KommentarDie Heuchelei von Hambach

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Wollten wir nur unsere CO2-Emmissionen senken (die übrigens auch steigen, Daten dazu finden Sie hier), müssten wir die Atommeiler eigentlich länger laufen lassen – während wir planmäßig die Erneuerbaren hochfahren. Die Mehrheit der Deutschen will aber auch keine Kernenergie, also schalten wir die Meiler ab, fahren die Erneuerbaren hoch, aber da wir als Industrieland eine Grundlast in der Energieversorgung benötigen, brauchen wir leider auch die Kohle. Und da leider besonders die schmutzige Braunkohle – weil wir dummerweise unsere Einspeisegesetze auch noch so konstruiert haben, dass sich Gaskraftwerke nicht mehr rentabel betreiben lassen. Und da die meisten auch keine Stromtrassen wollen, holen wir uns zur Not Atomstrom aus dem Ausland. Alles etwas verkorkst. Energiewende mit der Brechstange.

Hambach wurde für die Windkraft mehrmals gerodet

Der Kampf um die 200 Hektar in Hambach ist aber auch aus einem weiteren Grund eine Heuchelei: Für jedes Windrad werden, je nach Bauart und Anlage inklusive Zuwegung, zwischen einem und 1,5 Hektar Wald gerodet und noch mehr Wald beschädigt. Ironischerweise werden nur 40 Kilometer entfernt vom Hambacher Forst im Aachener Münsterwald derzeit tausende Bäume gefällt. Sieben 200 Meter hohe Windräder wollen die Aachener Stadtwerke hier errichten. Nach Angaben des Landesbetriebs Wald und Holz gibt es bereits 67 Anlagen in Wäldern in NRW; ein Dutzend befinden sich im Bau, 79 neue Anlagen sind genehmigt oder beantragt. Insgesamt fielen und fallen in NRW also für die Windradriesen in Summe einmal der Hambacher Forst, ohne dass es ein nationales Ereignis ist.

Derzeit drehen sich in Deutschland über 28.000 Windräder an Land – es ist an vielen Stellen einer der massivsten und brutalsten Eingriffe in die Natur und das Landschaftsbild – und das im Namen der Umweltbewegung. Davon stehen über 1500 Anlagen im Wald, der Ausbau hat sich seit 2010 vervielfacht, allein 2017 kamen 337 Anlagen dazu. Sprich: Allein durch diesen Ausbau von fünf Prozent aller Windkraftanlagen ist der Hambacher Forst mehr als fünf Mal gerodet worden. Was aber nicht für Zeltlager in Baumwipfeln und Berichte in der „Tagesschau“ gesorgt hat.

Die Grünen und Erneuerbare Energien-Lobbyisten parieren solche Argumente gekonnt. Im Kern rechnen sie die Flächen möglichst klein (nur 0,2 bis 0,4 Hektar!) und sie sagen: Erstens, sind diese Wälder meist nicht so wertvoll (was nicht stimmt); zweitens, sei für die Braunkohle ja schon viel mehr gerodet worden (ein wirklich bizarres Argument). Und drittens, müssen wir die Energiewende schaffen und dafür dürfe „Wald nicht tabu sein“.

Widerstand gegen Windkraft im Wald

Dabei wächst gerade gegen Windkraft im Wald der Widerstand, je nach Umfrage sind rund 75 bis 80 Prozent der Deutschen dagegen, auch wenn sie im Prinzip für Windkraft sind. Denn überall im Land wird seit Jahren in viel wertvollere und ältere Waldbestände im Namen der Windenergie eingegriffen, vor allem in Rheinland-Pfalz, wo etwa der Soonwald Opfer wurde, aber auch in Brandenburg, Bayern und in Hessen, hier war es der Kaufunger Wald oder der Reinhardswald, der tatsächlich in Teilen ein Urwald ist. Hier werden munter Schneisen geschlagen und es wird gerodet, und wer dagegen aufbegehrt, ist gegen die Rettung des Planeten.

Klar ist: Für den Ausbau der Erneuerbaren Energien muss es Windkraft an Land geben. Der Bau von 200 Meter hohen rotierenden Riesen in Wäldern aber ist eine der groteskesten Irrwege der Energiewende und eine der Ursünden der deutschen Umweltbewegung. Oft habe ich mich gefragt, wie man diesen Wiederspruch, diese Unwucht in einem grünen Hirn aushält. Jetzt habe ich eine Ahnung: Im Kleinen schützen wir ein paar Kilometer weiter Blumen für nicht vorhandene Schmetterlinge. Und im Großen brauchen wir Ereignisse wie das Hambacher Fest, symbolische Siege zur Erhaltung von Wäldern gegen böse Braunkohlekonzerne.