MedienHollywood gegen Netflix - der Kampf um den Streamingmarkt

Netflix ist mit seinem roten N tief in das System Hollywood eingedrungen. Nun startet Disney sein KonkurrenzangebotIllustration: Daniel Downey

In einem pilzreichen Wald in der Balkanregion bauen zwei bärtige Requisiteure die Waffen zusammen, die helfen sollen, die große Schlacht um die globalen Zuschauerscharen zu entscheiden. Kurz darauf eilen Gestalten in Tarnanzügen eine Anhöhe hinauf. Da oben glänzt futuristisch ein silbriger Turm, in dessen Keller ein Kämpfer gefangen gehalten wird. Er wendet sich mit einer eindringlichen Rede an die Kamera: Der Gegner, raunt er, werde keinen Frieden geben, bevor er nicht alles erobert hat.

„Und cut“, ruft der Regisseur. Es ist eine Schlüsselszene, die an diesem Oktobertag hier entsteht, ein Wendepunkt im finsteren Science-Fiction-Drama „Tribes of Europa“, das im Jahr 2074 spielt. Es ist eines der größten Serienprojekte, die der Streaminganbieter Netflix in Europa produziert. Zeitweise kreuchen 300 Leute durch das abgelegene Filmgelände im kroatischen Hinterland. Es gibt fast zwei Dutzend Set-Dresser und ebenso viele Bühnenmaler, allein das Art-Department beschäftigt so viele Mitarbeiter wie manch andere Produktion insgesamt.

Regisseur und Autor Philip Koch erzählt, wie der Aufwand Kräfte freisetzt. „Was wir hier machen, wäre vor der Streamingära so in Deutschland nie beauftragt worden oder nur nach zehn Jahren Entwicklung möglich gewesen“, sagt er. Netflix hingegen drücke aufs Tempo.

Jeden Abend laden die Produzenten das gedrehte Material per Uplink aus einem schwarzen Lastwagen im kroatischen Wald in die Netflix-Büros in Kalifornien und Amsterdam. „Die haben eine genaue Vorstellung von dem, was sie machen wollen“, sagt Koch. In einem Jahr, spätestens, soll „Tribes of Europa“ online gehen.

Und produziert wird für den Weltmarkt, nicht für ein deutsches Fernseh-Feierabend-Publikum. An die 20 Mio. Euro gibt Netflix geschätzt für die ersten sechs Episoden von „Tribes of Europa“ aus, weit mehr als das Doppelte dessen, was selbst ein ambitioniertes Projekt bei einem deutschen Sender kostet. Und das ist nur ein winziger Teil jener 15 Mrd. Dollar, die der Streaminggigant in diesem Jahr ausgeben will – womit er alle anderen Medienkonzerne überflügelt und die Investitionen gegenüber dem Vorjahr noch einmal um ein Viertel erhöht hat.

Die Studios schlagen zurück

Die Waffen sammeln für die große, die entscheidende Schlacht. Vom nächsten Monat an geht es um alles für die Streamingplattform und das von ihr etablierte Geschäftsmodell. Vor zwölf Jahren lancierte der damalige DVD-Verleiher Netflix in den USA sein Streamingabo. Vor sechs Jahren starteten mit „House of Cards“ und „Orange Is the New Black“ die ersten Eigenproduktionen. In diesen Jahren hat die kleine, einst ziemlich verschrobene Techie-Firma aus einer abgelegenen Ecke des Silicon Valley das Hollywood-Geschäftsmodell erodieren lassen und die stolze Entertainmentbranche erschüttert. Den Kinos bleiben die Besucher weg, das US-Kabelfernsehen und andere Pay-TV-Angebote kränkeln, Videotheken sind tot, das werbefinanzierte Fernsehen hat Grund zum Zittern. Getroffen sind alle Verwerter, die die Traumfabrik jahrzehntelang am Laufen hielten. Dabei glotzt das Publikum wie noch nie. Nur eben bei Netflix, Amazon & Co.

Nun aber schlagen die Studios zurück. Am entschlossensten geht Disney vor. Am 19. November hat der selbstbewussteste aller Hollywood-Konzerne zunächst in den USA, Kanada und den Niederlanden sein Streamingangebot Disney+ gestartet. Es ist die steilste Kehrtwende in der beinahe hundertjährigen Firmenhistorie. Im März hatte Disney für 85 Mrd. Dollar (inklusive Schulden) den größten Zukauf in der an Übernahmen nicht armen Disney-Geschichte abgeschlossen – mit ausdrücklichem Verweis auf die Marktveränderungen durch Netflix: Das Traditionsstudio 20th Century Fox („Titanic“, „The Simpsons“) gehört seitdem Disney. Kurz darauf kündigte Konzernchef Bob Iger den Streamingstart an. Klare Mission: Jetzt startet die Abwehr.