KolumneDie Autobranche muss Dialog lernen

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Kleinere Demonstrationen und Proteste gab es bei der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt auch früher schon. Der Sternmarsch am Samstag aber dürfte mehr Umweltschützer an den Main bringen als jemals zuvor. Die Klimadebatte sorgt dafür, dass sich viele engagieren, die bisher nicht groß über das Thema Auto nachgedacht haben. Sie wollen über den „SUV-Wahnsinn“ diskutieren, über den ihrer Meinung nach viel zu zögerlichen Umstieg zur Elektromobilität und weitere Maßnahmen, den Schadstoffausstoß von Fahrzeugen schnell zu senken. Und die Branche kommt ihnen auf der IAA zum ersten Mal scheinbar ein kleines Stück entgegen: Erstmals gibt es neben der üblichen Auto-Show auch eine Konferenz mit zahlreichen Paneldiskussionen auf der IAA. Das Motto: „Europas wichtigste Dialog- und Networking-Plattform zur Zukunft der Mobilität“.

Aber ach, die Branche verspielt diese Chance. Auf der Konferenz diskutiert die Industrie im Wesentlichen mit sich selbst und anderen Unternehmen, aber nicht mit den Kritikern. Typisch der Auftakt: die Chefs von IBM und Daimler, flankiert vom obersten Autolobbyisten Bernhard Mattes. Nur zwei von über 40 Diskussionsrunden binden auch ausgesprochene Kritiker ein. Immerhin traf man sich schon bei ein, zwei Gelegenheiten vor der IAA in kleinerem Rahmen.

Die Autoindustrie muss den Dialog erst noch lernen. Und zwar nicht nur mit den Umweltschützern, sondern auch mit der Politik und sogar mit ihren eigenen Kunden. In der Vergangenheit dienten fast alle Veranstaltungen der Branche der Präsentation neuer Automodelle und der Selbstbeweihräucherung. Den Kontakt mit Umweltschützern scheute man wie der Teufel das Weihwasser. Und der Dialog mit der Politik spielte sich stets unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit ab – und beschränkte sich auf die Spitzen von Regierungen und Parlamenten. Selbst mit den eigenen Kunden pflegen die Hersteller bis heute erstaunlich wenig Dialog. Das fängt beim unpersönlichen Bestellprozess für Neuwagen an und endet bei der Verweigerung von Auskünften bei Pannen und Rückrufaktionen. Wer es nicht glaubt, sollten mal mit den vielen Autobesitzern sprechen, die monatelang auf eine neue Software für ihre Dieselfahrzeuge warten mussten.

Klimaschutz und SUVs passen nicht zusammen

Hinter der mangelnden Dialogbereitschaft der Autobranche steckt die heimliche Einsicht, dass sich manche Positionen künftig einfach nicht mehr halten lassen. Sonntagsreden über den Klimaschutz zu halten, aber weltweit immer mehr schwere SUV-Monstertrucks in die Märkte zu drücken, dass geht nur schwer zusammen. Nach Jahren höchster Gewinne staatliche Subventionen für die Elektromobilität einzufordern, auch nicht. Es fehlt an Überzeugungskraft gegenüber den Bürgern die nach dem Dieselskandal viel Vertrauen in die Industrie verloren haben. Es wiederzugewinnen, kann man nicht an den Branchenverband delegieren. Die Chefs der großen Autohersteller müssen sich persönlich ihren Kritikern stellen, selbst wenn sie dabei keine schnellen Erfolge erzielen können.

Witzigerweise diskutiert gegenwärtig die ganze deutsche Industrie über den Begriff „Purpose“, den wahren Sinn und Zweck eines Unternehmens und seiner Marken. Gerade die Autobranche muss ihn neu definieren – und kann ihn nur durch einen gesellschaftlichen Dialog finden. Einfach mehr mit möglichst vielen Menschen zu sprechen, bringt in der Regel mehr, als einen Purpose-Berater zu engagieren.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.