KöpfeDer Energizer

Timo Poppe
Timo Poppe sitzt im Vorstand des Energieversorgers SWB. Er ist einer der jüngsten Top-Manager der Energiebranche
© Heinrich Holtgreve

Es ist morgens um kurz nach 8 Uhr im ICE 27, als Timo Poppe wissen will, wie es der alten Energiewelt geht. Der Vorstand des Bremer Regionalversorgers SWB sitzt im Zug Richtung Ruhrgebiet, auf dem Weg zu einer Fachmesse nach Essen. Draußen wird es gerade hell. Drinnen schaut Poppe auf seinem iPhone nach den Aktienkursen der Energiekonzerne. An diesem Februarmorgen sieht es wieder schlimm aus: RWE unter 12 Euro, Eon sogar unter 9.

Ungläubig blickt Poppe auf das Display. „Weniger als 8 Mrd. Marktkapitalisierung“, murmelt er. Der große RWE-Konzern, einer der stolzen Energieriesen, die jahrzehntelang wie Gelddruckmaschinen funktioniert haben, ist an der Börse nicht mehr wert als manches aufgeblasene Internet-Start-up. Natürlich sei dafür auch die Politik verantwortlich, sagt Poppe. „Aber viele in der Branche haben auch nicht gesehen, was die Energiewende für die Unternehmen bedeutet.“

Für Poppe sind die Aktienkurse der Stromriesen wie der Puls der alten Energiewelt, deshalb hat er sie auf seinem Handy ständig parat. Aus dieser Welt kommt auch Poppes Unternehmen, das 160 Jahre alt ist und bis 1999 Stadtwerke Bremen hieß. Mit rund 1,3 Mrd. Euro Umsatz zählt es zu den größten Regionalversorgern des Landes. Lange Zeit verdiente es in Bremen prächtig mit Strom und Gas. Den Mitarbeitern ging es besser als anderswo – bis die Schockwellen die alte Energiewelt auch dort erschütterten: erst die Liberalisierung, dann die Energiewende.

„Einfach mal machen“

Ausgerechnet Poppe muss den Konzern nun in die neue Zeit führen: einer der jüngsten Vorstände der gesamten Branche, gerade 36 Jahre alt. Poppe wirbelt durch das Unternehmen, als wäre er eine Turbine, die ständig Energie produziert. Sein Leitspruch: „Einfach mal machen.“

Seit 2012 kümmert sich Poppe im SWB-Vorstand um Netze und Vertrieb. Vorstandschef Torsten Köhne, 52, der 1997 zu den Stadtwerken kam, ist für die Stromerzeugung zuständig. Beide kämpfen mit den gleichen Problemen wie ihre Kollegen bei Eon und RWE. Sie müssen neue Erlösmodelle entwickeln, ein Kraftwerk stilllegen, Personal abbauen und Privilegien für eine überalterte Belegschaft streichen – nur dass die Bremer ihre Probleme nicht einfach abspalten und in eine andere Firma abschieben können.

Es ist kurz vor 9, ICE 27 rollt in den Essener Hauptbahnhof. In Essen läuft die E-World, eine Messe, auf der die gesamte Energiebranche vertreten ist: Konzerne wie die Eon-Abspaltung Uniper mit riesigen Ständen und Heerscharen von Vertrieblern. Aber auch Digital-Start-ups, die auf ein paar Quadratmetern ihre Produkte präsentieren – etwa Big-Data-Software, die den Stromverbrauch von Kunden analysieren kann.

Auch Poppe könnte mit seinem blauen Anzug und dem offenen Hemd als Start­up-Gründer durchgehen. Er tickt auch so, seitdem er früher bei Deutschlands fünftgrößtem Energiekonzern EWE die Strategieabteilung leitete. Für den Oldenburger Konzern, dem auch die SWB-Gruppe gehört, scannte Poppe den Markt nach innovativen Firmen. Zudem schob er ein großes Erneuerbaren-Modellprojekt an, das auch Konzerne aus Japan und China anlockte.

Strom im Überfluss

In 15, 20 Jahren, glaubt Poppe, wird es so viel billige Energie aus Wind und Sonne geben, dass Strom ein öffentliches Gut ist – „wie die Luft zum Atmen“. Für die klassischen Versorger heißt das: Ihr Geschäft ist tot. Nach Poppes Ansicht lässt sich richtig Geld in Zukunft nur mit Energiedienstleistungen verdienen. Er hat sich auch schon die Frage gestellt, ob es nicht Sinn macht, einen Heizungshersteller zu kaufen – weil vielleicht künftig alle mit Strom heizen.

In der Messehalle geht es nun durch das Labyrinth der Stände hin zu einem Schild mit der Aufschrift „Vorweg gehen“, dem Werbespruch von RWE. Poppe stellt sich hinter eine Säule, in die ein iPhone mit der neuen Smart-Home-Steuerung von RWE eingebaut ist. Sofort kommt ein Mann im Firmenoutfit. Die App sei nun „aufgeräumter“, sagt der Mitarbeiter. Man könne verschiedene „Szenarien“ für Licht, Hauskameras und andere Geräte einprogrammieren. Der RWE-Mann tatscht auf dem Display herum, nichts tut sich. Er drückt noch mal und noch mal, immer noch nichts. „Meine Frau wäre jetzt schon raus“, sagt Poppe.

Auch Poppes Unternehmen will bald ein Smart-Home-Produkt auf den Markt bringen, um neue Einnahmequellen aufzutun. Im eigenen Haus, in dem Familie Poppe mit den beiden kleinen Kindern wohnt, steckt schon eine Menge Technologie. Aber die entscheidende Frage sei: „Trauen die Leute so etwas ihrem Energieversorger zu?“ Oder machen andere das Geschäft, etwa Handwerker oder Elektronikfirmen?