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Pläne der EU-Kommission Carbon Farming: Können CO2-Speicher das Klima retten?

Zwei Kühe auf einer Wiese
Rinder auf Weideland fördern die Kohlenstoffspeicherung sowie das Wurzelwachstum
© IMAGO / Roland Hartig
310 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente will die EU bis 2030 einsparen. Dabei sollen auch CO2-Speicher in der Landwirtschaft helfen, sogenanntes Carbon Farming. Politik und Industrie sehen darin eine große Chance für das Erreichen der Klimaziele, Umweltschützer fürchten Greenwashing

Dieser Artikel liegt Capital.de im Zuge einer Kooperation mit dem Europe.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn Europe.Table am 18. Juli 2022.

Klar ist: Ohne die systematische Abspaltung und Speicherung von Treibhausgasen aus der Atmosphäre können die Klimaziele des Pariser Abkommens und der Europäischen Union nicht erreicht werden. Das belegen mehrere wissenschaftliche Studien, darunter die Berichte des Weltklimarats (IPCC).

Klar ist aber auch: Technische Lösungen wie Carbon Capture and Storage (CCS) sind weit von einem flächendeckenden Einsatz entfernt und die Speicherfähigkeit natürlicher Senken wie Wälder und Moore geht seit Jahren zurück. Bis zum Jahr 2030 will die EU in den sogenannten LULUCF-Sektoren (Land Use, Land Use Change and Forestry) aber eine Senkleistung von 310 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente erreichen, danach muss es sogar noch mehr werden. Wie kann das gelingen?

Eine mögliche und marktbasierte Lösung heißt Carbon Farming. Im November will die Europäische Kommission einen Rechtsrahmen für die Zertifizierung von Treibhausgas-Senkleistungen, insbesondere für die Landwirtschaft, auf den Weg bringen. So sollen für Europas Bauern finanzielle Anreize entstehen, mittels entsprechender Ackerbaumethoden die CO2-Speicherfähigkeit der bewirtschafteten Böden signifikant zu erhöhen.

Erreicht werden soll das hauptsächlich, indem mehr Humus aufgebaut wird. Beispielsweise durch Zwischenfruchtanbau, aber auch den Einsatz spezieller Maschinen bei der Aussaat, wodurch die Struktur des Bodens erhalten bleibt und die CO2-Speicherung durch das Wurzelwerk über die Jahre steigt. Positive Nebeneffekte laut Kommission: Stärkung der Biodiversität, der Fruchtbarkeit der Böden sowie des Wasserhaushalts.

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Frankreich treibt Carbon Farming voran

Zuletzt hatte die französische Ratspräsidentschaft das Potenzial von Carbon Farming betont und das Thema vorangetrieben. Auch das Europäische Parlament arbeitet an einer Positionierung. Der entsprechende Bericht „Nachhaltige Kohlenstoffkreisläufe“ wurde am Montag im Umweltschuss vorgestellt und wirft in erster Linie Fragen auf. Carbon Farming könne zu einem Business Modell werden, doch die Kriterien dafür seien noch völlig unklar, sagte Berichterstatter Alexander Bernhuber (EVP) aus Österreich.

„Wie kann das CO2 dauerhaft im Boden gespeichert werden? Wie können wir das messbar machen und wie können daraus Zertifikate kreiert werden?“, fragt Bernhuber. Wichtig sei außerdem, Kohärenz mit anderen Programmen wie der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) zu schaffen, die nicht marktbasiert sind, sondern eine staatliche Förderung vorsehen. Hier müsse eine doppelte Honorierung vermieden werden.

Norbert Lins (CDU), Vorsitzender des Agrarausschusses, begrüßt die Pläne der Kommission. „Wer Emissionen senkt oder CO2 dauerhaft speichert, sollte für diese Leistung entlohnt werden. Klimaneutralität geht nicht nur mit Bio, sondern gerade auch mit konventioneller und regenerativer Landwirtschaft.“

Keine Pflicht zum Bio-Landbau

Tatsächlich soll die Teilnahme am Carbon-Farming-Programm nicht zur Bio-Landwirtschaft verpflichten. Der Einsatz von Pestiziden und mineralischem Dünger bleibt erlaubt. Das sei auch zwingend erforderlich, teilt der Industrieverband Agrar mit. Nur so könne die mechanische Bekämpfung von Unkraut, welche das im Boden gespeicherte CO2 wieder freisetze, vermieden und die Erträge gesichert werden.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament, sieht Carbon Farming kritisch. Vordergründiges Ziel müsse schließlich sein, die nach wie vor hohen Emissionen in der Landwirtschaft zu reduzieren, statt „technische Systeme zu erfinden“. Daneben würden Bio-Bauern, die bereits gute und speicherfähige Böden haben, für die erbrachten Leistungen nicht rückwirkend vergütet. „Das heißt, wer mit nachhaltiger Humuswirtschaft lange gewartet hat, wird jetzt dafür belohnt.“ Außerdem könne es nicht die Aufgabe der Landwirtschaft sein, Emissionen aufzufangen, die in industriellen Prozessen verursacht werden.

Umweltschützer sehen deshalb insbesondere die Gefahr des Greenwashings. Durch den vorgesehenen Handel mit Zertifikaten ließen sich Emissionen, die womöglich vermeidbar wären, leicht kompensieren, so der Tenor. „Wenn dieser Plan durchkommt, könnten sich die Verursacher von Umweltverschmutzung einfach freikaufen“, sagt Alex Mason aus dem WWF-Europabüro.

Start in den USA

Der Deutsche Bauernverband (DBV) begrüßt das Vorhaben der Kommission. Durch die Möglichkeit des Humusaufbaus komme der Landwirtschaft bei der CO2-Speicherung eine besondere Verantwortung zu. Doch diese Leistung müsse auch honoriert werden, fordert der Verband.

Die Bundesregierung setze in ihrem Klimaschutz-Sofortprogramm hingegen auf Flächenstilllegung und ökologische Landwirtschaft. Carbon Farming finde in dem Maßnahmenkatalog keine Erwähnung. Laut DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken „mehr als unverständlich“. Das Potenzial sei zu groß, um nicht genutzt zu werden.

Was in Europa noch in der Theorie diskutiert wird, ist in den USA bereits Realität. Ende Juni hat das Unternehmen Indigo Agriculture, welches das erste privatwirtschaftliche Carbon-Farming-Programm auf den Weg gebracht hat, die Ausgabe der weltweit ersten landwirtschaftlichen Kohlenstoff-Zertifikate verkündet. Damit macht sich Indigo einen bereits bestehenden und schnell wachsenden Markt zunutze: Freiwillige CO2-Kompensation (Carbon Offsetting) liegt im Trend und immer mehr Unternehmen legen Wert auf eine klimaneutrale Wertschöpfungskette ihrer Produkte (Scope 3 Emissionen), auch in der Nahrungsmittelbranche.

„In Europa testen wir unser Programm und wollen dazu beitragen, dass Carbon Farming auch in der EU zum hochwertigen Klimaschutzbeitrag der Landwirtschaft wird“, sagt Georg Goeres, Geschäftsführer von Indigo Agriculture Europe.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Table Media.


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