TeuerungDie größten Missverständnisse über die Inflation

Die Inflationsrate in Deutschland liegt mittlerweile bei vier Prozent und ist damit so hoch wie zuletzt vor 28 Jahren
Die Inflationsrate in Deutschland liegt mittlerweile bei mehr als vier ProzentIMAGO / Panthermedia

Am Freitag haben wir geschrieben, dass sich die Inflation wahrscheinlich bald wieder abschwächen werde. Darauf erhielten wir mehr als 1000 Kommentare via Facebook. Darüber haben wir uns sehr gefreut. Doch offenbar gibt es auch viele Missverständnisse, was die Inflation anlangt. Daher beleuchten wir an dieser Stelle die häufigsten Irrtümer:

Missverständnis #1: Eine sinkende Inflationsrate ist gleichzusetzen mit fallenden Preisen

Die aktuelle Inflationsrate gibt die Preisänderungen des aktuellen Monats gegenüber dem Vorjahresmonat an. Als die Statistiker des Statistische Bundesamtes die Preise aus dem September 2021 mit den Preisen aus dem September 2020 verglichen, kam es zu einer durchschnittlichen Preissteigerung von 4,1 Prozent.

Der Preis für Fernsehgeräte beispielsweise stieg zwischen September 2020 und September 2021 um 3,6 Prozent. Das bedeutet konkret: Ein Fernseher, der damals 1000 Euro kostete, geht heute für 1036 Euro über den Ladentisch. Wenn der Fernseher aber im kommenden September immer noch 1036 Euro kostet, entspricht das einer Preissteigerung von null Prozent. Steigen bei keinem Produkt mehr die Preise bis zum kommenden Jahr, wäre die Inflation auf null Prozent gefallen, obwohl die Preise gleich hoch geblieben sind.

Missverständnis #2: Die Inflation trifft alle gleich

Die Inflation ist mehr als nur eine einzelne Zahl. Der Preis für Benzin etwa ist für den Pendler immens wichtig, dem Radfahrer dagegen völlig egal. Jeder erlebt seine eigene Inflation. Doch die offizielle Inflationsrate misst immer nur, wie sehr die durchschnittlichen Ausgaben der Deutschen im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen sind.

Dazu bilden Statistiker den sogenannten Warenkorb. Den kann man sich vorstellen wie einen Einkaufswagen, in den der Durchschnittsdeutsche alles packt, was sie oder er Monat für Monat konsumiert. Ein Fünftel dieses Wagens ist mit der Monatsmiete gefüllt, sieben Prozent mit Strom, Gas und Heizöl für die Wohnung, aber nur 3,5 Prozent mit Sprit. Dazu kommen Lebensmittel, Dienstleistungen wie Friseurtermine und andere Anschaffungen.

Angenommen, ein Durchschnittsdeutscher hatte im Oktober vergangenen Jahres 1000 Euro Monatsausgaben, dann muss er in diesem Oktober für dieselben Waren und Dienstleistungen 1045 Euro zahlen. Der Preis dieses Korbes ist also von Oktober 2020 bis Oktober 2021 um 4,5 Prozent gestiegen.

Das bedeutet aber auch, dass manche Menschen, die häufiger mit dem Auto fahren und in einer schlecht gedämmten Wohnung leben, womöglich feststellen, dass sie für ihre Standardausgaben plötzlich zehn Prozent mehr zahlen müssen. Allein der Preis für Superbenzin liegt schließlich fast ein Drittel über dem des vergangenen Jahres. Und auch die Heizkosten sind rasant gestiegen.

Einem Fahrradfahrer, der in einem gut isolierten Haus wohnt, kann das egal sein. Für ihn liegt die Inflation vielleicht nur bei zwei Prozent, weil sich die gestiegenen Energiekosten in seinem Fall nicht so stark auswirken.

Missverständnis #3: Die Preise sollen nicht steigen

Inflationsraten von 4,5 Prozent sind nicht gewollt. Doch genauso wenig sind stagnierende Preise das Ziel unserer Geldpolitik. Die EZB strebt wie die meisten großen Notenbanken auf der Welt eine Inflation um die zwei Prozent pro Jahr an, damit es nicht zu fallenden Preisen kommt.

Würden die Preise nämlich sinken, käme es zu einer sogenannten Deflation. Die Menschen würden auf die Idee kommen, ihr Geld zu sparen und darauf zu warten, dass alles günstiger wird. Das klingt auf den ersten Blick erstrebenswert, doch auf Dauer würden fallende Preise den Konsum abwürgen, wenn Menschen langfristige Anschaffungen in die Zukunft verschieben würden, um von den sinkenden Preisen zu profitieren. Die Unternehmen produzierten dann weniger und beschäftigten weniger Menschen. Im Ergebnis hätten wir eine neue Wirtschaftskrise. Die EZB versucht daher seit Jahren mit Niedrigzinsen und Anleihekäufen die Inflation annähernd in Richtung zwei Prozent zu bringen. Unter null fiel sie nur wenige Monate.

Die EZB hat das Ziel von zwei Prozent auch gewählt, weil es einen ausreichend großen Abstand zur Deflation bietet. Auch ein Inflationsziel von einem Prozent oder drei Prozent wäre okay. Das Wichtige ist, dass die Inflation gleichmäßig bleibt, damit alle Wirtschaftsakteure ihre Entscheidungen über Löhne oder Anschaffungen darauf basierend treffen können. Daher sollte man sich freuen, wenn die Inflation bei zwei Prozent liegt, nicht aber bei 4,5 Prozent wie aktuell.

Missverständnis #4: Damit die Lohn-Preis-Spirale in Fahrt kommt, reichen höhere Löhne aus

Es ist die große Angst, dass sich die aktuelle Inflation verfestigt, indem jene Lohn-Preis-Spirale in Gang kommt, die derzeit in aller Munde ist. Von ihr ist die Rede, wenn sich steigende Preise und steigende Löhne immer weiter aufschaukeln, wenn Arbeitnehmer und/oder Gewerkschaften wegen der steigenden Preise immer höhere Löhne durchsetzen. Auf der anderen Seite sitzen Unternehmer, die Gewinne machen möchten. Sie können, wenn Arbeitnehmer mit ihren höheren Löhnen mehr Produkte nachfragen, auch wieder ihre Preise anheben.

Geht das in der gesamten Volkswirtschaft so, kommt es zu einer Spirale. Doch damit die Spirale funktioniert, müssen die Arbeitnehmer auch Lohnerhöhungen in einer Höhe durchsetzen, wodurch die Nachfrage nach Produkten so angeheizt wird, dass die Preise weiter steigen.

Dazu reicht es nicht aus, wenn die Gewerkschaften Lohnerhöhungen durchsetzen, die unter der Inflationsrate liegen. Doch derzeit sieht es danach aus. Arbeitgeber und Gewerkschaften im Baugewerbe einigten sich im Oktober auf Lohnerhöhungen von zwei Prozent im Westen und um drei Prozent im Osten im November für 900.000 Beschäftigte. Ab dem 1. April 2022 gibt es eine weitere Erhöhung um 2,2 bis 2,8 Prozent im Osten. Ein Jahr später nochmals zwei Prozent im Westen und 2,7 Prozent im Osten. Nachdem die Lokführer tagelang den Zugverkehr lahmgelegt hatten, erreichten sie auch nur eine Lohnsteigerung von 1,8 Prozent im Dezember und 1,8 Prozent 2023.

Missverständnis #5: Die EZB treibt mit ihrer Niedrigzinspolitik und Anleihekäufen die Inflation

Und was ist nun mit der EZB? Treibt sie nicht die Preise hoch, weil sie so viel „Geld druckt“? Richtig ist, dass die Menge des in der Eurozone umlaufenden Notenbankgeldes seit der Finanz- und Staatsschuldenkrise deutlich gestiegen ist.

Der Hauptgrund dafür ist, dass sie Anleihen von Staaten und Unternehmen am Markt aufkauft und dafür mit „frischem“ Geld zahlt. Die Geschäftsbanken, bei denen alle Deutschen ihre Konten haben, können dann ein Vielfaches dieses frischen Geldes an Privatleute weitergeben.

Die noch immer populäre, wenngleich von der Wissenschaft widerlegte These, dass mehr Zentralbankgeld automatisch zu höheren Preisen führt, stimmt daher auch nicht. Auch die Erfahrung seit 2008 widerlegt dies. Die Inflationsrate stieg erst dann wieder an, als es wegen der Pandemie zu Verspannungen in der globalisierten Weltwirtschaft kam.

Trotzdem hat die ultralockere Geldpolitik Nebenwirkungen: Die Aktienkurse sind lange Zeit gestiegen, und die starke Nachfrage nach Wohneigentum in Großstädten wurde von Niedrigzinsen weiter angeheizt.

Derzeit wartet die EZB ab und greift nicht gegen die hohe Inflation ein. Ein guter Grund dafür: Sie möchte den Aufschwung nicht abwürgen, was passieren würde, wenn sie das Anleihekaufprogramm schneller stoppen und den Leitzins erhöhen würde. Denn dann steigen auch die Kreditzinsen am Markt.

 


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