Jahr traten Banken wie die globalen Giganten JP Morgan, Bank of America und Morgan Stanley, aber auch Deutsche Bank und Commerzbank als Mitglieder eines eigens gegründeten Clubs für klimaneutrale Finanzaktivitäten auf. Als Mitglieder der 500 Finanzunternehmen umfassenden Glasgow Financial Alliance for Net Zero (GFANZ) verpflichteten sie sich dazu, bis Mitte des Jahrhunderts Netto-Null-Emissionen zu erreichen.

Doch schon im September waren die drei Wall-Street-Banken informierten Kreisen zufolge drauf und dran, der GFANZ-Initiative den Rücken zu kehren. JP Morgan, Bank of America und Morgan Stanley wollten sich dazu nicht äußern.

Ein Jahr nach COP26 scheinen einige Großbanken zu befürchten, dass sie zu früh auf den Zug aufgesprungen sind, erleben Öl- und Gasunternehmen am Markt doch gerade einen neuen Boom. Das Versprechen, kurzfristig Schritte in Richtung Netto-Null zu erreichen, schien plötzlich eher besorgniserregend. Wie kam es dazu?

Das Revival der fossilen Brennstoffe, insbesondere der Kohle, könnte einen Teil der bröckelnden Entschlossenheit zur Dekarbonisierung erklären. Die weltweite Kreditvergabe an Unternehmen, die mit fossilen Brennstoffen arbeiten, ist laut Bloomberg-Daten in den ersten neun Monaten 2022 im Jahresvergleich um 15 Prozent gestiegen und hat über 300 Mrd. Dollar erreicht.

Klimaziele treten in den Hintergrund

In den ersten drei Quartalen verdienten die Banken mehr als 1 Mrd. Dollar mit Krediten an Unternehmen im fossilen Bereich, was dem Wert von 2021 entspricht. Warum sollte man das Geschäft mit einem boomenden Sektor wegen eines weit entfernten Klimaziels aufgeben?

Harald Walkate, ehemaliger Leiter des Bereichs Umwelt-, Sozial- und Governance-Investitionen bei Natixis Investment Managers und jetzt Berater für nachhaltige Finanzen, meint, dass einigen Banken die Hände gebunden seien, da sie aufgrund ihrer treuhänderischen Pflicht den finanziellen Wert für ihre Kunden maximieren müssen. „Aus ethischer oder ideologischer Sicht mögen viele Menschen die Idee, in fossile Brennstoffe zu investieren, zwar nicht gutheißen, aber es ist sicherlich nicht illegal“, sagt er. „Und es könnte in der Tat für einige Zeit ein sehr gutes Geschäft sein.“

Die GFANZ-Mitglieder haben sich freiwillig verpflichtet, Treibhausgasemissionen bis 2050 vollständig aus ihren Bilanzen zu tilgen. Einige mögen sich unter Druck gesetzt gefühlt haben, dem GFANZ beizutreten, nicht zuletzt wegen des Co-Vorsitzenden Mark Carney, ehemaliger Gouverneur der Bank of England. Aber niemand hat sie dazu gezwungen. (Der andere Co-Vorsitzende ist Bloomberg-Gründer Michael Bloomberg.)

Es war immer klar, dass es für global tätige Banken nicht einfach werden würde, Emissionen aus ihrem Geschäft zu eliminieren. Der überwiegende Teil ihres CO2-Ausstoßes stammt von Unternehmen, denen sie Kredite gewähren, was bedeutet, dass sie nur begrenzten Einfluss auf deren Geschäfte haben. Die GFANZ-Mitglieder haben mit einer Bilanzsumme von 135 Billionen Dollar auch eine Menge Kapital, das sie irgendwo einsetzen müssen – und für das es derzeit nicht genügend nachhaltige Anlagemöglichkeiten gibt.

„Wenn wir einen glaubwürdigen und restriktiven Ansatz für ein vollständig angepasstes Geschäftsmodell verwenden, kann nur ein sehr kleiner Teil der heutigen Wirtschaft tatsächlich als vollständig nachhaltig angesehen werden“, sagt Thomas Hohne-Sparborth, Leiter des Nachhaltigkeitsresearchs bei Lombard Odier Investment Managers.

GFANZ braucht Zeit

Einige Klimaaktivisten zeigen wenig Verständnis für die neue Skepsis der Banker. „Ist es denn wirklich eine Überraschung, dass die Verpflichtung, bis 2050 netto null zu erreichen, bedeutet, keine neuen Kohlekraftwerke zu finanzieren, die Ölförderung zu stoppen und die erneuerbaren Energien rasch auszubauen?“, sagt Rebecca Self, die früher in leitender Position für HSBC gearbeitet hat jetzt Seawolf Sustainability Consulting leitet.

Allerdings hätte wohl auch niemand erwarten dürfen, dass GFANZ über Nacht Erfolg haben würde. „Es ist unheimlich für sie“, sagt Amanda Starbuck, Leiterin des Investorenprogramms für das Sunrise Project, einer Gruppe für Klimagerechtigkeit. „Es ist eine völlig neue Welt, und sie müssen sich mit der Finanzierung einer echten Revolution für saubere Energie vertraut machen.“

Die Gruppe steht noch am Anfang, und bis 2050 kann noch viel erreicht werden. GFANZ-Mitglied Hendrik du Toit, CEO von Ninety One, sagt zum Beispiel, dass seine 150-Mrd.-Dollar-Investmentfirma auf lange Sicht engagiert ist. Im zweiten Jahr ihres Bestehens sei die Allianz „nicht defätistisch eingestellt“.

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