KolumneDer wilde Ritt der Continental AG

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Im Mai 2013 verordnete Vorstandschef Elmar Degenhardt seinem Konzern ein neues Logo: Der schwarze Hintergrund der Wort-Bild-Marke Continental, der an Autoreifen erinnerte, verschwand. Seitdem dominiert ein helles Orange – das Aufbruch und Optimismus symbolisieren sollte. Als Systemlieferant komplexer technischer Komponenten sollte sich der Konzern, so schwebte es Degenhardt vor, in der Autobranche unverzichtbar machen. Sieben Jahre später zeigen die Zahlen der Continental AG, dass die Strategie nicht funktioniert hat. Im letzten Geschäftsjahr verdiente nur noch die gute alte Reifensparte (offizieller Name: Rubber Group) richtig Geld. Sie lieferte immerhin ein Betriebsergebnis von zwei Milliarden Euro ab. Die Automotive Group aber, auf der einst so große Hoffnungen lagen, verbrannte mit einem Minus von 2,1 Mrd. Euro gleichzeitig noch ein bisschen mehr als der Schwesterbereich erwirtschaftete.

Für die Aktionäre glichen die letzten Jahre einem wilden Ritt – irgendwie passend zu dem sich aufbäumenden Niedersachsen-Hengst, der sich auch im Continental-Logo findet. Binnen eines Jahres hat sich der Wert der Aktie nahezu halbiert. Die letzten Geschäftszahlen in der vergangenen Woche quittierte die Börse mit einem Kursverlust von zwölf Prozent. Mit gut 80 Euro steht die Continental-Aktie ungefähr wieder dort, wo sie bereits 2008 stand, als die Familie Schaeffler 75 Euro für die Übernahme des Konzerns zahlte – und in der Finanzkrise beinahe an dem Deal zugrunde ging.

Viele der Probleme von Continental sind hausgemacht

Irgendwie ist der Konzern seitdem nie wieder richtig zur Ruhe gekommen. 2018 machte Degenhardt seinen Managern Druck, die operativen Probleme endlich in den Griff zu bekommen. Ein Drohbrief an seine 400 obersten Führungskräfte, der mit markigen Worten glänzte, aber wenig Analyse, sorgte damals für viel Aufregung: „Auf diesem Gleis fahren wir keinen Meter mehr: Dieser Zug stoppt genau hier und jetzt!“, donnerte der Vorstandschef. Aber Offenbar verpufften die Drohungen. Und viele Analysten verlieren allmählich das Vertrauen in das Management.

Natürlich muss man fairerweise einräumen, dass sich die Lage der ganzen Branche seitdem massiv verschlechtert hat. Die Krise der Autohersteller reißt die Zulieferer weltweit mit nach unten, der Umstieg zur Elektromobilität belastet sie erheblich. Vor allem der Einbruch des China-Geschäfts, jetzt auch noch durch die Auswirkungen der Coronavirus-Erkrankungen massiv verstärkt, trifft alle und keineswegs nur Continental. Und doch kann man sich des fatalen Eindrucks nicht erwehren, dass viele Probleme in Hannover hausgemacht sind. Der Konzern verzettelt sich – und findet kein richtiges Rezept, damit fertig zu werden.

Schon 2018 schrieben wir an dieser Stelle: „Wer sich das globale Conti-Reich mit seinen 240.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 46 Mrd. Euro anschaut, kann beim besten Willen keine Linie mehr entdecken.“ An dieser Diagnose hat sich nicht viel geändert. Continental ist in den letzten zehn Jahren durch immer neue Großinvestitionen und zahlreiche Übernahmen wild in alle möglichen Richtungen gewachsen. Die Gesellschaft kann mittlerweile als Musterbeispiel für die Verzettelung eines Konzerns gelten. Und irgendwann geht dabei eben die Übersicht des Managements verloren. Das ist das eigentliche Problem.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.