StudieDie Hidden Champions der Berater

Hidden Champion im Bereich Disruption: die Münchner Beratung IMP mit den geschäftsführenden Partnern Stephan Friedrich von den Eichen (r.) und Markus Anschober
Hidden Champion im Bereich Disruption: die Münchner Beratung IMP mit den geschäftsführenden Partnern Stephan Friedrich von den Eichen (r.) und Markus AnschoberSebastian Arlt

Große Beratungsunternehmen dominieren die Consulting-Branche, weltweit ebenso wie in Deutschland. Im laufenden Jahr wurde hierzulande etwa ein Viertel der rund 30 Mrd. Euro Umsatz auf dem Beratungsmarkt von 25 der insgesamt rund 16.000 Unternehmen erwirtschaftet – angeführt von den großen Drei: McKinsey, Boston Consulting Group (BCG) und Bain & Company.

Geht es aber nach der Qualität der Beratung, laufen kleine Beratungshäuser mit Expertise in einzelnen Branchen oder Marktsegmenten den globalen Branchenriesen auf dem deutschen Markt den Rang ab. Alle drei Jahre identifiziert die Wissenschaftliche Gesellschaft für Management und Beratung (WGMB) die „Hidden Champions der Beraterbranche“, deren Arbeit in bestimmten Industrien oder Disziplinen von Spitzenmanagern aus der deutschen Wirtschaft besser beurteilt wird als die der drei Marktführer.

Mehr als 700 Führungskräfte befragte das Bonner Institut für die aktuelle Erhebung. Die von ihnen ausgewählten 22 Top-Performer stellt Capital in der neuen Ausgabe (Capital 01/2018) exklusiv vor. Sie konnten sie sich in dreizehn Fachdisziplinen wie etwa Marketing und Vertrieb, Innovation und Wachstum oder Lean Management an die Spitze des Feldes setzen und mit ihrer Kompetenz in sieben Branchen die großen Wettbewerber McKinsey, BCG und Bain auf die Plätze verweisen.

Dazu zählen etwa die Einkaufsspezialisten von Kerkhoff, 1998 gegründet, wo inzwischen 50 Consultants Unternehmen wie Vonovia, Greiner oder Hymer als Kunden haben. Oder die auf die Bereiche Pharma und Gesundheit fokussierte Beratung B-LUE, wo ein 20-köpfiges Team aus Ärzten und Wissenschaftlern Krankenkassen, Krankenhäuser und Gesundheitskonzerne betreut. Oder die Hamburger Beratungsboutique Infront, die Unternehmen wie Siemens, Freudenberg oder Vodafone dabei unterstützt, ihr Geschäftsmodell in die digitale Welt zu transformieren. Zum wiederholten Male sind auch die Automotiveexperten von Berylls dabei, die Autohersteller und -zulieferer durch die großen Transformationsthemen von E-Mobilität bis Conntected Cars lotsen – und in diesem Jahr Gesamtsieger bei der Kundenzufriedenheit wurden.

Netzwerke bilden und Wissen teilen, Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen zusammenbringen und neue Techniken, Arbeitsweisen oder Geschäftsmodelle bei den Unternehmenskunden so einführen, dass sie funktionieren – das sind die Erfolgsrezepte, mit denen kleine und mittelgroße Beratungsfirmen im Wettbewerb glänzen können. „Die Nachfrage nach Beratungsleistungen ist auf einem Rekordniveau“, sagt Dietmar Fink, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der gemeinsam mit WGMB-Geschäftsführerin Bianka Knoblach zum sechsten Mal die Studie erstellt hat.

EY und Bain übernehmen zwei Hidden Campions

Die Stärken der Kleinen sind ein Wettbewerbsvorteil, der Begehrlichkeiten bei den Branchenriesen weckt, die ihre Führungsposition mit Zukäufen ausbauen wollen. Nicht nur die großen Managementberatungen halten nach Übernahmekandidaten Ausschau, auch die vier weltweit dominierenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften Deloitte, Ernst & Young (EY), PricewaterhouseCoopers (PwC) und KPMG haben die „Hidden Champions“ im Visier, um ihr Geschäft mit der strategischen Unternehmensberatung auszubauen.

So werden gleich drei der in diesem Jahr von der WGMB gekürten Beratungsunternehmen ganz oder teilweise von großen Wettbewerbern übernommen: Bei der Hamburger Beratungsboutique B-LUE hat man sich dazu entschlossen, den Großteil des Beratungsgeschäfts mit Krankenversicherungen unter dem Dach eines starken Partners weiterzuführen: Der Hidden Champion wird zum 1. April 2018 von Bain übernommen.

Führend in der Königsdisziplin Strategie: die Partner der ­Düsseldorfer Beratung OC&C mit Sprecher Georg Janßen (4. v. l.) – (Foto: Henning Ross)

Nach Informationen von Capital gibt mit OC&C ein weiterer „Hidden Champion“ seine Unabhängigkeit auf: Das vom WGMB zum Sieger in der Kategorie „Strategie” gekürte Düsseldorfer Beratungsunternehmen wird noch in diesem Jahr von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY übernommen und soll in der Beratungssparte EY-Parthenon aufgehen, um die Expansion auf dem europäischen Markt voranzutreiben. Das Bundeskartellamt hat den angestrebten Deal im Fusionskontrollverfahren bereits genehmigt. Die beteiligten Unternehmen wollten die Übernahmepläne auf Anfrage von Capital nicht kommentieren.

Am Donnerstag teilte die Münchener Unternehmensberatung KPS mit, dass sie Infront Consulting übernehmen werde, den „Hidden Champion” im Bereich Digitalisierung. Infront bleibe dabei als eigenständige Gesellschaft und eigenständige Marke innerhalb der KPS bestehen. KPS will durch den Zusammenschluss das eigene Leistungsangebot bei der Digitalisierung in Richtung Umsetzung und Skalierung von neuen Geschäftsmodellen erweitern.

B-LUE, OC&C und Infront reihen sich in die Riege der „Hidden Champions” ein, die bereits in den vergangenen Jahren aufgekauft wurden. So sicherte sich KPMG mit Stratley, Brainnet und Tellsell die Kompetenzen von gleich drei der kleinen Spitzenreiter. EY schnappte sich 2013 die auf die Optimierung von Lieferketten spezialisierte J&M Management Consulting.

Wir müssen als Berater heute einen ganz anderen Maschinenraum anbieten

Georg Janßen

Auch wenn die Digitalisierung, die sämtliche Branchen erfasst hat, bei den Beratungsunternehmen derzeit für Auslastungsspitzen sorgt, spüren auch die Ratgeber den Druck der Transformation. „Die Geschäftsmodelle der Berater brechen mit der Digitalisierung auf, viele Firmen hängen hinterher”, sagt Dietmar Fink, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, der gemeinsam mit WGMB-Geschäftsführerin Bianka Knoblach zum sechsten Mal die Hidden-Champions-Studie erstellt hat. „Nur weil der Markt insgesamt so gut läuft, können die Defizite vielerorts noch übertüncht werden.“ Intelligente Software, etwa für die Analyse von Unternehmensdaten, rationalisiert das Geschäft. Doch die dafür notwendigen laufenden Investitionen können viele kleinere Beratungshäuser aus eigener Kraft kaum mehr stemmen.

„Um strategische Einsichten zu gewinnen, müssen wir als Berater heute einen ganz anderen Maschinenraum anbieten”, sagt Georg Janßen, Managing Director bei OC&C. „Wir haben eine eigene Analytics-Abteilung mit dem entsprechenden Know How aufgebaut, um für unsere Kunden komplexe Datensätze in kurzer Zeit zu erfassen und auszuwerten.“  Der Strategieberatung ist es damit gelungen, sich als Hidden Champion in der Königsdisziplin der Branchenführer vor BCG, McKinsey, Bain und Roland Berger zu platzieren. „Wir haben unser Rekordjahr hinter uns und können auf einer starken Position aufbauen“, sagt Janßen. „Dennoch stellen wir uns natürlich die Frage: Wie stellen wir sicher, dass wir auch in fünf Jahren in der der Champions League spielen?“

Auch B-LUE ist derzeit umsatzstark und profitabel wie nie. Gründer und Geschäftsführer Bent Lüngen sieht aber die Risiken, die den Alleingang künftig immer steiniger gemacht hätten: „Die Themen, mit denen wir uns befassen müssen, sind im Zuge der Digitalisierung vielschichtiger und anspruchsvoller geworden. Als Berater-Boutique würden wir uns da sehr schwer tun”, glaubt Lüngen. „Jetzt haben wir die Chance, mit mehr Beratern und größeren Ressourcen den Markt richtig anzugehen.”