Western von gesternDer Kampf der Kalikumpel von Bischofferode gegen die Treuhand

Das Thüringer Bergwerk wurde nach der Wende ein Symbol
Das Thüringer Bergwerk wurde nach der Wende ein SymbolJindrich Novotny

Nach Wochen des Hungerstreiks reichte es noch für eine gereckte Faust und ein mattes Lächeln. Die „Tagesschau“ zeigte im Herbst 1993 jeden Abend Bilder aus Bischofferode in Thüringen, wo die Kalikumpel verzweifelt für ihr Bergwerk und gegen die Fusion mit dem westdeutschen Bergbauunternehmen K+S kämpften. Man sah, wie der geschwächte Willibald Nebel im Krankenwagen landete. „Durchhalten bis zum Erfolg“ wollte er eigentlich.

Es war der erbittertste und größte Showdown um die Privatisierungspolitik der staatlichen Treuhandanstalt in der Ex-DDR. Arbeitnehmer aus dem Osten gegen Konzerninteressen aus dem Westen. „Wir haben in die kalte Fratze des Kapitalismus geblickt“, sagte CDU-Landesvater Bernhard Vogel.

Die neue Capital

Bischofferode war einer der Devisenbringer der DDR, westliche Düngemittelhersteller rissen sich um die Ware. Nach der Wende geriet der Markt unter Druck. Die K+S aus Kassel, damals eine Tochter der BASF, suchte ihr Heil in der Kartellbildung. Die Treuhand half ihr: Sie drängte K+S, auch die ostdeutsche Kali zu übernehmen, und gab ihr freie Hand beim Schließen der Ost-Gruben. Gleichzeitig versprach die Staatsholding, das Monopol abzusichern, obendrauf gab es 1 Mrd. D-Mark sowie Verlustausgleiche bis 1997.

Die Thüringer Kumpel fühlten sich als Bauernopfer. Der westfälische Mittelständler Johannes Peine erbot sich, Bischofferode zu übernehmen. Das hätte der K+S einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als EU-Wettbewerbskommissar Karel Van Miert vom geheimen Wettbewerbsausschluss und von Peines Offerte erfuhr, drohte er, die Kalifusion zu stoppen. Treuhandvorstand Klaus Schucht aber sprach Peine die Bonität ab. Bald darauf stellten ihm Banken Kredite vorzeitig fällig. Peine war pleite, der Weg für K+S frei.

In der Region, dem katholischen Eichsfeld, wo über 70 Prozent für die CDU votierten, begann eine Desillusionierung, die bis heute fortdauert. Der Markt für Kali boomt längst wieder, im Eichsfeld liegen Salze für 3,5 Mrd. Euro unter der Erde. Doch der Förderturm wurde vergangenen Sommer demontiert, die Vorkommen sind großteils geflutet.

Die Kumpels verloren ihre Jobs, erhielten aber einen guten Sozialplan. Ausgehandelt von einem jungen Gewerkschaftssekretär aus dem Westen: Bodo Ramelow, der 2014 Ministerpräsident wurde. Und nun um die Wiederwahl kämpft.

Hauptperson

Klaus Schucht, 1930–2001, war Bergwerksdirektor in Westfalen und 1991 bis 1994 Treuhandvorstand. Der Erfurter Staatskanzleichef Andreas Trautvetter nannte ihn einen „eiskalt handelnden Manager“. SPD-Mann Schucht war später Wirtschaftsminister in Magdeburg.


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