FilmfestivalDie größte Schlacht der Berlinale

Berlinale 2020: Wie überwindet das Filmfestival seine Sinnkrisedpa

Die Stripshow ist noch das geringste Problem. Im Untergeschoss des Premierenpalastes der Berlinale wird seit einiger Zeit ein Spektakel für Liebhaber*innen von Männerkörpern gegeben und wegen der herumstehenden Dekorationen kann die Eröffnungsparty für die glanzvollen Gala-Gäste heute Abend nicht hier am gewohnten Ort stattfinden. Die Sause musste um die Ecke in die Nachbarschaft von Philharmonie und Staatsbibliothek verlegt werden, wo die Hochkultur zu Hause ist, aber eher nicht Glanz und Entertainment: Auch eine Botschaft zum 70. Geburtstag des Berliner Filmfests.

Überhaupt wird in diesem Jahr überall rund um Deutschlands publikumsträchtigstes Kulturereignis gebaut und umgestellt und eingerissen: So musste eines der wichtigsten Festivalkinos zumachen und die U-Bahn hält nicht da, wo sie müsste. Alle müssen somit umplanen, auch jene, die sich so an die Festivalrituale gewöhnt hatten.

Neue Chefs hat die Berlinale überdies: Von diesem Jahr an hat der Italiener und Ex-Festivalleiter aus Locarno Carlo Chatrian die künstlerische Leitung übernommen, die Filmfunktionärin Mariette Riesenbeck erledigt das Management. Zuvor hatten die Verantwortlichen der deutschen Kulturbürokratie unter Führung von Staatsministerin Monika Grütters Chatrians und Rissenbecks Vorgänger Dieter Kosslick zwar entschlossen verabschiedet – danach aber haben sie erst einmal eine riesengroße Ratlosigkeit kultiviert.

Paradox anmutende Branchenmisere

Das Festival zieht nach wie vor Cineasten an, es ist mit seinem Filmmarkt und den begleitenden Konferenzen einer der wichtigsten Treffpunkte der audiovisuellen Industrie, es hebt den Ruf des Kulturstandortes. Und doch gibt es seit Jahren so etwas wie eine Sinnkrise, in der die Verantwortlichen jetzt einen Befreiungsschlag versuchen (auch wenn dieser auf den ersten Blick noch nicht sehr kraftvoll aussieht).

Die Sinnkrise folgt erst einmal der Branchenmisere, die zunächst recht paradox anmutet: Wohl noch nie wurden so viele bewegte Bilder produziert, vermutlich sind allein aufgrund der schieren Masse die Qualität und Vielfalt besser als früher. Und bei Netflix und anderen Streamingdiensten schauen sich Millionen viele Stunden lang komplexe Geschichten an, so dass gute Drehbuchautoren, Bühnengestalter, Schauspieler sich vor Aufträgen kaum retten können.

Gleichzeitig aber leidet das Kino als Abspielort: Fast 35 Millionen Zuschauer haben die deutschen Lichtspielhäuser zwischen 2015 und 2018 verloren und damit nahezu ein Viertel. Dass nun im vergangenen Jahr gut 12 Millionen zurückkehrten, wie jetzt die Filmförderanstalt meldet, beendet die Krise nicht. Vielleicht wäre der Besucherrückgang allein noch nicht einmal ein Problem (zumal die Menschen, die sich im Alltag vom Kino abwenden, gleichzeitig ungebrochen in Festivalkinos streben). Aber die Masse der Produktionen steigt, wie bereits erwähnt.

Die Interessen der Zuschauer versprenkeln sich in alle Richtungen. Und die alten Herrscher des Kinos, nämlich die Hollywood-Studios, haben ihre kulturelle Deutungshoheit aufgegeben, während gleichzeitig die große Riege der abendländischen Autorenfilmer langsam in Rente geht. Was in Zukunft ein preis- und wettbewerbstauglicher Film ist, wird eine Frage, die einer Antwort bedarf. Ist es ein abendfüllendes Oeuvre für den Kinosaal oder alles was flimmert und sich bewegt.