Interview„Ich war einer der innereuropäischen Corona-Kuriere“  

Djordje NikolicLena Giovanazzi

Das geplante Video-Interview muss kurzfristig als Telefoninterview geführt werden. Nikolic ist den ersten Tag in den neuen Büroräumen des Freiburger Firmensitzes seiner Unternehmensberatung – und das Internet ist gerade ausgefallen. „Erstaunlich, was trotzdem schon alles funktioniert: Strom und Kaffeemaschine“, sagt der 44-Jährige. Das Team habe am Tag zuvor wahnsinnig rangeklotzt, so dass fast alles fertig sei. Nach dem Gespräch wolle er alle zum Mittagessen einladen. Nikolic ist Arzt, hat jahrelang als Kardiologe gearbeitet, ist dann ins Management der Klinikkette Helios gewechselt und hat vor acht Jahren Consus Clinicmanagement gegründet, eine der führenden Beratungen für Kliniken (Capital Hidden Champions 2020). Anfang März hat er sich im Skiurlaub in Ischgl mit Covid-19 angesteckt. Für Workaholic Nikolic war es der „Tiefpunkt im Leben“, der ihn ausgebremst und viel verändert hat: „Ein Schneller, Höher, Weiter um jeden Preis will ich nicht mehr“.

Capital: Herr Nikolic, eigentlich sollten Sie jetzt in Berlin sein, haben Sie gerade erzählt – doch jetzt sitzen Sie in Freiburg. Warum?  

DJORDJE NIKOLIC: Das stimmt, in Berlin sind einige unserer wichtigsten Kunden, teils riesige Aufträge. Und tatsächlich bin ich nach dem Lockdown, als sich das Leben langsam wieder normalisiert hat, einmal nach Berlin gereist, um einen Kunden vor Ort zu besuchen.

So wie das für Sie früher wahrscheinlich selbstverständlich war. Wie war das?   

Von unserem nächstgelegenen Flughafen Basel gab es noch keine Flüge. Also bin ich zwei Stunden mit dem Auto nach Stuttgart zum Flughafen gefahren, habe mein Auto da für eine Nacht für 84 Euro im Parkhaus abgestellt und bin nach Berlin geflogen. Von Tegel aus mit dem Taxi durch die Stadt gefahren und am nächsten Tag alles wieder zurück. Das habe ich addiert – zeitlich, ökologisch, ökonomisch: Es kam mir danach vor wie eine Weltreise.

Und nun sparen Sie sich das?  

Zumindest habe ich gedacht: Was für ein Unsinn! Warum soll ich das denn machen? Ich hätte mich einfach von meinem Schreibtisch per Computer dazu schalten können.

Diese Überlegungen stellen ja viele Unternehmen derzeit an, um Kosten zu sparen und um das Infektionsrisiko zu minimieren. Bei Ihnen klingt das aber grundsätzlicher.

Corona war wirklich ein, vielleicht sogar der Tiefpunkt in meinem Leben. Nicht nur, weil der Lockdown die Art und Weise, wie wir als Berater arbeiten, komplett umgekrempelt hat. Sondern weil das Virus ja auch mich ganz persönlich getroffen hat.

„Ich war einer der innereuropäischen Corona-Kuriere. Aber ich hatte die ganze Zeit keinen Schimmer davon, dass ich betroffen bin“

Djordje Nikolic

Das müssen Sie bitte erklären.

Anfang März war ich wie jedes Jahr mit meinen fünf besten Freunden in Ischgl Skifahren. Wir hatten ein Appartement zusammen. Wer welchen Zahnputzbecher oder welches Weinglas genutzt hat, war relativ egal. Wir sind auch in Restaurants und einer Après-Ski-Bar gewesen. Das Virus hat es bei uns nicht schwer gehabt. Der Abreisetag war am 10. März, einem Dienstag. Das war drei Tage vor dem Lockdown in Ischgl. Ich hatte noch mit dem Hotelier geplaudert und war im besten Glauben, das alles in Ordnung ist. Ich bin ganz früh ins Auto gestiegen und direkt ins Büro gefahren.

Sie wurden zum Super-Spreader?

Na ja, jedenfalls hatte ich mittags ein Meeting mit einem wichtigen Geschäftspartner. Der kam extra aus dem Ausland eingeflogen. Danach hatte er zwei Wochen lang viel Freizeit mit seiner Familie, weil er meinetwegen in Quarantäne musste. Am nächsten Tag hatte ich einen Notartermin. Und auch das Notariat hat danach zwei Wochen lang viel Gartenarbeit machen dürfen. Die Kollegen hier bei mir auf dem Flur waren ebenfalls betroffen. Ich war einer der innereuropäischen Corona-Kuriere. Aber ich hatte die ganze Zeit keinen Schimmer davon, dass ich betroffen bin. Erst am Donnerstag, zwei Tage nach meiner Rückkehr aus Ischgl, hatte der erste Freund aus unserer Skigruppe einen positiven Test.

Und wie war der Krankheitsverlauf?

Von uns sechs Freunden hat es fünf richtig heftig erwischt, wir waren richtig krank. Zwei mussten in die Klinik. Wir sind alle erfolgreiche Unternehmer, die nicht wegen jedem Zipperlein zu Hause bleiben. Aber da war der Spaß vorbei. Zu der Zeit war ja noch soviel unbekannt: Wie sind die Symptome? Wie geht es weiter? Da waren wir doch schon ziemlich verunsichert.