ManagementDas Chef-Knall-Phänomen

Hand auf Schulter
Der Chef-Knall: Die übermäßige Förderung eines Mitarbeiter kann im Desaster enden
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Lucy Kellaway ist Kolumnistin bei der Financial Times. Seit 15 Jahren schreibt sie über Managementthemen und den Büroalltag (Foto: © Picture Press)


X ist ein beeindruckender und ein wenig Furcht einflößender CEO. Y ist ein smarter junger Mann, der für sein Unternehmen arbeitet. Sie werden noch nie von ihm gehört haben, außer wenn sie auch dort arbeiten. In diesem Fall werden sie schon bei der Erwähnung seines Namens mit den Zähnen knirschen.

Als Y vor etwa drei Jahren eingestellt wurde, fand X sofort Gefallen an ihm. Und er entschied, dass Y ein Mann mit außerordentlichen Talenten sei. Nach kurzer Zeit wurde Y Leiter einer großen Abteilung. Weil er aber weder über die Erfahrung noch über die Persönlichkeit für die Aufgabe verfügt, vermasselte Y den Job. Eine Reihe älterer Kollegen protestierte, sie wurden aber zum Schweigen gebracht. Der CEO kann und will nicht wahrhaben, dass sein Protegé ein Flop ist. Er ist zu sehr von ihm überzeugt.

Diese Geschichte, die ich ein wenig abwandeln musste, um mich nicht selbst in Schwierigkeiten zu bringen, ist ein alltäglicher Fall. Aber es ist kein Thema, über das Managementexperten reden. Stattdessen befassen sie sich ständig mit unbewussten Vorurteilen – dem in Mode geratenen Erklärungsansatz, warum Manager falsche Entscheidungen über Mitarbeiter treffen. Führungskräfte werden in Seminare gesteckt, um ihre subtilen und verborgenen Vorurteile ans Tageslicht zu fördern. Aber niemand scheint sich daran zu stören, wenn die Vorurteile des Bosses weder subtil noch verborgen, sondern so ungeheuerlich sind, dass sie jeder sehen kann. Mit Ausnahme des Chefs selbst, der seine Vorurteile nicht sieht, und sich stattdessen selbst für seine Weitsicht bei der Entdeckung eines außergewöhnlichen Talents gratuliert.

Der Chef-Knall trübt die Urteilskraft

Das Syndrom, ein wesentlicher Charakterfehler einiger herausragender Manager, braucht einen Namen und deshalb nenne ich es „Boss Crush“ – Chef-Knall. Er entsteht, wenn eine Führungskraft sich in jemanden verknallt, seine Urteilskraft verliert und für Ratschläge nicht erreichbar ist. Damit ist das Desaster vorgezeichnet.

Ein solches Theater führten vor einiger Zeit David Cameron und Camila Batmanghelidjh auf. Der Premierminister verknallte sich in die faszinierende Leiterin der Kids Company mit ihrem regenbogenfarbenen Turban. Große Mengen Bargeld flossen in ihre Wohltätigkeitsorganisation; Beamte stellten Fragen, aber nichts passierte, bis die Dinge so spektakulär falsch liefen, dass der Hahn zugedreht werden musste.

Vor mehr als 30 Jahren kam ich zum ersten Mal mit dem Chef-Knall-Phänomen in Berührung. Damals war ich selbst das Liebesobjekt. Ich wurde von einem knurrigen Manager ausgewählt, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dass ich rundherum wundervoll sei. Ich bekam einen Job, von dem ich nicht wusste, wie ich ihn erledigen sollte. Und trotz meiner mäßigen Leistung wurde mir wiederholt gesagt, dass ich den Job brillant mache.

Es hat mit Macht zu tun

In mancherlei Hinsicht fand ich es schön, weil ich eine Schwäche dafür habe, genial genannt zu werden. Nicht so schön war das Gefühl zu sehr gefördert zu werden, und was noch weniger schön war, dass meine Kollegen mich nicht zu schätzen schienen. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie es enden würde: Der betreffende Mann wurde wegen diverser Vergehen gefeuert und ich bin kurze Zeit später gegangen.

Ich habe seitdem ein starkes Interesse am Chef-Knall-Phänomen, und versuche einige Schlussfolgerungen zu ziehen:

Erstens: Es hat nur wenig mit Sex zu tun, aber viel mit Macht. Die Objekte für den Knall der Mächtigen sind sowohl Männer als auch Frauen. Zweitens: Es ist so willkürlich wie die richtige Liebe. Manchmal verfällt ein älterer Chef jemanden, der ihn an sich selbst erinnert. Aber manchmal ist das Objekt der Begierde völlig anders. Manchmal ist der/die Geliebte brillant. In anderen Fällen ist er/sie eine Last. Meistens ist es eine Mischung aus beiden.

In vielen Fällen hat das Objekt durch eine brillante Anziehungskraft-Kampagne die Aufmerksamkeit auf sich selbst gelenkt. (Jeder, der nicht daran glaubt, dass Anziehungskraft funktioniert, sei ein Blog von Marshall Goldsmith empfohlen über die Liebe zu Hunden. Sie sind die erfolgreichsten Aufsauger überhaupt).

Einige Objekte der Begierde haben eine derartige Aufmerksamkeit niemals herausgefordert. Mir fällt dabei ein mürrischer und schweigsamer Bekannter ein, der obendrein noch jeder Macht mit großer Skepsis begegnete – und trotzdem von einem ihn verehrenden Manager hofiert wurde.

Es gibt keine Lösung

Wie die richtige Liebe macht auch der Chef-Knall blind. Schlimmer noch, wenn der Chef das Objekt der Liebe öffentlich als förderungswürdig eingestuft hat, ist es sein ganzer Stolz. Das Objekt der Verknalltheit muss einfach gut sein; nichts anderes zählt. Warnsignale werden ignoriert, die Wahrheit tritt erst zutage, wenn es zu spät ist. In dem Fall sind die Folgen des Knalls brutal – der frühere Geliebte wird mit Zorn und Verachtung behandelt. Und normalerweise wird er letztendlich gefeuert.

Das beunruhigendste an diesem Phänomen ist, dass es keine Lösung gibt. Man kann Chefs nicht vor dem Verknalltsein bewahren genauso wenig wie Teenager. Man kann sich lediglich den Typus Mensch einprägen, dem der Chef zuneigt, und gewarnt sein.

Ohne über irgendwelche Studien zu verfügen, also nur auf meine eigenen Beobachtungen gestützt, würde ich sagen, dass diejenigen für den Chef-Knall am anfälligsten sind, die unglaublich überzeugt sind von ihrer eigenen Urteilskraft. Sie sind irgendwie isoliert und tendieren zu Stärke und Charisma. Das erweist sich als überhaupt nicht nützlich – sie sind nur die Sorte von Leuten, die beste Chancen haben, ganz nach oben zu kommen.

Copyright The Financial Times Limited 2016

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