KolumneLiberale - zeigt Demut!

Mann liegt mit Notebook in der Hängematte
In liberalen Blogs geht es oft vor allem um Abgrenzung – ein Fehler
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Karen Horn, in Genf geboren, in Lausanne promoviert und Ende Oktober 2014 nach Zürich gezogen, ist freie Publizistin und Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Witten/Herdecke.  Sie ist Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Hayek für jedermann – Die Kräfte der spontanen Ordnung“ (FAZ Buch, 2013)Karen Horn ist freie Publizistin und Dozentin für ökonomische Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin sowie an der Universität Witten/Herdecke.  Sie ist Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Hayek für jedermann – Die Kräfte der spontanen Ordnung“ (FAZ Buch, 2013)


Großbritannien hat es wieder einmal bestätigt: Der politische Liberalismus ist vom Aussterben bedroht. Die linksliberalen „Libdems“ sind in den Unterhauswahlen fast untergegangen; in Italien und Frankreich gibt es ohnehin keine bedeutsame liberale Partei; in der Schweiz lässt der Freisinn seit Jahren Federn; in Deutschland ist die FDP, die zwischen 2009 und 2013 vom konservativen Koalitionspartner um ein Haar zerdrückt worden war, nicht mehr im Bundestag vertreten.

Dem realpolitischen Bedeutungsverlust der Liberalen steht allerdings eine stetig wachsende Szene freiheitlicher Initiativen in der Zivilgesellschaft gegenüber, die durchaus optimistisch stimmen kann. Eine neue liberale Denkfabrik nach der anderen erblickt das Licht der Welt, in der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel „Open Europe Berlin“, die sich mit europapolitischen Fragen beschäftigt, und soeben erst „Prometheus – Das Freiheitsinstitut“ mit einem umfassenden politischen Programm. Es entstehen Gesprächs- und Lesekreise in großer Zahl. Und täglich wächst in den sozialen Medien die bunte Schar der Diskussionsgruppen, in denen das gesamte Weltgeschehen akribisch unter die liberale Lupe genommen wird. Gebloggt wird ohnehin, was das Zeug hält, zum Beispiel auf den Seiten von „Novo Argumente“, „Denken für die Freiheit“, „Antibuerokratieteam“, „Freitum“„Offene Grenzen“, „Café Liberté“, „Libertäre Plattform“ und wie sie alle heißen.

Enthemmte Kommunikation

Viele spannende Texte finden sich, so manches intellektuelle und schreiberische Talent probiert sich dort mit höchst ansehnlichem Ergebnis aus. Es fällt auf, dass viele dieser zumeist noch sehr jungen, selbstausbeuterisch arbeitenden Blogger sich ernsthaft darum bemühen, alle Facetten eines Themas abzuklopfen und ihm umfassend gerecht zu werden. Trotzdem bleiben leider auch diese virtuellen Sphären des freiheitlichen Diskurses nicht ganz verschont von den Verrohungen der enthemmten Kommunikation im Cyberspace: Es gibt, man kann es nicht anders ausdrücken, neben viel Gutem auch viel Müll. Recherche, Fairness, Ausgewogenheit, Stringenz, Sprache – Fehlanzeige? Das Netz vergisst zwar nichts, aber es verzeiht eine Menge.

Es wird zugespitzt und geätzt, dass sich die Balken biegen. Was nicht nach der eigenen weisen Nase läuft, ist gleich „Planwirtschaft“, „Sozialismus“, „Terror“, „Totalitarismus“ oder „Diktatur“, „Wahn“, „Irrsinn“ oder „Idiotie“, darunter geht es nicht. Gefragt ist der Mut zur Meinung: je kesser, desto besser. Da sind Fakten schon mal lästig. In den Kommentarspalten herrscht ohnehin die Sprache der Gosse. Es wird oft persönlich, böse, mitunter verletzend, höhnisch; die Invektiven sind selten zitierbar. Muss das sein? Zugestandenermaßen sind die jungen Leute nicht empfindlich, sondern stecken auch ein, wie sie selber austeilen.

Auch wenn die handelnden Personen die sich ausbreitende Aggressivität gar nicht zu stören scheint, muss diese neue Qualität der verbalen Konfrontation im Netz Sorgen bereiten. Sie befördert vor allem eines: die scharfe Abgrenzung voneinander, das mutwillige Aufreißen von immer mehr heftig umkämpften Gräben, die größtmögliche Radikalität. Was in der notwendigen Distanzierung von der zunehmenden Zahl an „Rechtsversifften“ unter den Liberalen noch angehen mag, verliert freilich auch im sonstigen Diskurs nichts an Schärfe. Jeder Kommentar wird unerbittlich daraufhin seziert, ob der Verfasser sich als „echter Liberaler“ aufführt oder nicht – als ob es dafür unstrittige Kriterien gäbe. Jeder will „echter“ sein, konsequenter denken und die reinere Lehre gepachtet haben als der andere. Man geigt sich gegenseitig hoch.

In diesem nicht sonderlich sportlichen Wettkampf bleiben nur das unbedingte Überlegenheitsgefühl und die unerschütterliche Überzeugung, im Besitz der Wahrheit zu sein, und, am anderen Ende, Ausgrenzung und Verachtung. So geraten dann auch die Argumente in die Zentrifuge. „Purifizierung des Denkens“ hat der selbst sehr differenzierte Blogger Kalle Kappner diesen Prozess einmal – allzu – freundlich genannt; diese gnadenlosen gedanklichen Säuberungen indes drohen in Dogmatismus, Demagogie, Intoleranz und Sektierertum zu münden.