BilanzbetrugDas „Project Panther“ - und die letzten Monate von Wirecard

Wirecard-Zentrale in Aschheim bei Münchenimago images / Future Image

„Project Panther“ lautete der Codename. Markus Braun, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Zahlungsdienstleisters Wirecard, hatte McKinsey & Co. mit der Vorbereitung seiner bis zu diesem Zeitpunkt kühnsten Idee beauftragt: den Plan zur Übernahme der Deutschen Bank.

In einer 40-seitigen Präsentation vom November 2019 unterstrichen die Berater, dass die neue Einheit, die den Namen „Wirebank“ tragen sollte, „wie eine Fintech-Bank in der Größenordnung einer globalen Bank denken und handeln“ sollte. Bis 2025 könne sie 6 Mrd. Euro Gewinn zusätzlich erwirtschaften, behauptete McKinsey.

Während die größte deutsche Bank auf Vermögenswerten in Höhe von 1,4 Billionen Euro saß, war sie an der Börse gerade einmal 14 Mrd. Euro wert, etwa so viel wie Wirecard damals. Der McKinsey-Bericht verhieß eine Verdoppelung der gemeinsamen Börsenbewertung auf knapp 50 Mrd. Euro.

Ein Deal zur Übernahme der Deutschen Bank wäre die Krönung für ein Unternehmen gewesen, das innerhalb weniger Jahre zu einem der wertvollsten des Landes geworden war – versehen mit dem Prädikat „Deutschlands Paypal“. Ein aufstrebendes Fintech-Unternehmen würde die berühmteste Bank des Landes führen.

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun im Gespräch mit Deutsche-Bank-CEO Christian Sewing (Foto: Getty Images)

Eine Verbindung mit der Deutschen Bank versprach noch einen weiteren potenziellen Effekt: Ein Deal bot die Aussicht auf einen wundersamen Ausweg aus den großangelegten Betrügereien, die Wirecard betrieben hatte. Rund 1,9 Mrd. Euro Bargeld fehlten auf den Konten des Unternehmens, und große Teile Asiengeschäfts waren in Wirklichkeit ein ausgeklügelter Schwindel. Durch die Einbettung des Wirecard-Geschäfts in die riesige Bilanz der Deutschen Bank wäre es möglich gewesen, das fehlende Geld irgendwie zu verstecken und es später in den Wertminderungsaufwendungen nach der Fusion zu erklären.

Es gab jedoch einen Haken. Um einen solchen Deal überhaupt ernsthaft vorzubereiten, musste das Unternehmen ein einwandfreies Testat der Wirtschaftsprüfer von KPMG erhalten, die eine Sonderprüfung der Wirecard-Bücher durchführten.

Dieses Testat von KPMG kam nie.

Sechs Monate später fiel der Vorhang für Wirecard. Am 25. Juni stürzte das Unternehmen in die Insolvenz, nachdem es als eines der größten deutschen Bilanzbetrüger der Nachkriegszeit entlarvt worden war. Die Staatsanwaltschaft in München vermutet, dass 3,2 Mrd. Euro an seit dem Jahr 2015 aufgenommenen Schulden „verloren“ gegangen sind. Rund 1 Mrd. Euro wurden als ungesicherte Kredite an undurchsichtige Geschäftspartner in Asien vergeben.

Braun, der den Vorwurf des Betrugs und der Veruntreuung bestreitet, und drei weitere ehemalige Spitzenmanager befinden sich in Haft. Jan Marsalek, die ehemalige Nummer zwei von Wirecard, ist auf der Flucht, und der Chef eines wichtigen Wirecard-Geschäftspartners auf den Philippinen wurde für tot erklärt.

Die Financial Times sprach mit mehr als einem Dutzend Betroffener und prüfte Hunderte von Seiten interner Dokumente, um die letzten Monate vor dem Zusammenbruch von Wirecard zu rekonstruieren. Sie offenbaren ein bis zum Schluss anhaltendes verzweifeltes Bemühen von München bis Manila, den Betrug zu vertuschen und die Wirtschaftsprüfer des Unternehmens zu täuschen.

„Die Unverfrorenheit von Marsalek [und anderen], die ständig nach Strich und Faden gelogen haben, ist einfach umwerfend“, sagt eine Person, die in einer leitenden Position in der Wirecard-Zentrale in Aschheim bei München eng mit ihnen zusammenarbeitete.