KommentarDanke Großbritannien!


Ines Zöttl ist leitende Redakteurin bei Capital


Der Punkt für den besten Schlusssatz im ohrenbetäubenden Nach-Brexit-Wortgewitter geht an den EU-Ratspräsidenten Donald Tusk. „Was Dich nicht umbringt, macht Dich stärker.“ Diese zur Schau getragene Gelassenheit ist selbstverständlich politisches Kalkül, schon um die hysterisierenden Finanzmärkte zu beruhigen. Aber dennoch wohltuend.

Oder anders gesagt: Was hat Europa in dieser „Schicksalsnacht“ eigentlich verloren, in der 52 Prozent der Briten und damit die Mehrheit die EU abgewählt haben?

Nüchtern betrachtet: nichts. Bis auf weiteres noch nicht einmal ein Mitglied. Die Trennung würde nach den Bestimmungen des EU-Vertrags allerfrühestens in zwei Jahren vollzogen. Wenn sie denn vollzogen wird. Das ist das Formale.

Aber auch materiell: Ginge es der EU wirklich besser, wenn die Briten sich mit 52 Prozent für den Verbleib entschieden hätte? Sicher nicht. Das Votum als das Problem zu sehen, verkehrt die Sachlage. Europas Problem ist seine traurige Verfasstheit, nicht die Abstimmung darüber.

Unsicherheit – Gift für die Wirtschaft

Erst einmal sind es die Briten selbst, die die A…karte gezogen haben. Zwar haben die Brexiters recht: Die Wirtschaftsnation kann auch außerhalb der EU prosperieren, andere Länder schaffen das ja auch. Aber das ist die langfristige Perspektive. Auf kurze Sicht – und kurz meint in diesem Fall Jahre – hat sich Großbritannien freiwillig in einen Albtraum katapultiert. Denn zumindest in einer Erkenntnis sind sich Ökonomen aller Schattierungen einig: Nichts verträgt Wirtschaft so schlecht wie Unsicherheit. Ein „Out“-Votum aber, das frühestens und vielleicht in zwei Jahren in Kraft tritt, ist Unsicherheit in der Zehnerpotenz.

Eine Blütezeit werden in nächster Zeit nur die Anwaltskanzleien und Wirtschaftsberater erleben, die mit Zukunftssorgen Geld verdienen: die für verunsicherte Firmenchefs für satte Gebühren B-Pläne, Szenarios, Rückfallpositionen oder Optionen entwickeln.

Zugleich wird die Brexit-Entscheidung die britische Politik lähmen. Nicht nur, weil mit dem Rücktritt Camerons in der Regierungspartei die Schlacht um Karrieren voll entbrennen wird. Sondern vor allem, weil in den Ministerien und Behörden nun tonnenweise Papiere gewälzt und entworfen werden müssen, um im Fall des Falles vier Jahrzehnte EU-Ehe abzuwickeln, statt Wirtschafts- und Standortpolitik zu machen.

Raus aus „dieser“ EU

Die anderen 27 können den Briten daher nur dankbar sein: dass sie die Last des EU-Crashs schultern, von dem klar war, dass er kommt, nur nicht wo. Die Wörter für den Morgen danach liegen in vielen Ländern schon lange bereit: Uscitalia, Frexit, Nexit. Auf den Verbleib welchen Landes würde irgendjemand bei klarem Verstand noch eine Million setzen? Der litauische EU-Parlamentarier und ehemalige Poker-Profi Antanas Guoga hat seine mit dem Brexit gerade verloren. Selbst in Schottland, wo angeblich das Herz der Europhilie schlägt, haben nur 62 Prozent für die EU gestimmt. Eine Mehrheit ja, aber bestimmt kein Hurra für Europa. Und wie viel würde man noch auf die Bündnistreue der Deutschen wetten?

Nicht alle derjenigen Briten, die für „leave“ stimmten, wollen wirklich raus aus der EU. Aber sie wollen raus aus dieser EU. Und dieses Gefühl teilen sie mit vielen der über 400 Millionen EU-Bürger, die am Donnerstag nicht abgestimmt haben.

Viel ist nun von der Gefahr eines Domino-Effekts die Rede. Doch Europas Steine wackeln längst so heftig, dass sie keinen Anstoß mehr brauchen, um zu fallen. Es könnte auch der gegenteilige Effekt eintreten: Manch europamüder Franzose, Italiener oder Deutsche wartet nun vielleicht erst mal ab, wie es bei den Briten läuft.

Chance für einen Neustart

Es ist paradox: Die Briten haben gegen die EU gestimmt und der Gemeinschaft damit womöglich sogar einen Gefallen getan. Denn nun können ihre Politiker anpacken, was sie immer wieder versprochen, aber immer aufgeschoben haben, weil Weiter-wie-bisher nach jedem Schrecksekunde der Vergangenheit sich als dann doch als bequemer und – scheinbar – gefahrloser – erwies, als alles in Frage zu stellen.

Vielleicht gelingt es, den britischen Big Bang zum Neustart zu nutzen. Vielleicht zeigt sich aber auch, dass die Gemeinsamkeiten nicht reichen für das große Projekt. Dass die einen nur eine Zollunion wollen, die anderen eine politische Union. Dass Subsidiarität und Harmonisierungsnotwendigkeiten sich nicht zur Deckung bringen lassen. Womöglich ist eine EU-Hauptstadt Brüssel den Bürgern des Kontinents einfach zu weit weg, um sich von dort regieren zu lassen. Wenn das so ist, dann hätte die EU in dieser Form keine Zukunft – auch wenn die Briten für den Verbleib gestimmt hätten. Dann wird es andere Formen der Zusammenarbeit geben, ein Europa der mehreren Geschwindigkeiten.

Aber vielleicht gelingt es. Dann wäre das ein guter Grund, in Großbritannien ein neues Referendum über die neue EU abzuhalten. Und dann werden die Briten für Remain stimmen.

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