KommentarDas schmutzige Geheimnis hinter dem E-Auto-Boom

Audis E-Tron wird geladen: Der Autobauer will sich 2026 vom Verbrenner verabschiedenIMAGO / Rupert Oberhäuser

Manchmal geschehen Dinge, die das Dilemma einer Zeit fast auf den Punkt genau widerspiegeln. Als vor dem Fußballspiel zwischen Frankreich und Deutschland am Dienstag ein Greenpeace-Aktivist mit einem motorisierten Gleitschirm in das Münchner Stadion flog, war dies nicht nur eine verantwortungslose und fahrlässige Idiotie, durch die zwei Menschen verletzt wurden und viele andere in Gefahr gerieten.

Der am Ende bruchgelandete Besucher schuf auch ein paradoxes Schauspiel: Ziel der Aktion, so hieß es, sei es gewesen, den Volkswagen-Konzern für seine anhaltende Produktion von Autos mit Verbrennungsmotor an den Pranger zu stellen. Eben jenes Unternehmen also, das bei dieser Europameisterschaft wirklich jeden verfügbaren Quadratmeter dafür nutzt, seine neuen E-Autos zu bewerben. „Kick out oil“ stand auf dem Gleitschirm, und das, obwohl die neuen VW-Modelle zumindest für den Antrieb kein Öl mehr benötigen.

Um die Verwirrung noch größer zu machen, fand die „Bild“-Zeitung anschließend heraus, dass der Bruchpilot selbst einen älteren VW Polo fährt, also offenbar immer noch Benzin tankt. Das ist nicht sonderlich verwerflich; dass politischer Anspruch und eigenes Handeln auseinanderklaffen, erlebt man auf allen Ebenen. Aber es zeigt eben auch, wie schwer es der Gesellschaft fällt, sich von alten Gewohnheiten zu verabschieden. Der Klimaschutz ist den meisten Menschen ein großes Bedürfnis, ihn umzusetzen ist aber oft komplizierter als gedacht.

Mehr E-Autos als je zuvor

Damit kommen wir zu einer Nachricht vom Ende dieser ereignisreichen Woche. Audi, also eine Volkswagen-Tochter, kündigte an, in fünf Jahren ausschließlich Autos mit Elektroantrieb zu bauen. Fünf Jahre, das ist erst nach der nächsten Fußballeuropameisterschaft, aber doch sehr, sehr bald. Auch der Konkurrent Daimler will, wie es heißt, „die Elektrifizierung seines Produktportfolios“ beschleunigen.

Was aber bedeutet das alles für das Land und seine Autofahrer? Ja – die Deutschen kaufen E-Autos, mehr als je zuvor. Im Jahr 2020 hatten mehr als 13 Prozent aller neu zugelassenen Pkw laut Kraftfahrtbundesamt einen elektrischen Antrieb. Dieser Trend setzt sich fort. Allerdings ist die Wahrheit dahinter komplizierter. Einen großer Teil der unter dieser Bezeichnung verkauften – oder in aller Regel geleasten – Fahrzeuge sind Plug-In-Hybride. Also Autos, die neben einem in seiner Reichweite begrenzten Elektroantrieb auch noch einen Verbrenner an Bord haben.

Dafür, dass das so ist, gibt es mehrere Gründe. Zum einen fehlt nach wie vor die Infrastruktur, um ein rein elektrisch angetriebenes Auto zuverlässig laden zu können. Gerade in den Großstädten, also dort, wo sich kleine Batteriefahrzeuge wirklich lohnen würden (und wo sie auch ihre Fans finden), ist es schwierig: Wer in einer Altbauwohnung im zweiten Stock wohnt, hat derzeit in der Regel keine Chance, vor dem eigenen Haus zu laden. Und die Station an der Ecke wird oft von elektrischen Carsharing-Autos genutzt.

Vollmundige Forderungen sind leicht

Zum anderen sind die Deutschen schon immer Sicherheitsfanatiker gewesen: Es mag ja sein, dass man im Alltag nur zwölf Kilometer am Tag zurücklegt. Aber was, wenn ich dann doch mal von Köln nach Stuttgart muss? Also lieber noch eine Rückfalloption, sprich: Verbrenner.

Vor allem aber fallen auch Plug-in-Hybride unter zwei Regelungen, die derzeit den Elektro-Markt anheizen wie nichts anderes: Sie werden massiv vom Staat gefördert, mit bis zu 6750 Euro pro Neuwagen. Und sie werden als Dienstwagen steuerlich begünstigt. Nicht so stark wie das Voll-Batterieauto, aber immer noch so, dass es attraktiv ist. Ob der Fahrer dann tatsächlich elektrisch, also zumindest vor Ort emissionsfrei, fährt oder das Ladekabel eingeschweißt im Kofferraum liegen lässt, bekommt niemand mehr mit.

Es ist das schmutzige Geheimnis hinter dem E-Auto-Boom in diesen Tagen: Der Staat pusht eine Technik, die nur in Teilen tatsächlich dazu dient, die CO2-Emissionen zu senken. Die Industrie drückt diese Modelle mit Gewalt in den Markt, weil sie ihr dabei helfen, den Flottenausstoß an CO2 auf dem Papier zu reduzieren – und damit EU-Strafzahlungen zu vermeiden. Und trotz allem Elektro-Hype fährt und kauft die große Mehrheit der Deutschen immer noch Autos mit Benzin- oder Dieselmotor.

Ankündigungen und vollmundige Forderungen sind leicht, für CEOs, Aktivisten und Politiker. Am Ende sind derzeit aber doch noch alle ganz froh, wenn irgendwo noch ein Polo in der Garage steht.

 


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