KolumneDie deutschen Trumpisten haben nichts dazu gelernt

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Am Tag zwei nach dem Sturm auf das Capitol in Washington, bei dem vier Menschen ums Leben kamen, wartet der deutsche Fondsmanager und Börsenprophet Max Otte mit einer erstaunlichen Erkenntnis auf: Donald Trump sei „extrem friedlich“ bei all diesen Ereignissen geblieben und die Medien verbreiteten nichts als „Lügen über seine Aussagen“. Außerdem spricht der frühere Professor wie sein großes Vorbild von „massivem Wahlbetrug“ in den USA, als ob nicht längst von 61 Gerichten das Gegenteil bewiesen worden wäre. Der Versuch, Trump in den nächsten Tagen aus dem Amt zu entfernen, sei ein „Putsch“ amerikanischer Silicon-Valley-Konzerne.

Ähnlich Thorsten Polleit, „Chefökonom“ einer Münchner Goldhandelsfirma mit 159 Mitarbeitern und Honorarprofessor an der Universität Bayreuth: Noch am Tag der Krawalle machte sich der Trump-Fan für den Versuch rechtsextremer Republikaner stark, die Bestätigung des amerikanischen Wahlsiegers und künftigen Präsidenten Joe Biden durch die Einrichtung einer „Sonderkommission“ zu verhindern. Die Erklärung von Vize-Präsident Mike Pence, sich an Recht und Gesetz zu halten, lese sich dagegen wie ein Diktat der Trump-Gegnerin Nancy Pelosi.

Otte und Polleit verfügen in der deutschen Börsenszene und in der rechten Ecke der Politik gleichermaßen über geschworene, ziemlich lautstarke Anhänger. Otte bringt es bei Twitter immerhin auf 42.000 Follower, Polleit taucht im Wochentakt mit Interviews in Finanzmedien auf. Bei beiden vermischen sich kommerzielle Interessen mit kruden ideologischen Überzeugungen. Wenn wir den beiden glauben, stehen wir wahlweise vor einem „Weltsystemcrash“ (Otte) oder einer „größenwahnsinnigen Weltelitenherrschaft“ (Polleit). Letzteres klingt erstaunlich nach der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ vergangener Zeiten.

Man könnte den Mantel des Schweigens über die deutschen Trumpisten legen, wie über den rechten und linken Narrensaum der Politik überhaupt, wenn beide nicht immer noch den Weg in einigermaßen seriöse Finanzmedien fänden. Polleit tummelt sich dort beispielsweise als „Goldexperte“ und darf seine Thesen über den baldigen Zusammenbruch des Euro-Systems ausbreiten – in Wahrheit natürlich nichts anderes als der Versuch, Anleger zu Kunden seiner Goldhandelsfirma zu machen. Otte findet sich immer noch mit dem einen oder anderen Zitat in der Presse, wenn man jemanden braucht, der einen Börsencrash prophezeit.

So sehr sich die deutschen Medien seit vier Jahren an Donald Trump abarbeiten, so wenig scheren sich einige von ihnen um die merkwürdigen Aktionen der deutschen Trumpisten, die sich in fast allen Fällen auch in den Unterstützerkreisen der AfD tummeln. So bemüht sich Otte nach eigenen Worten, eine „Klammer“ zwischen der AfD und dem rechten Flügel der CDU/CSU zu bilden. Polleit war nach den Recherchen des „Spiegel“ am Aufbau eines Goldhandels zur Finanzierung der rechtsextremen Partei beteiligt. Eigentlich sollten beide schon deshalb als nicht mehr satisfaktionsfähig in Wirtschaftskreisen gelten. Wahrscheinlich mussten jedoch auch in Deutschland erst die Bilder über die Krawalle in Washington über die TV-Schirme fluten, damit unsere eigenen Trumpisten endgültig ins Abseits geraten.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.