KolumneWarum Bayer gegen sich selbst klagt

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Am 12. Mai geht es für Bayer in den USA in die nächste wichtige Runde im Streit um den Unkrautvernichter Roundup und die möglicherweise krebserregende Wirkung seines Glyphosat-Wirkstoffs. Nach einem monatelangen Verhandlungsmarathon der beteiligten Anwaltskanzleien ruft Richter Vince Chhabria erneut zu einer Anhörung, bei der es vor allem um die Regelung künftiger Klagen geht. Bayer will Roundup unbedingt weiter auf dem amerikanischen Markt anbieten und daher nicht nur alle Altfälle beilegen, sondern sich auch gegen künftige Prozesse mit einer ausgefinkelten Lösung versichern. Dafür stehen noch einmal rund 2 Mrd. Dollar bereit. Ein entsprechender Vorschlag scheiterte im ersten Anlauf am erbitterten Widerstand des kalifornischen Richters.

Sollte es am 12. Mai tatsächlich vorwärts gehen für Bayer, wäre das ein wichtiger Etappensieg für den gebeutelten Konzern. Ein Ende der Prozessflut in den USA wäre damit aber noch lange nicht absehbar. Viele Kläger verweigern generell einen Vergleich und beharren auf ihrem Recht, individuell weiter gegen Bayer zu streiten. Und Dutzende von Anwaltskanzleien halten auch den neuen Bayer-Vorschlag zur Regelung künftiger Glyphosat-Klagen für nicht ausreichend. Viele Experten in den USA rechnen damit, dass am Ende einzelne Klagen vor dem Obersten Gericht in Washington landen.

Auch Bayer bereitet sich darauf vor – mit einem Manöver, das auf den ersten Blick seltsam wirkt. Ende März verzichtete der Konzern in einem der wichtigsten Fälle auf weitere Rechtsschritte und überwies dem krebskranken Platzwart Dewayne Johnson 20,5 Mio. Dollar Schadenersatz. Warum? Weil sich Bayer in diesem Fall keine großen Chancen vor dem Supreme Court ausrechnet. Umgekehrt zahlt der Konzern einem anderen Kläger aus der eigenen Kasse die Anwaltskosten, damit er weiter gegen Bayer klagt. Denn im Fall dieses ebenfalls krebskranken Mannes, John Carson, erhofft sich der Konzern ein höchstrichterliches Urteil, auf das man sich anschließend auch in anderen Verfahren berufen kann.

Bayer riskiert den letzten Rest an Reputation

Juristisch macht das alles aus Sicht des Konzerns durchaus Sinn. Bayer musste in der Vergangenheit die bittere Erfahrung machen, dass es einer außergewöhnlich guten Vorbereitung bedarf, um vor dem Obersten Gericht zu bestehen. Im Fall des Medikaments Lipobay tappte Bayer vor Jahren in die juristische Falle. 2001 zog der Konzern seinen Cholesterinsenker nach mehreren Todesfällen zwar komplett zurück, musste sich jedoch noch viele Jahre später immer neuen Klagen stellen. 2011 zog der Konzern vor das Oberste Gericht, um weitere Sammelklagen zu verhindern, scheiterte jedoch kläglich. Das soll, wenn es erneut zur juristischen Entscheidung kommt, nicht noch einmal passieren.

Was juristisch also durchaus verständlich ist, schadet dem guten Ruf des Konzerns in den USA gleichzeitig jedoch sehr. Welcher normale Amerikaner versteht, warum der Konzern indirekt gegen sich selbst klagt? Wer begreift, warum Bayer in einem Krebsfall 20 Mio. Dollar zahlt, aber gleichzeitig weiterhin jede auch noch so geringste Verantwortung abstreitet und weiterhin gute Geschäfte mit Roundup machen will? Durchaus möglich, dass Bayer am Ende vor dem Obersten Gericht gewinnt, zwischenzeitlich aber den letzten Rest an Reputation verspielt. Falls es am 12. Mai zum zweiten Mal nicht vorwärtsgeht mit dem Vergleich, stellen sich allerdings sowieso alle Fragen neu. Dann wird es richtig eng für Bayer – und für den Vorstandschef Werner Baumann sowieso.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.