KolumneDer Offenbarungseid der Susanne Klatten

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Nikolaus von Bomhard, Aufsichtsratschef der Münchner Rück, griff im Mai im Schloss Kronberg als Laudator in die Vollen: Die Milliardärin Susanne Klatten und ihr jüngerer Bruder Stefan Quandt verkörperten „wahres Unternehmertum“. Die Erben hätten nicht nur bei BMW, sondern auch bei ihren Beteiligungen Altana und SGL Carbon „viel Weitsicht“ bewiesen, lobte der 63-Jährige. Die Jury des „Manager Magazins“ habe die beiden deshalb in die „Hall of Fame der deutschen Wirtschaft“ befördert.

Im Fall von SGL Carbon kann bei Susanne Klatten von Weitsicht allerdings keine Rede sein, wie wir spätestens seit letzter Woche wissen. Als Vorsitzende des Aufsichtsrats trägt sie die Mitschuld an einem Desaster, das die SDax-Aktie am Donnerstag wasserfallartig in die Tiefe riss und ihren Wert an einem Tag um fast ein Drittel verringerte. Ein falsch berechneter Großauftrag, ein Einbruch des Betriebsgewinns, eine fehlerhafte Planung nicht nur für das laufende Jahr, sondern für alle Folgejahre bis 2022 – das war selbst für die treusten Anleger von SGL Carbon ein bisschen zu viel auf einmal. Vorstandschef Jürgen Köhler nimmt deshalb mit sofortiger Wirkung seinen Hut – zu Recht! Unter der Regie Klattens hatte der Aufsichtsrat den Vertrag Köhlers noch im April um drei weitere Jahre verlängert. Und hatten die Aufseher nicht vor kurzem die nun hinfällige Prognose des Vorstands für das laufende Jahr noch einmal ausdrücklich abgesegnet?

Susanne Klatten trägt quasi doppelt Verantwortung

Susanne Klatten gehört dem Aufsichtsrat seit 2009 an und leitet ihn seit 2013. In diesen Jahren gab es zwar sehr viel Aktionismus bei SGL Carbon, aber am Ende keinen nachhaltigen Fortschritt. Die Aktie des Unternehmens liegt inzwischen wieder dort, wo sie vor 16 Jahren schon einmal lag. Seit Klatten an der Spitze des Aufsichtsrats steht, ging es praktisch stetig nach unten – mit nur wenigen sehr kurzen Erholungen. Wie Nikolaus von Bomhard zu seiner Einschätzung kam, Klatten habe bei SGL Carbon Weitsicht bewiesen, kann man nur als rätselhaft bezeichnen.

In Wahrheit gibt es seit Jahren große Probleme mit der Corporate Governance bei dem Unternehmen. Das liegt auch an den verqueren Beteiligungsverhältnissen bei SGL Carbon: Susanne Klatten selbst hält 28,5 Prozent der Anteile, die von ihr und ihrem Bruder kontrollierte BMW AG zusätzlich gut 18 Prozent. Gemeinsam dominieren die beiden Hauptaktionäre die Hauptversammlungen des Konzerns, ohne eine klare Mehrheit der Aktien zu besitzen. Interessenkonflikte waren so von Anfang an programmiert.

Ursprünglich galt SGL Carbon als großer Hoffnungswert für die Autoindustrie. Doch die frühere Strategie von BMW, seine E-Modelle mit einer Karosserie aus teuren Karbonfasern zu bauen, erwies sich als eindeutig falsch. Der Autobauer setzte auf das falsche Material – und SGL Carbon machte sich falsche Hoffnungen, an denen der kleine Konzern viel zu lange die eigene Strategie ausrichtete. Susanne Klatten trägt also in gewisser Weise doppelt Verantwortung – und sollte sich ernsthaft überlegen, auf den Aufsichtsratsvorsitz bei SGL Carbon zu verzichten. Spätestens dann, wenn ein neuer Vorstandschef im Amt ist. Mit ihrem 2015 formulierten Anspruch, in dem Konzern „ein neues Denken und eine neue Führungskultur“ zu etablieren, ist sie jedenfalls nachhaltig gescheitert.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.