KolumneDeutsche Bank - Abstimmung mit den Füßen

Deutsche-Bank-Chef John Cryan
Deutsche-Bank-Chef John Cryan
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Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


Es gibt derzeit eine Menge Menschen, die heilfroh sind, dass es die Deutsche Bank gibt. Zum Beispiel die Führungsriege der meisten anderen europäischen Banken. Denn weil alle auf die Kurse der Aktien und Anleihen der Deutsche Bank starren, fällt nur wenigen auf, dass die Deutsche Bank zwar ein unbestritten großes Institut ist. Die aufgekommenen Zweifel an der Kapitalaustattung und künftigen Ertragskraft unterscheiden sich aber nur in Nuancen, wenn man die Deutsche Bank  etwa mit anderen Großbanken wie der Commerzbank oder schweizerischen Credit Suisse vergleicht: Alle drei Institute haben in den letzten sechs Monaten knapp die Hälfte ihres Börsenwerts eingebüßt. Alle drei Institute kosten derzeit nicht einmal halb so viel wie der Buchwert je Aktie, und die Anleihen – allen voran Nachrangpapiere – aller drei Institute sind auf Talfahrt, wenngleich die der Deutschen Bank etwas steiler. Legte man den Chart der drei Institute übereinander – nur Vollprofis könnten sie voneinander unterscheiden.

Deutsche Bank Aktie

Deutsche Bank Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Und: Die Deutsche Bank ist auch nur eines von Dutzenden Instituten, die so genannte „Coco-Bonds“ ausgegeben haben. Dabei handelt es sich um Anleihen, die bei ausbleibenden Gewinnen keine Zinsen zahlen und beim Unterschreiten gewisser Solvenzkennziffern in Aktien umgewandelt werden. 99 Prozent des ausstehenden Volumens dieser „Coco-Bonds“ entfallen auf andere Banken als Emittenten, darunter ein Drittel auf chinesische – und dennoch steht die Bank merkwürdigerweise da, als sei sie der einzige Emittent dieser Instrumente. Dass sie in Krisen zu Brandbeschleunigern für ihre Halter werden, ist keineswegs neu. Es ist sogar Sinn der Sache: dass eben Gläubiger und nicht der Staat beziehungsweise der Steuerzahler in Krisen für Banken bluten. Wen das als Investor nun überrascht, dem ist auch nicht zu helfen.

Natürlich gibt es einen gewichtigen Unterschied zwischen der Deutschen Bank und anderen: die schiere Größe der Bilanz. Sie ist bei der Deutschen Bank mit 1,7 Billionen Euro annähernd doppelt so groß wie die der Credit Suisse und rund dreimal so groß wie die der Commerzbank.

Was zur zentralen Frage führt: Muss man sich um die Deutsche Bank Sorgen machen? Darauf gibt es zwei Antworten. Die eine ist eher psychologischer Natur, die andere beruht auf harten Zahlen.

letztlich beruht alles auf Vertrauen

Zur psychologischen Seite: Ja, man muss sich sorgen. Bei einer derart monströsen Bilanzsumme in Höhe des Sechsfachen des Haushalts dieses Landes beruht letztlich alles auf Vertrauen. Dem Vertrauen darauf, dass in dieser Bilanz beherrschbare Risiken schlummern, dem Vertrauen, dass sich die Bank dauerhaft refinanzieren kann und weder Sparer noch sonstige Kunden türmen.

Dabei spielt es auch nur eine überschaubare Rolle, ob das Eigenkapital ein paar Milliarden mehr oder weniger ist, sie sind letztlich – ebenso wie der verbliebene Börsenwert – nur Rundungsfehler, wie ein Analyst einst spöttisch anmerkte. Auch die Regulierungsschritte seit der Finanzkrise haben daran wenig geändert. Dass es Bekenntnisse vom Bankchef persönlich ebenso wie dem Finanzminister gibt, die Bank sei grundsolide aufgestellt, man sei unbesorgt – geschenkt.

Die Erfahrung zeigt, dass solche Bekenntnisse bis zur allerletzten Sekunde abgegeben werden, ehe es kracht. Solche Vertrauensbekunden zeigen gleichwohl, wie ernst es um eine Bank steht. Darauf nahm auch der bekannte Bestsellerautor Nassim Nicholas Taleb auf dem Kurznachrichtendienst Twitter spöttisch Bezug, als er am Dienstag twitterte: „Ich habe mir keine Sorgen über die Deutsche Bank gemacht bis zu dem Moment, in dem der deutsche Finanzminister Schäuble erklärt hat, man müsse sich keine Sorgen machen.“