ManagementDas Meinungsdiktat der Schreihälse

Peter Brandl
Peter Brandl

Peter Brandl ist Kommunikationsprofi, Berufspilot, Unternehmer, Fluglehrer und Autor. Seit über 20 Jahren gehört er zu den gefragtesten Vortragsrednern im deutschsprachigen Raum. Zuletzt erschien im Gabal Verlag sein Buch „Hudson River. Die Kunst schwere Entscheidungen zu treffen“ www.peterbrandl.com 


Warum finden nette Männer oft keine passenden Frauen? Weil die bedachteren Mitglieder der männlichen Spezies zu lange nach den besten Worten suchen, wenn ihnen eine Frau gefällt. Und schon kommt ein vorlauter Casanova mit billigen Komplimenten daher und reitet mit der Angebeteten in den Sonnenuntergang. Was das nicht nur mit der Flüchtlingskrise zu tun hat, sondern mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im großen Ganzen? Schon Marie von Ebner-Eschenbach war aufgefallen: „Der Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit.“

Aber warum schweigen so viele, die etwas zu sagen hätten und überlassen den Extremisten das Feld? Weil nachdenkliche Menschen immer auch konstruktiv Hinterfragende sind, und weil sie sich von den Lautsprechern mit ihren einfachen Lösungen den Schneid abkaufen lassen. Das Bedenkliche an der aktuellen Gesprächskultur ist nicht das, was in den Außenbezirken der Meinungen herausplatzt, sondern das, was in der Mitte ungesagt oder ungehört bleibt. Denn dort sitzen die klugen Zweifler, die Bedächtigen, die zuerst denken, bevor sie reden. Nur leider kommen die immer zu spät mit ihren Worten, weil die Schreihälse schon da sind.

Was wir gerade erleben, ist eine neue Art Sprechverbot, das alles Durchdachte mundtot macht – einfach durch die Lautstärke, mit der sich die Radikalen bekriegen. Viele dieser Hardliner sind so überzeugt von sich, dass sie jede Differenzierung mit dem Holzhammer erschlagen. Kämpfte man früher noch darum, Menschen mit entgegengesetzter Meinung zu überzeugen, schürt man deren Widerspruch heute sogar. Warum? Weil der Krieg gegen ein Extrem das eigene Extrem legitimiert.

Lautstärke bestimmt die Meinungsbildung

Für einen Kommunikationsexperten wie mich ist das erschreckend, aber auch hochinteressant. Wir erleben eine tiefgreifende Veränderung der Kultur. Die eigentliche Frage dabei lautet: Was war zuerst, die Henne oder das Ei? Ist der Schwarm plötzlich dümmer geworden, und die Politik folgt, weil sie den Volkswillen respektiert? Kann die „alte Mitte“ das Kauderwelsch der Berufspolitiker nicht mehr hören und will klare Kante in unklaren Verhältnissen? Kann die Politik eigentlich noch mit klaren Linien und Kanten führen? Oder ist eine klare Aussage eines Politikers schon sein sicherer Untergang, weil er dafür von Medien und Besserwissern zerfleischt werden würde?

Vielleicht ist es von allem etwas. Im Ergebnis aber findet die öffentliche Meinungsbildung nicht mehr in der goldenen Mitte statt, sondern wird durch die Lautstärke an den Polen bestimmt. Wer mehr Leute hinter sich schart und gemeinsam mehr Lärm erzeugt, gewinnt. Das hätte verhindert werden können durch Ehrlichkeit und Verständlichkeit. Aber so lange Kommunikationstrainings für Politiker darauf abzielen, bloß nichts Falsches anstelle der nachvollziehbaren Wahrheit zu sagen, wird sich dieses Blatt nicht mehr wenden.

Über eines müssen wir uns schon rein logisch im Klaren sein: In komplexen Verhältnissen funktionieren keine einfachen Lösungen. Das ist so sicher, wie Wasser nass ist. Wenn Menschen da für billige Schlagworte empfänglich werden, hat das Gründe, die wir verstehen müssen. Und diese Gründe sind viel mehr emotional als rational. Wir müssen hinhören und die Ängste zuerst verstehen, bevor wir sie zerstreuen können. Mit Logik und Rhetorik allein ist es nicht getan. Denn eine klare Kommunikation benötigt immer Empathie – und das weniger, um verstanden, sondern um angenommen zu werden.

Toleranz wird mit Füßen getreten

Die Flüchtlingsfrage zeigt sehr drastisch, was sich überall in der Art abzeichnet, in der Menschen kommunizieren. Wer nicht entweder Ja oder Nein meint, ist entscheidungsschwach. Wer „sowohl als auch“ sagt, hat kein Rückgrat. Die Toleranz, auf die wir niemals verzichten wollten, wird mit Füßen getreten. Sie gilt bestenfalls noch denen, die nah der eigenen und paradoxerweise der total entgegengesetzten Meinung sind. Im ersten Fall ist das nicht nur unglaublich einfach. Es ist außerdem keine Toleranz mehr, die ja bedeutet, den Andersdenkenden zu respektieren. Das absolute Gegenteil wird aus taktischen Gründen akzeptiert, weil dessen Gelärm die eigene Lautstärke rechtfertigt. Je eindimensionaler die Vorschläge der anderen sind, desto simpler dürfen die eigenen Konzepte sein. Störend sind da nur die Stimmen, die dieser Form des Machtkampfes mit Hirn begegnen könnten und denen es um Lösungen statt um Positionen geht. Die werden so lange niedergebrüllt, bis sie von selbst nichts mehr sagen.

Das Schlimmste daran ist, dass es mit dem „Nicht-sagen-dürfen“ beginnt und bei einem „Nicht-denken-können“ endet. Wenn gute Ideen nicht mehr ausgesprochen werden, weil sie eh keiner hört, werden sie irgendwann auch nicht mehr gedacht. Wir erleben das an allen Ecken und Enden. Kämpferische Meetings in vielen Unternehmen sind ein gutes Beispiel, wie die Kommunikation in der Wirtschaft überhaupt. Der Umgang ist aggressiv, die Metaphern sind militärisch, der Stärkere gewinnt. Wie sagt doch der Volksmund so schön? „Totgesagte leben länger“, und es scheint, dass Machiavelli gerade wiederaufersteht. Konfrontation statt Kooperation heißt die Devise.

Doch was die Welt heute tatsächlich braucht, ist eine Kommunikation, die Vielfalt zulässt, ja geradezu herausfordert, weil die neuen Herausforderungen zu komplex für ein einfaches „Aus A folgt B und daraus C“ geworden sind. Doch dafür bräuchte es halt ein „Verstehen wollen“. Die Verarmung, die wir gerade erleben, ist die Resignation des Klügeren vor dem Dümmeren. Und am Ende wird der Kluge der Dumme sein.

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