Kommentar Der Anfang vom Ende des Falls Glyphosat

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Nach der schmerzlichen Niederlage vor einem amerikanischen Gericht bleibt Bayer mittelfristig nur ein Rückzug auf Raten aus dem Glyphosat-Geschäft. Bernd Ziesemer über die Folgen des gescheiterten Vergleichs für den Bayer-Konzern

Halsstarrigkeit ist im Umgang mit einem selbstbewussten amerikanischen Richter nicht unbedingt die beste Strategie. Diese bittere Erfahrung musste die Bayer AG nun auch vor dem Bezirksgericht von Nordkalifornien machen. Schon im ersten Anlauf war der deutsche Konzern mit dem Versuch gescheitert, künftige Klagen gegen seinen umstrittenes Unkrautmittel Roundup durch verschiedene Winkelzüge auszuhebeln . Nun scheiterte der Vergleich endgültig am eisernen Widerstand von Richter Vince Chhabria. Damit kann Bayer zwar die meisten Altklagen mit einigen Milliarden Euro beilegen, aber muss sich wahrscheinlich in den nächsten Jahren weiter mit Hunderten von Amerikanern auseinandersetzen, die Roundup für ihre Krebserkrankung verantwortlich machen.

Bayer-Chef Werner Baumann reagierte schon am Tag nach dem Urteil mit einem „Fünf-Punkte-Plan“. Die meisten seiner länglichen Ankündigungen entpuppen sich als heiße Luft. Zwei Punkte aber sollte man sich merken: Erstens will der Konzern einzelne Fälle nun ausdrücklich bis zum Obersten Gericht der Vereinigten Staaten durchfechten. Man erhofft sich schon Mitte des Jahres ein erstes Urteil, das mehr Rechtssicherheit für den Konzern bringen soll. Kann sein. Kann aber auch schwer nach hinten losgehen. Zweitens will Bayer nun „umgehend mit Partnern diskutieren“, ob amerikanische Privatkunden künftig noch Glyphosat-Produkte kaufen können. An amerikanische Landwirte und andere professionelle Nutzer will der Konzern sein Unkrautmittel auf jeden Fall, so Baumann, weiter ausliefern.

Funktioniert das Glyphosat-Manöver?

Der 27. Mai könnte so in die traurige Geschichte der Monsanto-Übernahme als Anfang vom Ende des Falls Glyphosat eingehen. Nach dieser Ankündigung kann Baumann kaum noch zurück. Über kurz oder lang steht der Einsatz von Roundup für den Hausgebrauch vor dem Aus. Und das vermutlich nicht nur in den USA, sondern überall. Der Konzern könnte die Zahl der Klagen so reduzieren, ohne sich einen Umsatzverlust in Milliardenhöhe einzuhandeln. Denn entscheidend für die Gewinn- und Verlustrechnung ist das Geschäft mit den Landwirten, die mit Glyphosat erst ihr Unkraut vernichten und dann Glyphosat-resistentes Saatgut teuer von Bayer kaufen und pflanzen.

Baumanns Strategie basiert auch auf der Annahme, dass es professionelle Anwender sehr viel schwerer vor US-Jurys haben dürften, wenn sie Bayer für eine Erkrankung haftbar machen wollen. Bei ihnen kann ein Gericht voraussetzen, dass sie sich vor dem Einsatz des Mittels ausführlich informieren und sich selbst so gut wie möglich schützen.

Ob das neue Manöver funktioniert, steht trotzdem dahin. Die Bayer-Aktionäre dürften weiter Druck machen, den Fall Glyphosat juristisch ganz abzuhaken. Prozesse, die noch über viele Jahre immer wieder für Aufsehen sorgen, könnten den Kurs der Aktie langfristig drücken. Schon jetzt notiert sie mit einem erheblichen „Glyphosat-Abschlag“. Die Belastung der Bayer-Manager mit der Causa Roundup mindert generell die Agilität des Konzerns. Und auch in der Politik und der breiten Öffentlichkeit dürfte Bayer nicht aus der Schusslinie geraten. Fünf-Punkte-Plan hin oder her.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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