Der Krieg und die Wirtschaft Business unusual

Der friedliche Eindruck täuscht. Die ukrainische Flagge wurde an ein Denkmal in Odessa drapiert. Auch dort rückt der Krieg näher
Der friedliche Eindruck täuscht. Die ukrainische Flagge wurde an ein Denkmal in Odessa drapiert. Auch dort rückt der Krieg näher
© IMAGO / Ukrinform
Die Konfrontation mit Russland zerreißt jahrzehntealte Liefer- und Produktionsketten, gerade deutsche Unternehmen werden sich in vielen Bereichen neu orientieren müssen. Die Folgen werden auch Investoren und Anleger spüren

Ein Krieg, der nicht in diese Welt und in dieses Jahrhundert gehört, produziert jeden Tag Bilder von Leid und Zerstörung in der Ukraine; Bilder von der großen Hilfsbereitschaft für die Geflohenen in Polen, Ungarn und auch hierzulande. Und Bilder, die an Absurdität nicht mehr zu überbieten sind.

Wie jenes gestern Abend von So-yeon Schröder-Kim, aufgenommen vor der Kulisse des Roten Platzes in Moskau, ins Gebet versunken in der wohligen Fünf-Sterne-Wärme des Moskauer Hotel Baltschug Kempinski. Während sich auf der anderen Seite der Moskwa mutmaßlich gerade ihr Mann, der deutsche Ex-Kanzler, mit dem russischen Präsidenten und Kriegstreiber traf – beide verbunden über diverse Anstellungsverträge Gerhard Schröders bei russischen Staatskonzernen und vereint in ihrer Selbstisolation.

Wir wissen nicht, ob und was das Gespräch erbracht haben könnte, man möchte ja das Beste hoffen. Aber die heutigen Meldungen aus Moskau und Kiew lassen wenig Gutes erahnen.

Nur eine Bärenmarktrally

Umso merkwürdiger wirkte und wirkt da die Zuversicht, die diese Woche plötzlich die Finanzmärkte ergriffen hat. Mehr als 1000 Punkte plus an nur einem Tag, das gab es noch nie seit Bestehen des deutschen Leitindex Dax. Ist das schon die Wende, fragten sich umgehend Experten und Laien – lohnt es sich, schon wieder einzusteigen?

Nun, die Experten zumindest waren sich schnell einig, dass die Rally vom Mittwoch noch keine grundsätzliche Umkehr zum Besseren signalisiert. Sie sprechen von einer „Bärenrally“, typisch für Finanzmärkte, die sich gerade grundsätzlich eher nach unten bewegen. Passend dazu ging es am nächsten Tag auch gleich wieder drei Prozent oder 400 Punkte nach unten.

Wer die Meldungen aus Unternehmen und Branchenverbänden in dieser Woche aufmerksam studiert, der gewinnt sogar eher einen ganz anderen Eindruck: Dass dieser ebenso tragische wie absurde Krieg und die Konfrontation mit Russland nämlich noch über Monate und Jahre auf die westliche Wirtschaft einwirken wird und wir die Folgen erst ganz allmählich erahnen. Sie werden sogar noch lange fortwirken, wenn die unmittelbaren Kämpfe wider Erwarten ein schnelles Ende finden sollten.

Große Verunsicherung bei den Unternehmen

Da war zum Beispiel die Meldung des Automobil- und Industriezulieferers Schaeffler aus Herzogenaurach in dieser Woche: Schaeffler-Boss Klaus Rosenfeld zog die Geschäftsprognose des Konzerns für dieses Jahr zurück, sie war gerade mal zwei Wochen alt. Begründung: Die wirtschaftlichen Folgen des Kriegs auf die Lieferketten in der Automobil- und Industrieproduktion seien ebenso unklar wie die Entwicklung der Frachtraten, der Rohstoff- und Energiepreise, der Inflation und der globalen Wachstumsaussichten, so Rosenfeld. Mit anderen Worten: Man weiß im Moment gar nichts. Nur dass sich alle Sorgen schlagartig auflösen, ist eben so gut wie ausgeschlossen.

Der Krieg ist wie ein gewaltiger Stein, der ins Wasser gefallen ist und nun seine Kreise zieht. Als erstes waren da die durch den Krieg unterbrochenen Lieferketten aus der Ukraine – bei Volkswagen, BMW und Mercedes stehen seit dieser Woche die ersten Werke und Produktionslinien still, weil Kabelbäume fehlen, ohne die die Elektrik der Neuwagen nicht fertiggebaut werden kann. Diese Kabelbäume kamen bisher oft von Zulieferern aus der Ukraine. Ebenso unmittelbar und drastisch fiel in den vergangenen 14 Tagen Russland als Handelspartner und Absatzmarkt für deutsche Unternehmen einfach weg – fast alle deutschen Unternehmen mit einem nennenswerten Russland-Geschäft haben sich beinahe panisch zurückgezogen. Mit Ausnahme vielleicht von Energiekonzernen, aber selbst die werden sich neu orientieren (müssen).

Denn auch wenn Russland beteuert, weiter Öl, Gas, Kohle und wichtige Rohstoffe liefern zu wollen: Der Rest der Welt sucht sich neue Lieferanten. Dies hat weitere Folgen, natürlich als erstes auf die Rohstoffpreise: Der Preis für eine Megawattstunde Erdgas kletterte diese Woche deutlich über die Marke von 200 Euro (ist seither aber auch wieder gefallen); das Fass Öl kostet inzwischen stabil um die 110 Dollar, der Preis für eine Tonne Kohle hat sich fast verdoppelt. Russland muss gar nicht als Lieferant ausfallen, uns „den Hahn zudrehen“ oder der Westen das Land offiziell mit einem Embargo belegen: Alles, was aus Russland kommt, gilt heute als toxisch – man will damit nichts mehr zu tun haben. Um zwei Drittel will die EU-Kommission in diesem Jahr die Abhängigkeit von russischem Erdgas reduzieren und sich anderswo mit Energie eindecken, buchstäblich: Koste es, was es wolle.

Und so geht es immer weiter: Billigstahl für den Bau kommt heute ganz überwiegend aus Russland, Belarus und der Ukraine – die Preise steigen dramatisch, Alternativen sind rar. Schon warnt der Zentralverband der deutschen Bauindustrie, in diesem Sommer könnten auf deutschen Baustellen Stahlmatten, Träger und Bleche knapp werden. Auch auf den Straßen droht Stillstand, da Bitumen für Asphaltarbeiten ausgehen könnte. Wichtige Metalle wie Nickel oder Palladium, gerade heiß begehrt für den Bau von Elektroautos, kommen bisher größtenteils aus Russland – und werden inzwischen gehandelt wie Gold und Diamanten. 

Liefer- und Produktionsketten sind gestört

Auch die Transportwege sind betroffen: Da der Zugverkehr zwischen China über Russland nach Europa – er machte zuletzt immerhin zehn Prozent des Containerumschlags im Hamburger Hafen aus – gestört ist, explodieren die Frachtraten zur See. Und der Preis für Schiffstreibstoff hat sich von Oktober bis heute annähernd verdoppelt. „Nach zwei Jahren mit all den Belastungen der Corona-Pandemie keimte gerade so etwas wie neue Zuversicht auf“, sagt der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, „und nun wirft uns direkt die nächste Megakrise zurück.“ Liefer- und Produktionsketten sind gestört – und wenn sie noch funktionieren, dann nur zu dramatisch gestiegenen Kosten.

Und als wäre das alles nicht genug, wachsen die Zweifel an Deutschlands wichtigstem Handelspartner China. Chinas Wirtschaft wuchs im letzten Quartal 2021 noch um etwa vier Prozent auf das Jahr hochgerechnet. Für dieses Jahr peilt die Regierung in Peking zwar ein Wachstum von 5,5 Prozent an, aber was solche Erwartungen wert sind, war wohl selten so ungewiss. Denn je nachdem, wie sich das Land im Konflikt mit Russland positioniert, kann auch China noch in den Sog westlicher Sanktionen geraten.  

Für Unternehmen bedeutet dies: Aussagen über ihre Geschäfte in diesem Jahr sind wirklich im Moment kaum möglich. Und über ihre Gewinnaussichten – oberster Maßstab wiederum für Börsenkurse – erst recht nicht. Für Anleger aber heißt das: Sie haben guten Grund, skeptisch zu bleiben – meine Kollegin Nadine Oberhuber hat die Marktaussichten ganz aktuell noch mal en détail analysiert.

Es gilt, leider: So sehr wir uns 2022 als Jahr der Beruhigung und der Rückkehr zur Normalität vorgestellt haben, vielleicht auch als Aufbruch in eine neue Epoche der Klimaneutralität – der Krieg wird unser Leben und die Art, wie wir arbeiten, produzieren und wirtschaften grundlegend verändern.


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