VG-Wort Pixel

Die Höhle der Löwen Warum das DHDL-Startup Kuchentratsch in die Pleite rutschte

Katharina Mayer hat das Start-up Kuchentratsch 2014 gegründet. Die Idee: Senioren backen ihren Lieblingskuchen und treffen dabei noch auf Gleichgesinnte. Damit überzeugte sie 2018 auch Carsten Maschmeyer und Dagmar Wöhrl in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“
Katharina Mayer hat das Start-up Kuchentratsch 2014 gegründet. Die Idee: Senioren backen ihren Lieblingskuchen und treffen dabei noch auf Gleichgesinnte. Damit überzeugte sie 2018 auch Carsten Maschmeyer und Dagmar Wöhrl in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“
© PR
Senioren backen Kuchen nach ihren Lieblingsrezepten – mit diesem ungewöhnlichen Geschäftsmodell wurde Kuchentratsch erfolgreich. Doch im Sommer musste das Start-up Insolvenz anmelden. Was war schiefgegangen?

In der Backstube steht Irmgard, keine 1,60 Meter groß, schmächtig und mit tiefroten Wangen, wuchtet riesige Behälter umher und hebt Karottensplitter in einen Teig. Die 83-Jährige rührt mit dem Teigschaber Apfelsaft unter die Masse, lacht vergnügt und schwingt den Rührstab immer im Uhrzeigersinn. „So rühre ich die Liebe und alles Gute mit hinein“, sagt sie – ein altes Familiengeheimnis sei das. Am Nebentisch quatscht sie kurz mit Günther, dann tauscht sie sich mit Monika aus, über den süßen Geruch in der Luft. Irmgard: „Der macht so süß-satt. Da will man gar nicht naschen.“ Monika: „Genau, da will man lieber ein Wurstbrot.“ Beide lachen. 

Es ist Juni 2019, als Irmgard, Monika und Günther von einem Kamerateam des Wissenschaftsmagazins Galileo Besuch bekommen –  im Beitrag ist die Szene festgehalten. Sie gehören zu den knapp 50 Senioren, die für das Münchner Start-up Kuchentratsch arbeiten. Kuchentratsch ist kein gewöhnliches Start-up, sondern eines mit sozialem Gewissen, mit einer besonderen Geschäftsidee. Bei Kuchentratsch backen nämlich Seniorinnen und Senioren, können in der Backstube Kontakte knüpfen und sich etwas dazu verdienen.  

Von München in die Welt

Katharina Mayer, die das Unternehmen 2014 als 24-Jährige gründete, wollte so ältere Menschen aus ihrer Einsamkeit befreien und eine sinnvolle Beschäftigung geben. Die Omas und Opas sollten ihre alten Familienrezepte in die Welt tragen und dabei noch Menschen in ähnlichen Lebenssituationen kennen lernen.  

Die Kuchen verkaufte sie zunächst in München, später per Versand in ganz Deutschland. Die Idee fruchtete, und spätestens, als Mayer 2018 in der Vox-Show „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) auftrat, wurde das Start-up deutschlandweit bekannt. Die „Löwen“ Carsten Maschmeyer und Dagmar Wöhrl investierten zusammen 100.000 Euro und finanzierten damit die weitere Expansion der Firma. Das Wachstum lief gut, fast jedes Jahr verdoppelte sich der Umsatz, bis auf 800.000 Euro im Jahr 2021. 

Heute ist Kuchentratsch pleite und wird vom Insolvenzverwalter geführt. Irmgard sitzt wieder zuhause, die Rührgeräte an der Münchener Theresienwiese verstauben mit jedem zusätzlichen Tag. Und wenn man Gründerin Katharina Mayer glaubt, weiß eigentlich keiner so recht, wieso. Fest steht nur, dass sich das Team an der Expansion verschluckt hat. 

Expansion war dringend nötig

Schon 2020, kurz vor der Corona-Krise, wollte Mayer mit Kuchentratsch expandieren. Die Backstube war zu klein geworden, außerdem hakte es bei der Logistik. Und die Kunden fragten: Warum hat eine Konditorei eigentlich kein eigenes Café? Als die Senioren nach anderthalb Jahren Corona-Pause in die Backstube zurückkehrten, holte Mayer die Expansionpläne wieder aus der Schublade. „Wir mussten uns unbedingt vergrößern. Wir hatten nicht genügend Fläche, um gleichzeitig backen und verpacken zu können, und unser Büro mit zehn Quadratmetern hat trotz Homeoffice nicht mehr für das Vollzeit-Team ausgereicht“, erklärt Mayer gegenüber Capital. Neben der größeren Backstube investierte sie in einen neuen Online-Shop und stellte Mitarbeitende ein. All das kostete, am Ende musste Mayer etwa 650.000 Euro auftreiben, um das Jahr durchzufinanzieren. Viel Geld, aber eigentlich machbar – dachte sich jedenfalls Mayer. 

Um die Lücke zu schließen, startete sie im Februar 2022 ein Crowdfunding. Die Idee war, dass einzelne Kleinanleger die fehlenden 650.000 Euro zusammentragen, und dafür sogenannte Genusszinsen bekommen. In diesem Fall zum Beispiel vier Kuchen für ein Invest von 2000 Euro. Das Konzept ist keineswegs neu, seit gut einem Jahrzehnt finanzieren sich darüber immer wieder Start-ups über Crowdinvests – manche, weil sie von Banken oder Investoren kein Geld bekommen würden, andere, weil sie die Funding-Kampagnen als kraftvolles Marketing-Instrument schätzen. „Wir dachten auch, das wäre ein cooles Format, um Kuchentratsch erlebbarer zu machen“, sagt Mayer heute. Es sei allerdings „nicht so erfolgreich wie gehofft“ gewesen – gerade einmal 152 Anleger investierten in Kuchentratsch, was in Summe 234.200 Euro ergab. Mayer vermutet hinter dem Flop konjunkturelle Gründe. Am Ende jedenfalls blieb eine Lücke von 400.000 Euro, die sie schließen musste. 

Das Problem: Sie hatte sich stark auf die Kampagne verlassen, vielleicht zu stark. Und so blieben ihr nach Ablauf der Frist nur wenige Wochen Zeit, um die 400.000 Euro aufzutreiben. Zeitgleich begann eine Auseinandersetzung um die Strategie unter den fünf Miteigentümern, wozu auch Carsten Maschmeyer gehört. Anders als Co-„Löwin“ Dagmar Wöhrl, die bereits im Dezember 2020 ausgestiegen war, hielt der Investor bis zum Schluss vier Prozent am Unternehmen. Auch ihm stellte Mayer daher verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten und Strategien vor, doch keine überzeugt die Altgesellschafter. So blieb am 18. Juli nur der Gang zum Amtsgericht. 

Kein Vorwurf an Maschmeyer

Den Geldgebern macht Mayer nur teilweise einen Vorwurf. Maschmeyer schließt sie sogar explizit aus: „An ihm lag‘s nicht. Carsten war immer ein guter Sparringspartner, auf den wir zurückgreifen konnten.“ Nach Capital-Informationen soll Maschmeyer sogar bereit gewesen sein, seinen Vier-Prozent-Anteil an einen Altgesellschafter zu übertragen – und das für einen symbolischen Euro. Dagegen habe sich ein anderer Gesellschafter aber gewehrt, heißt es, sodass der Deal platzte. Durch die Insolvenz verlieren jetzt letztlich alle Seiten. 

Zu Ende ist die Geschichte aber noch nicht: Anfang Oktober entscheidet zunächst einmal das zuständige Gericht in München über das Insolvenzverfahren. Eröffnet es das Verfahren, geht es sicher weiter – sieht es keine positive Prognose, bleibt die Backstube wohl für immer geschlossen. „Nach Gesprächen mit dem Insolvenzverwalter gehen wir stark davon aus, dass das Insolvenzverfahren eröffnet und noch am gleichen Tag wieder geschlossen wird“, sagt Mayer. Sie hat seit der Insolvenz eine Reihe von Interessenten aufgetrieben, die Kuchentratsch gerne kaufen würden. Anders als im Juli können sich die Altgesellschafter kaum mehr dagegen wehren. Wer Kuchentratsch übernimmt, entscheidet dann der Insolvenzverwalter – und nicht die Gründerin oder die Gesellschafter.

Eine Sache ist Mayer dann aber doch wichtig: „Ich hoffe, dass die Omas und Opas übernommen werden und weiter ihre Kuchen backen können.“ Theoretisch könnte der neue Investor nämlich auch den Betrieb einstellen und nur die Markenrechte übernehmen. Das wäre für Mayer der Worst Case. Deshalb versuche sie, möglichst viele potenzielle Investoren anzuwerben, die Kuchentratsch kaufen und fortführen würden. Das seien schon jetzt eine ganze Menge, sagt sie, weshalb sie optimistisch sei. Passend zum umsatzstarken Weihnachtsgeschäft dürften die Senioren in die Backstube zurückkehren, hofft Mayer. Und Irmgard, Monika und Günther könnten wieder gemeinsam backen – und tratschen.


Mehr zum Thema



Neueste Artikel