KolumneDas Ende der Geduld bei Thyssenkrupp

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerMartin Kress

Rote Transparente und Trillerpfeifen, Pfeifkonzerte und Gewerkschaftsparolen: Wenn es in diesem Tagen im Fernsehen um Thyssenkrupp geht, dann dominieren protestierende Arbeiter die Bilder. Doch in Wahrheit muss Konzernchef Heinrich Hiesinger nicht einen Aufstand seiner Arbeiter fürchten, sondern einen Aufstand seiner Aktionäre.

Die Interessen beider Protestgruppen könnten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Den Beschäftigten geht die geplante Ausgliederung der Stahlsparte viel zu weit – vielen Aktionären nicht weit genug. Und noch einen großen Unterschied gab es bisher: Während die Arbeiter schon mehrfach auf die Straße gingen, äußerten die wichtigsten Aktionäre des Konzerns ihre Kritik bisher nur hinter verschlossenen Türen.

Doch das ändert sich gerade: Lars Förberg, der Gründungspartner des Thyssenkrupp-Großaktionärs Cevian, setzt Hiesinger jetzt auch öffentlich unter Druck. In einem spektakulären Interview im „Handelsblatt“ distanzierte sich der Schwede am vergangenen Freitag klar von seinem Vorstandschef: Hiesingers Strategie habe „nicht das geliefert, was man versprochen hat“. Die Ausgliederung des Stahlbereichs in ein Joint-Venture mit dem indischen Wettbewerber Tata reiche nicht aus, notwendig seien ganz neue Strukturen im Gesamtkonzern.

So kann es bei Thyssenkrupp nicht weitergehen

Um die Brisanz dieser Kritik zu verstehen, muss man sich Cevian etwas genauer anschauen. Der schwedische Fonds gehört zu den sogenannten aktivistischen Investoren. Sie steigen in einen Konzern ein, wenn sie nach langer Prüfung fundamentale Werte entdecken, die sich ihrer Meinung nach nicht ausreichend im Börsenkurs niederschlagen. Sie gehen mit langem Atem ans Werk, um eine neue Strategie und niedrigere Kosten in einem Konzern zu erzwingen. Dabei scheuen sie auch nicht davor zurück, Vorstände gehörig unter Druck zu setzen und gegebenenfalls auszutauschen, wenn sie nicht für bessere Zahlen sorgen.

Normalerweise äußert sich Cevian jedoch mit keinem einzigen Wort öffentlich über die Konzerne, an denen sich der Fonds beteiligt hat. Die Schweden halten über 15 Prozent an Thyssenkrupp. Der Cevian-Partner Jens Tischendorf sitzt seit einer Weile im Aufsichtsrat des Konzerns und kann seine Kritik dort anbringen, wann immer er es für notwendig hält. Dass sich Forsberg nun öffentlich von Hiesinger distanziert und einen radikalen Umbau des Unternehmens fordert, gleicht einer veritablen Verzweiflungstat.

Im Aufsichtsrat stoßen die Schweden mit ihren Forderungen seit langem auf Granit. Der Vorsitzende Ulrich Lehner und einige seiner Getreuen tricksen Cevian immer wieder aus. Mit dem zweiten Großaktionär im Rücken, der Krupp-Stiftung, verhindern sie eine Reform an Haupt und Gliedern. Doch die Cevian-Vertreter haben im Grundsatz recht: So wie bisher kann es bei Thyssenkrupp nicht weitergehen. Nicht nur die Stahlsparte, sondern auch andere Bereiche sorgen abwechselnd immer wieder für schlechte Nachrichten. Die profitable Aufzugssparte aber ist allein deutlich mehr wert als der ganze Konzern. Der Kurs der Thyssenkruppe-Aktie bleibt seit Jahren hinter dem Dax-30 zurück. Durch eine geschickte Öffentlichkeitsarbeit erzeugen die Konzernmanager den Eindruck, dass sich alles zum Guten wendet. Doch die Zahlen sprechen leider eine andere Sprache.