KolumneDer lange Geduldsfaden des Siemens-Aufsichtsrats

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Eigentlich soll das Aktionärstreffen am 5. Februar die vorletzte Hauptversammlung von Joe Kaeser sein. Wenn es so weiter geht wie in den letzten Wochen, könnte es jedoch auch die letzte des Siemens-Chefs werden. Unter einigen Großaktionären wächst die Wut über die Alleingänge und ständigen Ich-Aktionen Kaesers. Das freihändige Angebot an die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, in den Aufsichtsrat der Siemens-Energiesparte einzutreten, war nur das letzte Beispiel für die erratischen Ideen des Vorstandsvorsitzenden. Seine zahlreichen persönlichen PR-Aktionen gingen bereits wiederholt nach hinten los.

Man muss sich umso mehr Sorgen machen um Siemens, je näher der Termin seines Austritts im Januar nächsten Jahres rückt: Kaeser nimmt offenbar auf nichts und niemanden mehr Rücksicht, nur um sich in der öffentlichen Aufmerksamkeit zu sonnen, so lange es irgendwie geht. Die entscheidende Frage ist: Wie lange schaut sich der Aufsichtsratschef das Treiben noch an?

Die Einladung zur Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle zeigt das ganze Dilemma des Dänen Jim Hagemann Snabe. Im Brief an die „sehr geehrten Aktionärinnen und Aktionäre“ wiederholt der Aufsichtsratschef ausdrücklich, im Sommer dieses Jahres solle die finale Entscheidung über die Nachfolge im Vorstandsvorsitz fallen. Snabe erwähnt auch noch einmal die Ernennung von Roland Busch zum Stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden – sicherlich nicht ohne Grund. Das alles wirkt merkwürdig entschlossen und merkwürdig zaghaft zugleich. Auf der einen Seite hat Snabe die Weichen eindeutig in Richtung Busch gestellt, auf der anderen Seite sieht er in diesen Wochen tatenlos zu, wie Kaeser den nächsten Angriff gegen Busch fährt. So sieht es zumindest von außen aus.

Kaesers PR-Unfall

Die Münchner Siemens-Zentrale erinnert mittlerweile an einen Intrigantenstadl. Hinter den Kulissen stechen Vertraute Kaesers immer wieder Details an die Presse durch, die Busch schaden sollen. So auch in der ganzen Affäre um den heftig umstrittenen Auftrag, die Eisenbahnsignaltechnik für eine große Kohlemine in Australien zu liefern. Erst durch Kaesers Einladung an Neubauer wurde aus einer relativ kleinen Sache ein riesiger Reputationsfall für Siemens. Dem Vorstandsvorsitzenden ist das Kunststück gelungen, den Ruf des Unternehmens gleichzeitig unter Aktionären, Kunden UND Umweltschützern zu beschädigen. Nun soll aber sein Rivale Busch zum eigentlichen Schuldigen gemacht werden. Als zuständiger Vorstand für die Zugsparte und als Vorstand des Konzern-Ausschusses für Nachhaltigkeit habe er das „klimaschädliche“ Geschäft gleich doppelt durchgewunken. Belege dafür gibt es allerdings nicht.

Aus dem Aufsichtsrat hörte man bisher immer das Argument, Kaeser habe sich so große Verdienste um das Unternehmen erworben, dass man ihm auch jetzt nicht hineinreden könne. Das ist ein seltsames Verständnis von Aufsichtsratstätigkeit. Oberaufseher Snabe vermeidet in der Öffentlichkeit alles, um sich von Kaeser zu distanzieren. Auch das kann man im Prinzip verstehen. Konflikte mit dem CEO sollte ein Aufsichtsratschef tunlichst vertraulich lösen. Falls Snabe also wirklich hinter verschlossenen Türen auf Kaeser einredet, wie manche wissen wollen, dann war ist das bisher völlig ohne Erfolg geblieben. Snabe ist dabei, sich selbst zu beschädigen, wenn es so weiter geht bei Siemens wie in den letzten Wochen. Es wird Zeit, dass der lange Geduldsfaden des Aufsichtsratschefs reißt.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.