Interview „Die Beraterbranche steht erstaunlich gut da“

Bianka Knoblach, Geschäftsführende Direktorin der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management und Beratung (WGMB), und Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung in Bonn und Wissenschaftlicher Direktor der WGMB
Bianka Knoblach, Geschäftsführende Direktorin der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management und Beratung (WGMB), und Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung in Bonn und Wissenschaftlicher Direktor der WGMB
© WGMB
In einer großen Studie haben Dietmar Fink und Bianka Knoblach den Beratermarkt untersucht. Im Interview sprechen sie über den Zustand der Branche im zweiten Jahr der Coronapandemie

In einer neuen Studie hat die Wissenschaftliche Gesellschaft für Management und Beratung (WGMB) für Capital den Beratungsmarkt untersucht. Im Interview geben Bianka Knoblach, geschäftsführende Direktorin der WGMB, und Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung in Bonn und Wissenschaftlicher Direktor der WGMB, einen Überblick über die Ergebnisse.

CAPITAL: Herr Professor Fink, Frau Knoblach, wie steht die Beraterbranche im zweiten Jahr der Coronapandemie da?

Dietmar Fink: Erstaunlich gut. In diesem Jahr rechnen wir mit einem Umsatzwachstum über die gesamte Branche von etwa zehn Prozent. Das Jahr 2020 war allerdings für viele Firmen ein verlorenes.

Bianka Knoblach: Der Effekt war in etwa genauso hart wie der Einbruch der New Economy oder zuletzt die Finanz- und Bankenkrise. Vor allem Unternehmen aus dem Industriegütersektor, dem Maschinen- und Anlagenbau, Automobilhersteller und ihre Zulieferer haben die Ausgaben für Berater zum Teil drastisch reduziert. Nicht einmal in den Boombranchen Gesundheit, Pharmazie und im Einzelhandel konnten die Berater groß zulegen.

Hat die Krise die kleinen Beratungen stärker getroffen als die großen?

Fink: In vielen Fällen schon. Wenn die Welt unsicher ist, gehen die Kunden bei der Beraterwahl kein Risiko ein. Zudem sind viele Hidden Champions oftmals stark spezialisiert auf bestimmte Branchen. Wenn es etwa in der Automobilbranche kriselt und eine Beratung ist ausgerechnet auf diese Branche fokussiert, dann hat sie natürlich besonders zu leiden.

Dennoch haben sich bei Ihrer jüngsten Studie Hidden Champions in mehr Bereichen denn je gegen die Universalberatungen durchgesetzt. Woran liegt das?

Fink: Vor Corona waren vor allem Vordenker gefragt, die Unternehmen dabei halfen, in Zeiten disruptiver Veränderungen von Geschäftsmodellen und geopolitischer Ungewissheiten Leitplanken fürs eigene Business zu finden. Das ist eine Stärke der klassischen Universalberatungen. Nun fordern die Kunden verstärkt tiefes Fachwissen, um künftige Krisen besser abzufedern. Das bieten die Beratungsboutiquen in besonderem Maße.

Welches Ergebniss hat sie besonders überrascht, Frau Knoblach?

Knoblach: Mit TTE Strategy liegt zum zweiten Mal seit unserer ersten Studie 2003 ein Hidden Champion in der Kategorie Strategie vorne. Das zeigt, dass selbst in den Domänen von McKinsey, Bain oder Boston Consulting kleine Beratungen hervorragende Ergebnisse erzielen können.

In diesem Jahr zeichnen Sie erstmals Berater aus, die das Thema Nachhaltigkeit bearbeiten. Warum erst jetzt?

Fink: Bislang hat noch keine große Beratung damit maßgeblich Geld verdient. Zudem wurde das Thema allzu oft von PR-Agenturen abgedeckt, die einem Unternehmen in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image verpassen, ohne dass es dafür eine wirkliche Grundlage gibt. Mittlerweile erstreckt sich die Beratung aber zunehmend auf handfeste Maßnahmen zur nachhaltigen Organisation von Lieferketten und anderen Geschäftsbereichen. Deshalb schauen wir uns dieses Segment fortan genauer an.


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