Interview Der Preis der Corona-Eindämmung

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): Ein Stop-Schild am Haupteingang signalisiert Einlasskontrollen während der Corona-Krise.
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE): Ein Stop-Schild am Haupteingang signalisiert Einlasskontrollen während der Corona-Krise.
© Chris Emil Janßen / IMAGO
Ein erfolgreicher Shutdown rettet Leben und gewinnt Lebensjahre. Wenn der volkswirtschaftliche Preis über Monate steigt, ist irgendwann der Nutzen für die Gesundheit nicht mehr zu rechtfertigen, errechnet der Gesundheitsökonom Afschin Gandjour

Afschin Gandjourist Professor für Health Management an der Frankfurt School of Finance & Management

Herr Gandjour, die Corona-Krise und die sozialen Kontaktverbote stellen die Gesellschaft vor ein Dilemma zwischen den wirtschaftlichen Schäden und der gesundheitlichen Notwendigkeit. Sie haben als Gesundheitsökonom eine Kosten-Nutzen-Rechnung rund um einen Shutdown aufgemacht. Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Afschin Gandjour, Professor für Health Management an der Frankfurt School of Finance & Management
Afschin Gandjour
© Gandjour

AFSCHIN GANDJOUR: Wenn ein verlängerter Shutdown über – sagen wir 130 Tage – die Wirtschaftsleistung um mehr als 20 Prozent einbrechen lässt, wäre der Preis für eine Verlängerung der Lebenszeit dank eines nicht überlasteten Gesundheitssystems – die ich auf rund 0.05 Lebensjahre pro Bundesbürger errechne –nicht mehr zu rechtfertigen. Dies unter der Voraussetzung, dass die Gesellschaft für Covid-19 etwa so viel auszugeben bereit ist, wie für Krebstherapien.

Können sie uns das genauer erklären?

Wir müssen zunächst die Ausganglage betrachten: Die Bundesregierung hat im März das öffentliche Leben heruntergefahren, weil sie eine unkontrollierte Ausbreitung des Corona-Virus befürchtete, welche die Aufnahmekapazitäten der Kliniken überstrapazieren würde. Das würde zusätzliche Todesfälle bedeuten. Gegenwärtig müssen etwa drei Prozent der Infizierten auf Intensivstation behandelt werden. Zugleich sind die Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft erheblich. Das Ifo-Institut etwa rechnet, dass eine einzige Woche Verlängerung zusätzliche Kosten in Höhe von 25 bis 57 Mrd. Euro und damit einen Rückgang des BIP-Wachstums von 0,7 bis 1,6 Prozentpunkte verursacht.

Wie gehen Sie an die Abwägung zwischen Rettung der Wirtschaft und Rettung von Menschenleben heran?

Dieser Frage kommt in dieser Phase der Pandemie eine zentrale Rolle zu. Welcher Umfang an Wirtschaftsleistung ist die Abflachung der Ansteckungskurve wert? Was ist die Gesellschaft bereit zu zahlen? Statt dabei nach dem Preis eines Menschenlebens zu fragen, scheint es mir aus gesundheitsökonomischer Sicht sinnvoller, die Zahl von Lebensjahren zu berechnen, die durch einen erfolgreichen Shutdown gewonnen werden können. Damit kann der Nutzen einer spürbaren Entschleunigung der Infektionsketten genauer beziffert werden – und es lässt sich ableiten, welche Kosten die Gesellschaft bereit ist zu zahlen.

Was ist für Sie ein erfolgreicher Shutdown? Und wie ermitteln Sie den Nutzen?

Das Zurückfahren des öffentlichen Lebens hat zum Ziel, die Ansteckungswelle in die Länge zu ziehen. Erfolgreich ist ein Shutdown dann, wenn der befürchtete Ansturm auf Krankenhäuser und Intensivbetten verhindert wird und das Gesundheitssystem folglich nicht überlastet wird. Dann hat ein Shutdown bedeutsame Gewinne in der Lebenszeit in der deutschen Bevölkerung zur Folge. In meiner Modellrechnung gehe ich von einer Sterblichkeitsrate von Covid-19-Patienten aus, die laut dem Robert Koch-Institut derzeit bei 1,5 Prozent liegt. Hinsichtlich der Lebenszeit lässt sich bei diesen Voraussetzungen im Mittelwert eine Lebenserwartung von eindrucksvollen 3,1 Millionen Jahren gewinnen. Pro Kopf ergibt das 0,053 gewonnene Lebensjahre oder 0,6 Monate.

Sie werfen zugleich aber die Frage auf, was es der Gesellschaft wert sein kann, je nachdem wie lange ein Shutdown sich hinzieht. Wie können Sie das messen?

Ich nehme als Vergleich, was die Gesellschaft – also Regierung und Krankenkassen – an angemessenen Kosten für Krebsmedikamente akzeptiert. Die Krankheitsbilder von Krebs und Covid-19 weisen Ähnlichkeiten auf, insbesondere hinsichtlich der Zahl der Schwererkrankten und der Zahl der Todesfälle. Wir haben etwa 1,5 Millionen Krebskranke. Von Covid-19-Erkrankten müssen etwa drei Prozent auf der Intensivstation behandelt werden, das ergibt bis zum Erlangen der Herdenimmunität auch rund 1,5 Millionen Fälle. Wenn die Krankenkassen also bereit sind, für jedes zusätzliche Lebensjahr eines Krebspatienten 100.000 Euro zu zahlen, sollte die Gesellschaft im Analogieschluss eine vergleichbare Bereitschaft bei der Covid-19-Pandemie akzeptieren.

Und was folgt aus diesem Preisschild? Heißt das, der angenommene Kostenrahmen würde je nach Länge des Shutdowns gesprengt?

Überträgt man den akzeptierten Kostenrahmen für Krebspatienten auf den für den Lebenszeitgewinn von Covid-19-Erkrankten, dann kommen wir auf 5400 Euro pro Bundesbürger – oder umgerechnet auf rund 13 Prozent des BIP in 2019. Indirekt setzt diese Größe also eine Obergrenze für die Dauer eines Shutdowns. Jenseits davon würde eine längere Dauer den Nutzen – also die maximale Rettung von Menschenleben – nicht mehr rechtfertigen.

Will heißen: In welchem Umfang kann oder will die Gesellschaft es sich leisten, das medizinische Behandlungssystem auf Dauer zu schonen?

Sagen wir es so: Wenn der wirtschaftliche Preis eines Shutdowns höher liegt als die – analog zur Krebstherapie – maximale Zahlungsbereitschaft von 13 Prozent des BIP, dann lohnt sich eine Verlängerung nicht mehr. Der Preis eines Shutdowns würde den Nutzen nicht mehr rechtfertigen. Das IFO nimmt an, dass die Kosten des Shutdowns schon bei einer Länge von drei Monaten das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr zwischen 10 und 20 Prozentpunkte reduzieren können.

Würde ein derartiger Abschwung auch die weitere Finanzierung des Gesundheitssystems beeinträchtigen?

Eine negative Rückkoppelung eines derartigen Einbruchs des Bruttoinlandsprodukts auf die Finanzierung des Gesundheitswesens muss mitbedacht werden. Hier könnte es zu einem Nullsummenspiel kommen, denn der Effekt der durch den Shutdown vermiedenen Covid-19-Todesfälle könnte durch eine Zunahme an Todesfällen bei anderen Erkrankungen als Folge einer möglichen Unterfinanzierung des Gesundheitswesens zunichte gemacht werden.

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