Interview„Die Globalisierung wird durch diese Krise eher solider werden“

Marcel Fratzscher leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität. In seinem neuen Buch mahnt er, optimistisch auf die Corona-Krise zu schauen
Marcel Fratzscher leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität. In seinem neuen Buch mahnt er, optimistisch auf die Corona-Krise zu schauenimago images / photothek


Die Corona-Pandemie hat Weltwirtschaft und Gesellschaften in eine tiefe Krise gestürzt – mit Hunderttausenden Toten und vielen Millionen Arbeitslosen. Haben wir zumindest in Deutschland bald das Schlimmste überstanden?

MARCEL FRATZSCHER: Das wissen wir nicht. Ich befürchte, dass viele sich im Augenblick in einer Art übertriebener Euphorie befinden. Sie haben die Nase voll von Restriktionen und sozialer Distanzierung und davon, Verwandte und Bekannte nicht treffen zu können. Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen nicht, was das nächste Jahr für uns bringen wird. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass es noch mal zu einer Verschärfung kommen kann.

Sie blicken dennoch optimistisch in die Zukunft und sind der Meinung, dass in Deutschland nach der Krise ein neues Zeitalter der Aufklärung beginnen kann. Was macht Sie so optimistisch?

Entscheidend ist: Was werden wir aus dieser Krise lernen? Wie werden wir in 20 Jahren auf diese Krise zurückblicken und sagen: Das hat sich in unserer Welt wegen der Krise verändert – und das hat sich nicht verändert? Diese Krise ist in vielerlei Hinsicht ein Weckruf an uns alle, um zu realisieren, was uns wichtig ist.

Und wird das passieren?

Ich hoffe es. Eine wichtige Lehre, die wir aus dieser Krise ziehen können, ist, wie wichtig Solidarität ist. Einer der positiven Aspekte, gerade in Deutschland, ist doch, dass wir sehen, wie wichtig es ist, zusammenzustehen in schwierigen Zeiten. 90 Prozent der Deutschen sagen, dass sie Restriktionen in Kauf nehmen, wenn sie damit andere Menschen schützen – vor allem schwächere Menschen, ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen. Wir sehen, dass Länder mit hoher Solidarität besser durch die Krise kommen als andere. Ich wünsche mir, dass wir erkennen, wie wichtig es in einer Krise ist, einen starken Sozialstaat und starke staatliche Institutionen zu haben. Das zeichnet uns im Vergleich zu anderen Ländern aus. Wir haben ein hervorragendes Gesundheitssystem, zu dem alle Menschen Zugang haben. Es ist nicht wie in den USA, wo Millionen Menschen keinen Anspruch auf eine solche Versorgung besitzen. Wir haben einen Staat, der durch Kurzarbeitergeld oder Kinderboni vielen Menschen schnell und unbürokratisch helfen kann.

Sie haben von einem Weckruf gesprochen und schreiben in Ihrem Buch, die Krise habe vor allem das Gute im Menschen hervorgebracht – also etwa Empathie, Solidarität, Hilfsbereitschaft. Doch wer sich etwa hier in Berlin umsieht, der erlebt nicht nur Proteste gegen die Corona-Maßnahmen, sondern auch viel Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Sollte sich die Pandemie verschlimmern: Ist es nicht mindestens genauso wahrscheinlich, dass es künftig eher „Alle gegen alle“ heißen wird?

Nein. Davon bin ich fest überzeugt. Eine ganz wichtige Lehre nicht nur aus dieser Krise, sondern auch aus zahlreichen Katastrophen und Krisen der Vergangenheit ist, dass solidarische Gesellschaften besser durch solche Krisen kommen als Länder, die genau diesen persönlichen Egoismus in den Vordergrund gestellt haben. Selbstverständlich gibt es auch in Deutschland unterschiedliche Meinungen. Wir sind eine Demokratie und das ist gut so. Die große Mehrheit der Deutschen sagt: Jetzt gilt es, zusammenzustehen und unsere individuellen Interessen zurückzustellen. Das war im vergangenen halben Jahr wirklich beeindruckend. Wenn die Krise sich verschärfen sollte oder sie noch ein Jahr dauert, kann es für viele Menschen zwar noch härter werden. Das heißt aber nicht, dass diese wesentliche Erkenntnis verschwindet: Solidarität und Gemeinschaftssinn helfen uns, diese Pandemie zu überstehen.

Kern der Aufklärung sind Begriffe wie Rationalität, Humanismus, Freiheit. Ein Blick in die USA zeigt, dass diese Fundamente der Demokratie wackeln. Kann das nicht auch in Europa passieren?

Wir haben diese Entwicklung ja schon zu Teilen in Europa gesehen. Populismus und Hinwendung zum Nationalismus gibt es nicht nur in den USA zu beobachten. Aber sehr positiv ist doch, dass diese in Europa schwächer geworden sind und eine geringere Rolle spielen. Es wird in der Krise nicht über Ausgrenzung geredet. Auch die Politik rückt enger zusammen.