dm-Gründer „Der Geist weht, wann er will“ – Nachruf auf Götz Werner

Götz Werner bei einem Interview im Jahr 2012
Götz Werner bei einem Interview im Jahr 2012
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Götz Werner hatte als dm-Gründer wirtschaftlichen Erfolg, als Vorkämpfer für die Idee des Grundeinkommens prägte er eine ganze gesellschaftliche Bewegung. Claudia Cornelsen mit einem Nachruf auf einen außergewöhnlichen Unternehmer

Nun ist er also in einer anderen Welt. Da, wo ein Mensch hingeht, wenn er zuletzt als gläubiger Anthroposoph auf Erden war. Götz Werner ist tot. Friedlich eingeschlafen. Wie sonst? Friedlichkeit war sein Wesenskern.

Vielleicht nicht immer. In jungen Jahren soll er durchaus rebellisch gewesen sein. Ein Cognac trinkender und Zigarre rauchender Jungspund, der wichtigtuerisch im Hotelfoyer herumschwadroniert ist. Hat er selbst erzählt, während wir bei Sauerkrautsaft und veganem Brotaufstrich über sein Leben sprachen. Das war kurz vor seinem 70. Geburtstag. Wir arbeiteten an seiner Autobiografie „Womit ich nie gerechnet habe“ .

Den Keksteller musste ich beiseitestellen, sonst würde er sie alle aufessen. „Dafür sind sie da“, sagte ich. „Aber ich bin nicht dafür hier,“ antwortete er. Die letzten 16 Jahre, die ich ihn aus nächster Nähe erleben durfte, war er vor allem für andere da. Demut und Wertschätzung – da sei die Essenz seines Lebens, erklärte er mir. „Ich lebe in dem Leisten für andere.“ In der Gemeinschaft fühle sich der Einzelne getragen. Das war seine tiefe Überzeugung. Ich weiß noch, wie ich ihn fragend anschaute. Führung sei nicht legitim, „es sei denn, ich gebe dem Mitarbeiter den Impuls, sich selbst zu führen.“

„Sie brauchen immer jemanden, der Ihnen hilft“

Ich könnte seitenweise solche Sätze wiedergeben. Mein ganzer Computer ist voller Götz-Werner-Zitate. Ich habe stundenlange Tondokumente, bei denen man zuhören kann, wie mein Weltbild zerbricht. Götz Werner war eine permanente Provokation. Im positiven Sinne. Medial nicht verwertbar. „Man handelt nicht aus Erfahrung oder aus Erkenntnis, man handelt aus Evidenz.“ Solche Sätze funktionieren nicht auf Social Media. Wer dort „Hä?“ denkt, scrollt einfach weiter. Aber in der Begegnung mit Götz Werner blieben genau solche Sätze hängen. Sie haben eine tiefere Wahrheit. Und die war in der persönlichen Begegnung zu spüren. Genau das meint der Satz.

Götz Werner hat die Drogeriemarktkette dm gegründet und groß gemacht
Götz Werner hat die Drogeriemarktkette dm gegründet und groß gemacht

Der gebürtige Heidelberger hatte als junger Mann 1973 in Karlsruhe einen Drogeriemarkt nach dem Discountprinzip eröffnet. Aldi hatte es mit Mehl und Zucker vorgemacht. Jetzt machten es andere mit Zahnpasta und Seife nach. Die Idee lag in der Luft. Rossmann und Schlecker starteten fast zeitgleich. Werner war getrieben vom „heiligen Zorn des Unternehmers“ und einer geduldigen Langatmigkeit, die er beim Rudern gelernt hatte: „Beharrlich im Bemühen, bescheiden in den Erwartungen.“ Immerhin war er mit dieser Devise Deutscher Rudermeister geworden. Doch die schnelle Expansion seines neuartigen dm-Konzepts wuchs ihm bald über den Kopf.

„Sie brauchen immer jemanden, der Ihnen hilft“, erklärte er mir 40 Jahre später. „Die Frage ist: Wie bringe ich den dazu, dass er es tut?“ Als erstes tauschte er 50 Prozent Geschäftsanteil gegen Skalierungsexpertise. Dann holte er einen alten Ruderfreund von einem österreichischen Discounter ins dm-Boot. Gemeinsam ging es bald durch internationale Gewässer. Dann gab ihm ein anthroposophisch geprägter Berater eine Frage mit auf den Lebensweg: „Ist der Mensch Mittel oder Zweck?“

Diese Frage – oder besser die einzig evidente Antwort darauf – veränderte sein Leben. Er habe fortan ein reges Innenleben entwickelt, erzählt Werner, statt Radiogedudel habe ihn ein konstantes Denken durch den Tag begleitet. Er entdeckt das Lesen, aber nicht als berauschendes Abtauchen in fiktive Welten, sondern als Futter für das eigenständige Denken. Er liest Satz für Satz. „Tut sich bei mir ein Widerstand auf? Oder ist da was dran? Berührt es mich? Oder lehne ich es ab?“

Auf diese Weise lernte er Goethes „Faust“ auswendig. Er hatte jeden Satz unzählige Male durchdacht und durchdrungen. „Drauf herumkauen“, nannte Werner das.

Götz Werner hat von hinten nach vorne geführt

Dass er nur einen Volksschulabschluss hat, hat ihn immer etwas gequält. Es war noch die Zeit der Prügelstrafe, unter der er als eigensinniger Schüler oft gelitten hat. Vielleicht war ihm deswegen später angstfreies Lernen ein so wichtiges Anliegen. „Der Geist weht, wann er will“, sagte er. „Man kann nicht erzwingen, wann ein Mensch welchen Gedanken hat. Aber man kann Rahmenbedingungen schaffen, dass er sich zu denken traut – und dass er in Übung bleibt.“

Im Nachdenken über Sinn und Zweck des Unternehmertums entwickelt der Zahnpasta-Verkäufer, wie er sich selbst gern nannte, eine völlig andere Art der Führung. In seiner Firma wird nicht von oben nach unten, sondern von hinten nach vorne geführt. Er liebt unzufriedene Mitarbeiter und belohnt Kritik mit Nachdenklichkeit. Er bezahlt nicht die Arbeit, er ermöglicht sie. Und so weiter. Stoff für ein weiteres Buch; die Generation Z würde das heute sicher gern lesen.

Auf jeder Reise besuchte Götz Werner die nächstgelegene Filiale. Dann ging er schnurstracks auf die Mitarbeiter zu, stellte sich vor und fragte, wie es ihnen gehe, was sie beobachteten und was ihnen fehle. Fast immer bat er irgendwann um einen Besen, um mit dem Stiel eine Deckenlampe zurechtzurücken. Es ging um Erleuchtung. Aber auch um Freude. Legendär sein Gastauftritt beim Comedian Tobias Bücklein 2012 , als er statt wie geplant auf der Querflöte fröhlich pfeifend ein Händelstück vorträgt.

Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens

Selbst dem drögen Thema Steuern konnte Werner Originalität abgewinnen – und zwar nicht in Form von Tricks, Kniffen und Oasen, sondern natürlich als Grundsatzfrage. Kindergeld, Ehegattensplitting und Steuerfreibeträge seien „verschleierte Formen von Grundgehalt“, nur leider alle mit gesellschaftlichem Stigma verbunden. Er entwickelt eine Leidenschaft für die Mehrwertsteuer und darauf basierend ein gesellschaftliches Geschäftsmodell, das allen Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen ermögliche.

2007 stellte Werner sein Buch "Einkommen für alle" vor
2007 stellte Werner sein Buch "Einkommen für alle" vor

Die Begeisterung für letzteres machte ihn über die Grenzen des Einzelhandels hinaus bekannt. Das Grundeinkommen wurde sein Lebensthema, dem er sich mit großer Leidenschaft widmete, als er seinem Nachfolger die Geschäftsführung für die mittlerweile umsatzstärkste Drogeriekette Europas übergab. Die Finanzierung hat ihn – jenseits seines Konsumsteuermodells – nicht interessiert. „Geld ist eine Ausrede“, winkte er ab. „Denn von Geld kann man nicht leben. Man kann nur von Gütern leben. Und die sind schon alle da.“ Keine Sorge, auch auf diesem Gedanken muss man erst eine Weile herumkauen, bis man seine Evidenz erkennt.

Beim Grundeinkommen kreiste das Denken des Unternehmers vor allem ums Menschenbild: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Was würde passieren, wenn Sie jedem Menschen seine Würde lassen würden?“ Mit solchen Fragen ließ er sein Gegenüber allein und – Sokrates würde jubeln – ermöglichte dadurch eigene Gedanken.

Götz Werner war kein Akademiker, aber er war auf der Universität des Lebens. Und dort lernt man durch Schlüsselerlebnisse. Für viele Menschen war er selbst ein Schlüsselerlebnis. Als Vater der deutschen Grundeinkommensbewegung hat er sein geistiges Erbe nicht nur in Form von Fragen großzügig verteilt. An der berühmten Freiburger Wirtschaftsuniversität finanzierte er FRIBIS , ein Institut zur Erforschung des Grundeinkommens.

Der Verein Mein Grundeinkommen wurde vom Werner-Buch „Tausend Euro für jeden“ inspiriert und verlost ein Jahr lang tausend Euro im Monat. Bedingungslos. Inzwischen haben schon über tausend Menschen die besondere Erfahrung der Bedingungslosigkeit gemacht.

„Jeder Mensch ist wertvoll, einfach weil er ist!“ Diese Wernersche Grundüberzeugung treibt auch den Verein „ Sanktionsfrei “ an. Er gleicht Hartz-IV-Sanktionen über einen spendenfinanzierten Solidartopf aus – natürlich bedingungslos. Die von vielen Politikern aktuell beschworenen „Mitwirkungspflichten“ hat Werner belächelt. Mit Zwang und Druck könne man Menschen nicht bewegen. Man müsse einen Sog erzeugen.

„Jeden Morgen habe ich fünf Gründe nicht aufzustehen. Es ist die Frage, wie wir als Gemeinschaft einen sechsten Grund finden, damit der Mensch sagt: Ja, dafür stehe ich auf. Ich werde gebraucht.“ Deswegen müsse man den Menschen die Freiheit geben, sich selbst zu verpflichten: „Was will ich denn müssen?“

Götz Werner erwirtschafte sein Geld als Kaufmann. Aber seine Zielgruppe waren Menschen, die jenseits des Konsums nach Glück suchen. Denn nicht aus Gütern, sondern allein aus der Freiheit zur Selbstverpflichtung entstünde Glück; dann, wenn man etwas aus eigenem Antrieb tut.

Sein größter Wunsch war, dass sich möglichst viele Menschen frei in einer gerechten und solidarischen Umwelt als die Unternehmer ihrer eigenen Biografie entfalten können. „Unternimm die Zukunft“ Das war sein Lebensmotto. Wir können uns darauf verlassen, dass egal wo er ist, er auch jetzt schon wieder visionäre Ideen durchkaut. Ich hoffe, dass ich ihm eines Tages wiederbegegne und sie dann erfahre.

Claudia Cornelsen ist Gründerin und Geschäftsführerin einer Kommunikationsagentur in Berlin und berät Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Die gelernte Journalistin hat als Autorin und Ghostwriterin bereits zahlreiche Bücher geschrieben – so auch mit Götz Werner seine 2015 erschienene Autobiografie. Sie engagiert sich seit vielen Jahren für das Bedingungslose Grundeinkommen.


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