EssayDie große Freiheit

Die große Freiheit© Illustration: Jindrich Novotny

Karen Horn, in Genf geboren, in Lausanne promoviert und Ende Oktober 2014 nach Zürich gezogen, ist freie Publizistin und Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Witten/Herdecke.  Sie ist Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Hayek für jedermann – Die Kräfte der spontanen Ordnung“ (FAZ Buch, 2013)

Karen Horn war Vorsitzende der Hayek-Gesellschaft – bis sie aus Protest gegen das Mobbing, das auf ihre Warnung vor Neurechts folgte, Mitte Juli aus dem Verein austrat. Die Ökonomin und Publizistin lebt und arbeitet in Zürich.

 


Seit einiger Zeit vollzieht sich ein bestürzender gesellschaftlicher Wandel: Die Stimmen am rechten Rand werden zahlreicher, lauter, boshafter, extremer. Es gibt gerade dort eine verblüffend hohe Zahl an Wutbürgern, die aus Prinzip gegen alles Mögliche sind und ihren Hass gegen das „System“ herausposaunen, sei es aus Frustration, Langeweile, Orientierungslosigkeit oder Paranoia. Man erkennt die Neurechten mühelos an ihrer eifernden Sprache und an ihren Verschwörungstheorien – alles ist ihnen sofort „Wahn“, „Wahnsinn“, „Betrug“, „Komplott“, „Propaganda“ und „Lüge“.

Mehr denn je tritt in dieser Entwicklung zutage, welch unheilvolle Allianzen entstehen, wenn man den Liberalismus nur spartenweise betreibt, ihn insbesondere auf einen „Wirtschaftsliberalismus“ reduziert. Denn als Folge einer solchen Engführung bekommt man es mit Menschen zu tun, die zwar den Markt hochhalten und dem verbreiteten Etatismus Einhalt gebieten wollen, ansonsten aber mit individueller Freiheit nicht viel am Hut haben: Personen, die sich zwar seit Jahren für Eigentum und Vertragsfreiheit einsetzen, jetzt aber unbeschadet dessen vor allem gegen Ausländer hetzen und „optimale kulturelle Absorptionsquoten“ berechnen. Die stets die Übergröße des Wohlfahrtsstaats gegeißelt haben, nun aber in kruden Nationalismus verfallen. Die immer gegen Umverteilung waren, nun aber gehässig über Homosexuelle herziehen und Sexismus an den Tag legen. Denen die Idee einer Entnationalisierung des Geldes plausibel ist, die aber zugleich Wladimir Putin verfallen sind, gegen TTIP wettern und ohne „Reevangelisierung des Abendlandes“ den Untergang nahen sehen.

So gruselig das Erstarken des neurechten Milieus ist, es hat auch etwas Gutes. In der Abgrenzung hiervon ergibt sich nämlich eine Gelegenheit, den normativen Markenkern des Liberalismus auch jenseits des Marktwirtschaftlichen klar zu benennen: Menschenfreundlichkeit, Toleranz, Respekt, Offenheit, Zukunftsvertrauen.

Der Einzelne hat Vorrang

Ob man nun ein Gebot der Menschenfreundlichkeit, der Toleranz und des Respekts theologisch aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen ableitet oder ob man schlicht den „methodologischen Individualismus“ der Ökonomen auf eine normative Ebene hebt – alles liberale Denken geht vom einzelnen Menschen aus, den es zu schützen und in seinen Rechten zu stärken gilt. Hieraus ergibt sich der normative Vorrang der Ergebnisse freiwilliger Interaktion vor staatlichen Setzungen und kollektivistischen Tagträumereien; hieraus ergibt sich auch das typische Misstrauen gegenüber allzu gestaltungsfreudigen und übergriffigen Regierungen.

Dabei führt dieser Respekt vor dem Individuum logisch durchaus ganz und gar nicht zu jenem überbordenden Hass auf den Staat und das „System“, wie ihn die Neurechten pflegen. Aus liberaler Warte gilt es, den Staat weder zu lieben noch ihn zu hassen, ihm weder zu viel noch zu wenig zuzutrauen.

Klar, auch Politiker verfolgen eigene Interessen; Mehrheiten können Minderheiten ausbeuten; die Präferenzen der Bürger kommen selbst in direkt-demokratischen Prozessen nicht voll zur Geltung. Unbeschadet dessen ist die Politik einer von mehreren legitimen Regelkreisen sozialer Koordination, und die repräsentative Mehrheitsdemokratie stellt ein bewährtes Verfahren zum gewaltfreien Ausgleich widerstrebender Interessen dar – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Diese politische Freiheit ist gewiss nicht alles, aber sie ist ein unverzichtbarer Baustein der Freiheit.

Der Respekt vor dem Individuum bedingt zwingend, dass der Liberalismus nicht nur eine politische Kategorie ist. Er beschreibt auch eine Haltung, die das Gebot der Nichtübergriffigkeit von der politischen auf die persönliche Ebene überführt. Andere Menschen seriös anzusprechen, sie anzunehmen und so sein zu lassen, wie sie sind, sie nicht zu bedrängen, ihnen ihre Überzeugung und ihren Lebensentwurf weder mittels staatlichen Zwangs zu erschweren noch ihnen diese „austreiben“ zu wollen, sie weder zu verunglimpfen noch sie für ihren Weg oder ihre Meinung mit Häme und Spott zu überschütten – all das macht eine freiheitliche Haltung aus. Diese Menschenfreundlichkeit ist das eigentliche Wesen des Liberalismus, hierin liegt seine zeitlose Attraktivität. Liberal zu sein ist auch eine Frage der Haltung, des Stils und des Benimms.

Man mag sich gar nicht ausmalen, wie viele vielversprechende Köpfe der Liberalismus schon verloren hat, weil sich Waldschrate anmaßen, für ihn zu sprechen, die nichts als reaktionär herumpöbeln; die andere nicht zu gewinnen, sondern zu überwältigen suchen; die eine Sekte treu ergebener Jünger formen wollen und dem Rest der Gesellschaft, dem „Mainstream“, nur noch Verachtung entgegenbringen.