GründerWie drei Jungs aus Passau mit Müsli reich wurden

Die Mymuesli-Gründer Max Wittrock (l.) und Philipp Kraiss in der Unternehmenszentrale in Passau
Die Mymuesli-Gründer Max Wittrock (l.) und Philipp Kraiss in der Unternehmenszentrale in PassauRoderick Aichinger

Philipp Kraiss geht über eine Laderampe seiner Firmenzentrale in Passau und schwingt einen Arm mit ausladender Geste nach hinten. Man werde auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren, verkündet der Mymuesli-Gründer, und die hiesigen Arbeitsplätze sichern. Dann grinst er breit. Sein Mitgründer Max Wittrock lehnt an der Wand hinter der Rampe und lacht. Den Auftritt des klassischen deutschen Mittelständlers im Goldknopfjackett mit Einstecktuch beherrscht Kraiss schon perfekt.

Natürlich ist die Einlage nicht ernst gemeint, doch sie enthält ein Körnchen Wahrheit. Mymuesli ist eines der erfolgreichsten deutschen E-Commerce-Start-ups der vergangenen zehn Jahre. In einem umkämpften Markt haben sich Kraiss, Wittrock und ihr Mitgründer Hubertus Bessau nicht nur behauptet, sondern eine ganz eigene Stellung erkämpft, sie investieren, expandieren und haben Arbeitsplätze geschaffen. Der ausschweifende Arm passt also durchaus: ihre Leute, ihr Reich, ihr Stolz.

Nur sind die Chefs weit vom Klischee des Mittelständlers mit IHK-Mitgliedschaft und Siegelring entfernt. Statt Krawatte und Einstecktuch tragen sie immer noch meist Jeans und Hemd, oft über der Hose. Trotzdem ist Mymuesli nach zehn Jahren auf dem besten Weg, genau das zu werden: ein geerdeter deutscher Mittelständler in der niederbayerischen Provinz. In der Werkshalle, die hier Manufaktur heißt, fahren röhrenförmige Behälter auf einer sauberen, wie neu blitzenden Anlage entlang und werden aus Maschinen mit Haferflocken oder getrockneten Blaubeeren befüllt. Frauen in Arbeitskitteln und mit Hygienehauben packen die Behälter emsig in große Kartons. Von draußen scheint eine milde Frühherbstsonne herein. Zeit für einen Müsliriegel, morgens um halb zehn in Deutschland.

Das Unternehmen Mymuesli, das Wittrock, Kraiss und Bessau 2007 gründeten, hat ein kleines Wunder hingelegt. Mit einer simplen Idee: Müsli, das sich die Kunden online selbst zusammenstellen können. Anfangs mischten die drei Gründer die Dosen noch selbst ab.

Netz von 40 Läden

Heute beschäftigen sie Hunderte Mitarbeiter, haben 40 eigene Geschäfte und verkaufen in die Schweiz, nach Schweden und nach Frankreich. 51 Mio. Euro Umsatz machte die Mymuesli GmbH im Geschäftsjahr 2016, 2017 dürften es noch mehr gewesen sein. „Wenn wir jetzt zurückgucken, können wir auch sagen: Was für eine Reise!“, sagt Wittrock. „Aber oft ist es ja eher die Tante aus New York, die sagt: ,Mann, bist du groß geworden.‘ Selber merkt man das oft gar nicht.“

Groß werden bedeutet aber auch: erwachsen werden. Wenn Wittrock von Mymuesli spricht, dann nennt er es oft noch ein Start-up. Aber eigentlich ist das Unternehmen schon viel mehr. Die drei teilen jetzt Verantwortung für über 700 Arbeitnehmer. Sie haben ein Netzwerk aus lokalen Lieferanten. Und eine starke Bindung an den Ort, an dem alles begann: Passau. „Mymuesli ist ein sehr langfristiges Projekt“, sagt Wittrock. „Wir wollen das hier nicht von einem Tag auf den anderen verkaufen.“ Ein Satz, der weit weg ist von den Pizzaportalen und Hipster-Apps in Berlin, deren Entwickler nach der ersten Finanzierungsrunde schon nach dem Exit schielen. Seit zwei Jahren müssen nun auch Umsatz und Gewinn im Bundesanzeiger veröffentlicht werden, obwohl sie in Passau eigentlich nicht gern über Zahlen reden.