Interview„Der Westen hat sich auf seinen Lorbeeren ausgeruht“

Symbolbild Handelsstreitimago images / Christian Ohde

Frederic Neumann

Die USA sind politisch tief zerstritten vor der Präsidentschaftswahl am 3. November. Doch in einer Sache sind sich die beiden Lager weitgehend einig: einer harten Haltung gegenüber der Volksrepublik China in Wirtschaftsfragen. „Niemand rechnet mit einer Senkung der Zölle auf chinesische Produkte für den Fall, dass der Demokrat Joe Biden Präsident wird“, sagt im Interview mit Capital Frederic Neumann, Asien-Chefvolkswirt der britischen Bank HSBC in Hongkong. „Eine neue Administration würde wohl diplomatischer, strategischer und institutionalisierter vorgehen“, erwartet der gebürtige Luxemburger. Das heißt aber nicht, dass sich die Situation fundamental verändert. Wir werden wohl noch eine ganze Weile mit einer anspruchsvollen bilateralen Lage leben müssen

Der republikanische Amtsinhaber Donald Trump, der sich zur Wiederwahl stellt, hat auf zahlreiche Produkte aus China Strafzölle erhoben, was de facto wie eine Steuererhöhung für US-Verbraucher wirkt. Trump begründete sein Vorgehen mit unfairen chinesischen Handelspraktiken – eine Kerbe, in die sein demokratischer Herausforderer Biden auch schlägt. „Es gibt seitens der USA durchaus gerechtfertigte Forderungen wie bei staatlichen Subventionen für Unternehmen oder wettbewerbsverzerrenden Regeln für Banken“, sagt Neumann. Hingegen habe sich China beim langjährigen Streitpunkt Eigentumsrechte durchaus bewegt.

Der Westen ist selbst schuld

„Es gibt sicher Bereiche in China, in denen Reformen nötig sind“, so der Volkswirt. „Aber das Land wird eben zunehmend in Sektoren stark, in den der Westen traditionell stark ist.“ Dass die westlichen Länder nun ins Hintertreffen zu geraten drohen, hätten sie sich ein Stück weit auch selbst zuzuschreiben, etwa wegen zu geringer Investitionen in Infrastruktur und Bildung. „Der Westen hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges auf seinen Lorbeeren ausgeruht, aber das ist nun nicht die Schuld Chinas.“

Vor diesem Hintergrund könnte der Konflikt zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Erde sich vom Handel auf andere Felder ausdehnen. Dies zeige sich schon beispielsweise im Technologie-Sektor, wo um Halbleiter oder die Tätigkeit des Netzwerk-Ausrüsters Huawei gestritten wird.

Die von einigen Akteuren befürchtete Ausweitung der Kampfzone auf die Kapitalmärkte sieht Neumann allerdings noch nicht. „Davon wird zwar gesprochen, aber es ist nichts passiert.“ Bislang sei weiterhin eine Integration der Kapitalmärkte zu beobachten. „Es gibt weiterhin Börsengänge chinesischer Unternehmen in New York und US-Banken weiten ihre Geschäftstätigkeit in China aus. Die möglichen Auswirkungen von Eingriffen in diese Entwicklung wären ganz andere als bei Zöllen und die Konsequenzen schwer zu berechnen.“

Insgesamt erwartet Neumann allerdings, dass die asiatischen Kapitalmärkte an Bedeutung gewinnen. „Die Wirtschaft zieht die Kapitalmärkte nach sich und deshalb verschiebt sich auch deren Gewicht nach Asien. Dies wird aber nur langsam gehen und hängt davon ab, wie schnell China sich weiter öffnet“, sagt Neumann. „Der Prozess hängt vom Vertrauen ab und beruht letztlich auf Rechtssicherheit, also dem Rule of Law.“

Zwei getrennte Systeme

In nächster Zeit drohe aber auch das Risiko einer Verschärfung des Konflikts, auch weil die als „Strafzölle“ titulierten US-Handelshemmnisse keine große Wirkung gezeigt hätten und in den USA „die Schmerzgrenze erreicht ist“. Neumann: „Die US-Zölle haben zu keinem großen Einbruch des chinesischen Wirtschaftswachstums geführt, auch weil die Exportabhängigkeit Chinas in den vergangenen Jahren gesunken und der Inlandskonsum wichtiger geworden ist“, erläutert Neumann. „China hat bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie zwar Anteile im US-Handel verloren, aber weltweit welche dazugewonnen, weil sich seine Unternehmen stärker nach Europa und in die Schwellenländer orientiert haben.“

Langfristig könnte sich der Konflikt dadurch auflösen, dass zwei getrennte Systeme entstehen, die möglicherweise über den Kapitalmarkt noch verknüpft sind. Schon jetzt hat China de facto sein eigenes Internet, in denen der Zugang auf viele westliche soziale Netzwerke und Nachrichten unterbunden wird. „China wird im nächsten Fünf-Jahresplan eine Priorität setzen bei der Entwicklung eigener Technologien etwa bei medizinischen Standards“, sagt Neumann. Die Folge wären zwei Universen: erstens das der reichen Industriestaaten des Westens und Japans und das rund um China, das durch seine „Belt and Road“-Initiative viele Länder in Asien und Afrika an sich bindet.

 


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