Editorial„Deutschlands Goldenes Jahrzehnt“

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

Ich erinnere mich an ein Buch, das im Hause meiner Großeltern irgendwann als Türstopper benutzt wurde. Es war von Lothar Späth, damals Chef der Jenoptik, und Herbert Henzler, dem Deutschlandchef von McKinsey. Erschienen war es 1993, und es hieß: „Sind die Deutschen noch zu retten?“ In dem Buch, das ich nach dem Tode meiner Großeltern aufhob, analysierten die beiden den Stillstand der Neunziger nach dem heftigen und viel zu kurzen Einheitsboom.

Ein anderes Buch steht in meinem Regal, es heißt ganz ähnlich: „Ist Deutschland noch zu retten?“ Auf den Markt kam es 2003, verfasst von Hans-Werner Sinn, damals Chef des Ifo Instituts, der sich längst auf die Rettung des Euro spezialisiert hat. Auch hier ging es um Stillstand, leere Kassen, unsere Reformunfähigkeit.

Die neue Capital

Im Jahr drauf kaufte ich das Buch „Deutschland – Der Abstieg eines Superstars“ von Gabor Steingart. Thema, Sie ahnen es, waren der Stillstand, die leeren Kassen und die ewige deutsche Krankheit. Weitere Titel erspare ich Ihnen mal, ich verfüge aber, wenn man so will, über eine kleine, illustre Deutschland-Untergangs-Handbibliothek.

Ein Buch, das vor drei Jahren erschien, kaufte und las ich nicht mehr. Es heißt „Die Deutschland-Illusion“, geschrieben von Marcel Fratzscher, dem Chef des DIW, der hier erstmals in voller Länge seine Lieblingsthese ausbreitete: dass die deutsche Wirtschaft und der Staat von ihrer Substanz leben.

Kann sein, dass er einen Punkt hat. Überhaupt denke ich, dass alle diese Bücher zu ihrer Zeit einen Punkt, einen wahren Kern hatten – auch wenn man im Rückblick sagen muss: Bei so viel Abstieg und Untergang hat sich Deutschland ganz schön gut gehalten. Es waren die Gedanken und Sorgen jener Zeit – der standortproblematischen Neunziger und der Nullerjahre mit ihren Großkrisen und schmerzhaften Reformen.

Nur ein Opus magnum wurde nie verfasst: „Deutschlands Goldenes Jahrzehnt“. Der Begriff taucht zwar immer öfter auf, in Studien und Zitaten von Ökonomen, die sich seit Monaten mit immer euphorischeren Prognosen überschlagen. Vermutlich wird dieses Buch auch nie erscheinen, weil sich Deutschland-Rettungsbücher besser verkaufen. Vielleicht aber auch, weil wir zu spät begriffen haben, dass wir diese goldenen Jahre miterleben und noch mittendrin sind, dass wir womöglich bis 2020 noch Großes vor uns haben.

Natürlich gibt es Risiken und Probleme – Sie können sich pro Woche fünf Talkshows und 5000 Tweets über Breitbandausbau, Brexit, Investitionen, Nullzinsen und die verkorkste Energiewende reinziehen.

Wenn aber bis 2019 wirklich 900.000 neue Jobs entstehen, die Wirtschaft um zwei bis drei Prozent wächst, der Staat allein in diesem Jahr gut 50 Mrd. Euro Überschuss erwirtschaftet – nun, dann sehen wir einfach richtig guten Zeiten entgegen. Und man muss nicht mitten auf der Party anfangen, sich nur noch über den Kater zu unterhalten.

Denken wir uns also ein Buch im Deutschlandregal hinzu. Es steht, dick und glänzend, neben den ganzen Rezessionsriemen und heißt: „Deutschlands Goldenes Jahrzehnt“.