KolumneDer Bedeutungsverlust der Industrielobby

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Machen Sie doch einmal die Probe im Bekanntenkreis: Wie heißt noch einmal der amtierende BDI-Präsident? Und welcher Vorschlag des Industrieverbandes sorgte zuletzt für einigermaßen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit? Ach so, ja. Dieter Kempf. Aber irgendeine bahnbrechende Idee zum Beispiel zur aktuellen Debatte über den Klimawandel oder sonstwas? Da fällt uns nun wirklich nichts mehr ein.

Der BDI galt früher mit Abstand als mächtigster Wirtschaftsverband in der Bundesrepublik. Seine Präsidenten nahm man im Bundeskanzleramt ernst. Leute wie Heinrich Weiss, Hans-Olaf Henkel und Michael Rogowski sorgten immer mal wieder für Aufregung in der Politik. Und hinter den Kulissen der Ministerien hörte man erst recht auf ihr Wort. Davon ist nicht mehr viel übriggeblieben. Dafür gibt es mehrere Gründe: die Abnabelung der Politik, die unter Helmut Kohl begann und sich unter Angela Merkel beschleunigt hat; den Wandel in der Öffentlichkeit, wo Debatten im Twitter-Zeitalter ganz anders ablaufen als früher; den ganzen bürokratischen Selbstlauf in den Verbänden selbst, wo in Wahrheit nicht die Präsidenten, sondern die hauptamtlichen Funktionäre regieren; die Belastung von Vorstandschefs und Unternehmern, die keine Zeit mehr für die Arbeit in den Verbänden mitbringen; eine unglückliche Hand bei der Auswahl der handelnden Personen.

Womit wir beim schnellen, aber kaum noch überraschenden Abgang von Bernhard Matthes beim Verband der Autoindustrie (VDA) sind. Der ehemalige Ford-Chef war kaum im Amt, da ging die Kritik schon los. Was die Chefs der großen Autokonzerne in den letzten Jahren selbst nicht auf die Reihe bekamen, sollte Mattes presto schaffen: das angeschlagene Vertrauen in die Branche wiederherzustellen und ihr in der öffentlichen Wahrnehmung wieder den alten Glanz verleihen. Und wo sich die Konzerne selbst nicht einigen können, etwa beim Übergang zur Elektromobilität, sollte der Verband gefälligst für Einigkeit sorgen – die Quadratur des Kreises. Es mangelt nicht an Ironie, dass sich ausgerecht der Chef des VW-Konzerns als Hauptkritiker des VDA-Präsidenten geriert.

Schwere Zeiten für die Industrielobby

Möglicherweise ist ein Verband wie der VDA nicht mehr die richtige Organisation, um die Interessen der Autokonzerne mitten im stärksten Branchenwandel aller Zeiten zu vertreten. Wie soll zum Beispiel eine Messe wie die viel gescholtene IAA des VDA funktionieren, wenn die Hersteller selbst nicht so genau wissen, wie sie sich künftig überhaupt präsentieren wollen: Nur noch im Internet? Oder vielleicht auf den verschiedenen hippen Digital-Events in aller Welt? Oder bevorzugt auf einer Hausmesse? Sie wissen es selbst nicht so recht und verlangen von ihrem Verband, ihnen eine Lösung zu präsentieren, die alle zufriedenstellt. Auch das grenzt an die Quadratur des Kreises.

Man kann die These wagen, dass es allen Verbänden eigentlich so ähnlich geht wie dem VDA. Nur sorgt die Krisendiskussion in der Autolobby wenigstens noch für mediale Aufmerksamkeit, weil sich so gut wie jeder irgendwie für Autos interessiert. Über den Niedergang vieler anderer Verbände berichtet schon niemand mehr, weil sie selbst längst in der weitgehenden Bedeutungslosigkeit versunken sind. Kein Thema mehr für die Zeitung. Aber vielleicht für die Mitgliedsunternehmen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.